Sah ich dich wirklich nie? Mir ist das Herz

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Rainer Maria Rilke: Sah ich dich wirklich nie? Mir ist das Herz Titel entspricht 1. Vers(1900)

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Sah ich dich wirklich nie? Mir ist das Herz
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so schwer von dir wie von zu schwerem Anfang,
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den man hinausschiebt. Daß ich dich begänne
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zu sagen, Toter der du bist; du gerne,
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du leidenschaftlich Toter. War das so
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erleichternd wie du meintest, oder war
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das Nichtmehrleben doch noch weit vom Totsein?
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Du wähntest, besser zu besitzen dort,
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wo keiner Wert legt auf Besitz. Dir schien,
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dort drüben wärst du innen in der Landschaft,
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die wie ein Bild hier immer vor dir zuging,
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und kämst von innen her in die Geliebte
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und gingest hin durch alles, stark und schwingend.
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O daß du nun die Täuschung nicht zu lang
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nachtrügest deinem knabenhaften Irrtum.
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Daß du, gelöst in einer Strömung Wehmut
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und hingerissen, halb nur bei Bewußtsein,
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in der Bewegung um die fernen Sterne
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die Freude fändest, die du von hier fort
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verlegt hast in das Totsein deiner Träume.
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Wie nahe warst du, Lieber, hier an ihr.
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Wie war sie hier zuhaus, die, die du meintest,
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die ernste Freude deiner strengen Sehnsucht.
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Wenn du, enttäuscht von Glücklichsein und Unglück,
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dich in dich wühltest und mit einer Einsicht
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mühsam heraufkamst, unter dem Gewicht
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beinah zerbrechend deines dunkeln Fundes:
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da trugst du sie, sie, die du nicht erkannt hast,
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die Freude trugst du, deines kleinen Heilands
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Last trugst du durch dein Blut und holtest über.

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Was hast du nicht gewartet, daß die Schwere
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ganz unerträglich wird: da schlägt sie um
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und ist so schwer, weil sie so echt ist. Siehst du,
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dies war vielleicht dein nächster Augenblick;
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er rückte sich vielleicht vor deiner Tür
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den Kranz im Haar zurecht, da du sie zuwarfst.

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O dieser Schlag, wie geht er durch das Weltall,
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wenn irgendwo vom harten scharfen Zugwind
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der Ungeduld ein Offenes ins Schloß fällt.
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Wer kann beschwören, daß nicht in der Erde
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ein Sprung sich hinzieht durch gesunde Samen;
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wer hat erforscht, ob in gezähmten Tieren
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nicht eine Lust zu töten geilig aufzuckt,
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wenn dieser Ruck ein Blitzlicht in ihr Hirn wirft.
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Wer kennt den Einfluß, der von unserm Handeln
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hinüberspringt in eine nahe Spitze,
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und wer begleitet ihn, wo alles leitet?

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Daß du zerstört hast. Daß man dies von dir
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wird sagen müssen bis in alle Zeiten.
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Und wenn ein Held bevorsteht, der den Sinn,
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den wir für das Gesicht der Dinge nehmen,
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wie eine Maske abreißt und uns rasend
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Gesichter aufdeckt, deren Augen längst
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uns lautlos durch verstellte Löcher anschaun:
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dies ist Gesicht und wird sich nicht verwandeln:
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daß du zerstört hast. Blöcke lagen da,
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und in der Luft um sie war schon der Rhythmus
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von einem Bauwerk, kaum mehr zu verhalten;
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du gingst herum und sahst nicht ihre Ordnung,
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einer verdeckte dir den andern; jeder
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schien dir zu wurzeln, wenn du im Vorbeigehn
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an ihm versuchtest, ohne rechtes Zutraun,
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daß du ihn hübest. Und du hobst sie alle
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in der Verzweiflung, aber nur, um sie
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zurückzuschleudern in den klaffen Steinbruch,
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in den sie, ausgedehnt von deinem Herzen,
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nicht mehr hineingehn. Hätte eine Frau
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die leichte Hand gelegt auf dieses Zornes
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noch zarten Anfang; wäre einer, der
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beschäftigt war, im Innersten beschäftigt,
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dir still begegnet, da du stumm hinausgingst,
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die Tat zu tun –; ja hätte nur dein Weg
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vorbeigeführt an einer wachen Werkstatt,
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wo Männer hämmern, wo der Tag sich schlicht
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verwirklicht; wär in deinem vollen Blick
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nur so viel Raum gewesen, daß das Abbild
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von einem Käfer, der sich müht, hineinging,
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du hättest jäh bei einem hellen Einsehn
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die Schrift gelesen, deren Zeichen du
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seit deiner Kindheit langsam in dich eingrubst,
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von Zeit zu Zeit versuchend, ob ein Satz
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dabei sich bilde: ach, er schien dir sinnlos.
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Ich weiß; ich weiß: du lagst davor und griffst
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die Rillen ab, wie man auf einem Grabstein
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die Inschrift abfühlt. Was dir irgend licht
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zu brennen schien, das hieltest du als Leuchte
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vor diese Zeile; doch die Flamme losch
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eh du begriffst, vielleicht von deinem Atem,
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vielleicht vom Zittern deiner Hand; vielleicht
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auch ganz von selbst, wie Flammen manchmal ausgehn.
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Du lasest's nie. Wir aber wagen nicht,
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zu lesen durch den Schmerz und aus der Ferne.

