1
Sah ich dich wirklich nie? Mir ist das Herz
2
so schwer von dir wie von zu schwerem Anfang,
3
den man hinausschiebt. Daß ich dich begänne
4
zu sagen, Toter der du bist; du gerne,
5
du leidenschaftlich Toter. War das so
6
erleichternd wie du meintest, oder war
7
das Nichtmehrleben doch noch weit vom Totsein?
8
Du wähntest, besser zu besitzen dort,
9
wo keiner Wert legt auf Besitz. Dir schien,
10
dort drüben wärst du innen in der Landschaft,
11
die wie ein Bild hier immer vor dir zuging,
12
und kämst von innen her in die Geliebte
13
und gingest hin durch alles, stark und schwingend.
14
O daß du nun die Täuschung nicht zu lang
15
nachtrügest deinem knabenhaften Irrtum.
16
Daß du, gelöst in einer Strömung Wehmut
17
und hingerissen, halb nur bei Bewußtsein,
18
in der Bewegung um die fernen Sterne
19
die Freude fändest, die du von hier fort
20
verlegt hast in das Totsein deiner Träume.
21
Wie nahe warst du, Lieber, hier an ihr.
22
Wie war sie hier zuhaus, die, die du meintest,
23
die ernste Freude deiner strengen Sehnsucht.
24
Wenn du, enttäuscht von Glücklichsein und Unglück,
25
dich in dich wühltest und mit einer Einsicht
26
mühsam heraufkamst, unter dem Gewicht
27
beinah zerbrechend deines dunkeln Fundes:
28
da trugst du sie, sie, die du nicht erkannt hast,
29
die Freude trugst du, deines kleinen Heilands
30
Last trugst du durch dein Blut und holtest über.
37
O dieser Schlag, wie geht er durch das Weltall,
38
wenn irgendwo vom harten scharfen Zugwind
39
der Ungeduld ein Offenes ins Schloß fällt.
40
Wer kann beschwören, daß nicht in der Erde
41
ein Sprung sich hinzieht durch gesunde Samen;
42
wer hat erforscht, ob in gezähmten Tieren
43
nicht eine Lust zu töten geilig aufzuckt,
44
wenn dieser Ruck ein Blitzlicht in ihr Hirn wirft.
45
Wer kennt den Einfluß, der von unserm Handeln
46
hinüberspringt in eine nahe Spitze,
47
und wer begleitet ihn, wo alles leitet?
48
Daß du zerstört hast. Daß man dies von dir
49
wird sagen müssen bis in alle Zeiten.
50
Und wenn ein Held bevorsteht, der den Sinn,
51
den wir für das Gesicht der Dinge nehmen,
52
wie eine Maske abreißt und uns rasend
53
Gesichter aufdeckt, deren Augen längst
54
uns lautlos durch verstellte Löcher anschaun:
55
dies ist Gesicht und wird sich nicht verwandeln:
56
daß du zerstört hast. Blöcke lagen da,
57
und in der Luft um sie war schon der Rhythmus
58
von einem Bauwerk, kaum mehr zu verhalten;
59
du gingst herum und sahst nicht ihre Ordnung,
60
einer verdeckte dir den andern; jeder
61
schien dir zu wurzeln, wenn du im Vorbeigehn
62
an ihm versuchtest, ohne rechtes Zutraun,
63
daß du ihn hübest. Und du hobst sie alle
64
in der Verzweiflung, aber nur, um sie
65
zurückzuschleudern in den klaffen Steinbruch,
66
in den sie, ausgedehnt von deinem Herzen,
67
nicht mehr hineingehn. Hätte eine Frau
68
die leichte Hand gelegt auf dieses Zornes
69
noch zarten Anfang; wäre einer, der
70
beschäftigt war, im Innersten beschäftigt,
71
dir still begegnet, da du stumm hinausgingst,
72
die Tat zu tun –; ja hätte nur dein Weg
73
vorbeigeführt an einer wachen Werkstatt,
74
wo Männer hämmern, wo der Tag sich schlicht
75
verwirklicht; wär in deinem vollen Blick
76
nur so viel Raum gewesen, daß das Abbild
77
von einem Käfer, der sich müht, hineinging,
78
du hättest jäh bei einem hellen Einsehn
79
die Schrift gelesen, deren Zeichen du
80
seit deiner Kindheit langsam in dich eingrubst,
81
von Zeit zu Zeit versuchend, ob ein Satz
82
dabei sich bilde: ach, er schien dir sinnlos.