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Nur den Gedichten sehn wir zu, die noch
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über die Neigung deines Fühlens abwärts
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die Worte tragen, die du wähltest. Nein,
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nicht alle wähltest du; oft ward ein Anfang
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dir auferlegt als Ganzes, den du nachsprachst
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wie einen Auftrag. Und er schien dir traurig.
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Ach hättest du ihn nie von dir gehört.
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Dein Engel lautet jetzt noch und betont
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denselben Wortlaut anders, und mir bricht
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der Jubel aus bei seiner Art zu sagen,
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der Jubel über dich: denn dies war dein:
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Daß jedes Liebe wieder von dir abfiel,
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daß du im Sehendwerden den Verzicht
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erkannt hast und im Tode deinen Fortschritt.
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Dieses war dein, du, Künstler; diese drei
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offenen Formen. Sieh, hier ist der Ausguß
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der ersten: Raum um dein Gefühl; und da
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aus jener zweiten schlag ich dir das Anschaun
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das nichts begehrt, des großen Künstlers Anschaun;
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und in der dritten, die du selbst zu früh
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zerbrochen hast, da kaum der erste Schuß
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bebender Speise aus des Herzens Weißglut
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hineinfuhr –, war ein Tod von guter Arbeit
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vertieft gebildet, jener eigne Tod,
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der uns so nötig hat, weil wir ihn leben,
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und dem wir nirgends näher sind als hier.

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Dies alles war dein Gut und deine Freundschaft;
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du hast es oft geahnt; dann aber hat
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das Hohle jener Formen dich geschreckt,
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du griffst hinein und schöpftest Leere
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und beklagtest dich. – O alter Fluch der Dichter,
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die sich beklagen, wo sie sagen sollten,
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die immer urteiln über ihr Gefühl
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statt es zu bilden; die noch immer meinen,
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was traurig ist in ihnen oder froh,
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das wüßten sie und dürftens im Gedicht
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bedauern oder rühmen. Wie die Kranken
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gebrauchen sie die Sprache voller Wehleid,
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um zu beschreiben, wo es ihnen wehtut,
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statt hart sich in die Worte zu verwandeln,
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wie sich der Steinmetz einer Kathedrale
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verbissen umsetzt in des Steines Gleichmut.

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Dies war die Rettung. Hättest du nur
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gesehn, wie Schicksal in die Verse eingeht
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und nicht zurückkommt, wie es drinnen Bild wird
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und nichts als Bild, nicht anders als ein Ahnherr,
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der dir im Rahmen, wenn du manchmal aufsiehst,
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zu gleichen scheint und wieder nicht zu gleichen –:
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du hättest ausgeharrt.

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Doch dies ist kleinlich,
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zu denken, was nicht war. Auch ist ein Schein
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von Vorwurf im Vergleich, der dich nicht trifft.
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Das, was geschieht, hat einen solchen Vorsprung
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vor unserm Meinen, daß wirs niemals einholn
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und nie erfahren, wie es wirklich aussah.

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Sei nicht beschämt, wenn dich die Toten streifen,
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die andern Toten, welche bis ans Ende
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aushielten. (Was will Ende sagen?) Tausche
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den Blick mit ihnen, ruhig, wie es Brauch ist,
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und fürchte nicht, daß unser Trauern dich
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seltsam belädt, so daß du ihnen auffällst.
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Die großen Worte aus den Zeiten, da
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Geschehn noch sichtbar war, sind nicht für uns.
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Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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