83
Ich weiß; ich weiß: du lagst davor und griffst
84
die Rillen ab, wie man auf einem Grabstein
85
die Inschrift abfühlt. Was dir irgend licht
86
zu brennen schien, das hieltest du als Leuchte
87
vor diese Zeile; doch die Flamme losch
88
eh du begriffst, vielleicht von deinem Atem,
89
vielleicht vom Zittern deiner Hand; vielleicht
90
auch ganz von selbst, wie Flammen manchmal ausgehn.
91
Du lasest's nie. Wir aber wagen nicht,
92
zu lesen durch den Schmerz und aus der Ferne.
93
Nur den Gedichten sehn wir zu, die noch
94
über die Neigung deines Fühlens abwärts
95
die Worte tragen, die du wähltest. Nein,
96
nicht alle wähltest du; oft ward ein Anfang
97
dir auferlegt als Ganzes, den du nachsprachst
98
wie einen Auftrag. Und er schien dir traurig.
99
Ach hättest du ihn nie von dir gehört.
100
Dein Engel lautet jetzt noch und betont
101
denselben Wortlaut anders, und mir bricht
102
der Jubel aus bei seiner Art zu sagen,
103
der Jubel über dich: denn dies war dein:
104
Daß jedes Liebe wieder von dir abfiel,
105
daß du im Sehendwerden den Verzicht
106
erkannt hast und im Tode deinen Fortschritt.
107
Dieses war dein, du, Künstler; diese drei
108
offenen Formen. Sieh, hier ist der Ausguß
109
der ersten: Raum um dein Gefühl; und da
110
aus jener zweiten schlag ich dir das Anschaun
111
das nichts begehrt, des großen Künstlers Anschaun;
112
und in der dritten, die du selbst zu früh
113
zerbrochen hast, da kaum der erste Schuß
114
bebender Speise aus des Herzens Weißglut
115
hineinfuhr –, war ein Tod von guter Arbeit
116
vertieft gebildet, jener eigne Tod,
117
der uns so nötig hat, weil wir ihn leben,
118
und dem wir nirgends näher sind als hier.
119
Dies alles war dein Gut und deine Freundschaft;
120
du hast es oft geahnt; dann aber hat
121
das Hohle jener Formen dich geschreckt,
122
du griffst hinein und schöpftest Leere
123
und beklagtest dich. – O alter Fluch der Dichter,
124
die sich beklagen, wo sie sagen sollten,
125
die immer urteiln über ihr Gefühl
126
statt es zu bilden; die noch immer meinen,
127
was traurig ist in ihnen oder froh,
128
das wüßten sie und dürftens im Gedicht
129
bedauern oder rühmen. Wie die Kranken
130
gebrauchen sie die Sprache voller Wehleid,
131
um zu beschreiben, wo es ihnen wehtut,
132
statt hart sich in die Worte zu verwandeln,
133
wie sich der Steinmetz einer Kathedrale
134
verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut.
148
Sei nicht beschämt, wenn dich die Toten streifen,
149
die andern Toten, welche bis ans Ende
150
aushielten. (Was will Ende sagen?) Tausche
151
den Blick mit ihnen, ruhig, wie es Brauch ist,
152
und fürchte nicht, daß unser Trauern dich
153
seltsam belädt, so daß du ihnen auffällst.
154
Die großen Worte aus den Zeiten, da
155
Geschehn noch sichtbar war, sind nicht für uns.
156
Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.