Ich habe Tote, und ich ließ sie hin

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Rainer Maria Rilke: Ich habe Tote, und ich ließ sie hin Titel entspricht 1. Vers(1900)

1
Ich habe Tote, und ich ließ sie hin
2
und war erstaunt, sie so getrost zu sehn,
3
so rasch zuhaus im Totsein, so gerecht,
4
so anders als ihr Ruf. Nur du, du kehrst
5
zurück; du streifst mich, du gehst um, du willst
6
an etwas stoßen, daß es klingt von dir
7
und dich verrät. O nimm mir nicht, was ich
8
langsam erlern. Ich habe recht; du irrst
9
wenn du gerührt zu irgend einem Ding
10
ein Heimweh hast. Wir wandeln dieses um;
11
es ist nicht hier, wir spiegeln es herein
12
aus unserm Sein, sobald wir es erkennen.

13
Ich glaubte dich viel weiter. Mich verwirrts,
14
daß
15
verwandelt hat als irgend eine Frau.
16
Daß wir erschraken, da du starbst, nein, daß
17
dein starker Tod uns dunkel unterbrach,
18
das Bisdahin abreißend vom Seither:
19
das geht uns an; das einzuordnen wird
20
die Arbeit sein, die wir mit allem tun.
21
Doch daß du selbst erschrakst und auch noch jetzt
22
den Schrecken hast, wo Schrecken nicht mehr gilt;
23
daß du von deiner Ewigkeit ein Stück
24
verlierst und hier hereintrittst, Freundin, hier,
25
wo alles noch nicht
26
zum ersten Mal im All zerstreut und halb,
27
den Aufgang der unendlichen Naturen
28
nicht so ergriffst wie hier ein jedes Ding;
29
daß aus dem Kreislauf, der dich schon empfing,
30
die stumme Schwerkraft irgend einer Unruh
31
dich niederzieht zur abgezählten Zeit –:
32
dies weckt mich nachts oft wie ein Dieb, der einbricht.
33
Und dürft ich sagen, daß du nur geruhst,
34
daß du aus Großmut kommst, aus Überfülle,
35
weil du so sicher bist, so in dir selbst,
36
daß du herumgehst wie ein Kind, nicht bange
37
vor Örtern, wo man einem etwas tut –:
38
doch nein: du bittest. Dieses geht mir so
39
bis ins Gebein und querrt wie eine Säge.
40
Ein Vorwurf, den du trügest als Gespenst,
41
nachtrügest mir, wenn ich mich nachts zurückzieh
42
in meine Lunge, in die Eingeweide,
43
in meines Herzens letzte ärmste Kammer, –
44
ein solcher Vorwurf wäre nicht so grausam,
45
wie dieses Bitten ist. Was bittest du?

46
Sag, soll ich reisen? Hast du irgendwo
47
ein Ding zurückgelassen, das sich quält
48
und das dir nachwill? Soll ich in ein Land,
49
das du nicht sahst, obwohl es dir verwandt
50
war wie die andre Hälfte deiner Sinne?

51
Ich will auf seinen Flüssen fahren, will
52
an Land gehn und nach alten Sitten fragen,
53
will mit den Frauen in den Türen sprechen
54
und zusehn, wenn sie ihre Kinder rufen.
55
Ich will mir merken, wie sie dort die Landschaft
56
umnehmen draußen bei der alten Arbeit
57
der Wiesen und der Felder; will begehren,
58
vor ihren König hingeführt zu sein,
59
und will die Priester durch Bestechung reizen,
60
daß sie mich legen vor das stärkste Standbild
61
und fortgehn und die Tempeltore schließen.
62
Dann aber will ich, wenn ich vieles weiß,
63
einfach die Tiere anschaun, daß ein Etwas
64
von ihrer Wendung mir in die Gelenke
65
herübergleitet; will ein kurzes Dasein
66
in ihren Augen haben, die mich halten
67
und langsam lassen, ruhig, ohne Urteil.
68
Ich will mir von den Gärtnern viele Blumen
69
hersagen lassen, daß ich in den Scherben
70
der schönen Eigennamen einen Rest
71
herüberbringe von den hundert Düften.
72
Und Früchte will ich kaufen, Früchte, drin
73
das Land noch einmal ist, bis an den Himmel.

74
Denn Das verstandest du: die vollen Früchte.
75
Die legtest du auf Schalen vor dich hin
76
und wogst mit Farben ihre Schwere auf.
77
Und so wie Früchte sahst du auch die Fraun
78
und sahst die Kinder so, von innen her
79
getrieben in die Formen ihres Daseins.
80
Und sahst dich selbst zuletzt wie eine Frucht,
81
nahmst dich heraus aus deinen Kleidern, trugst
82
dich vor den Spiegel, ließest dich hinein
83
bis auf dein Schauen; das blieb groß davor
84
und sagte nicht: das bin ich; nein: dies ist.
85
So ohne Neugier war zuletzt dein Schaun
86
und so besitzlos, von so wahrer Armut,
87
daß es dich selbst nicht mehr begehrte: heilig.
88
So will ich dich behalten, wie du dich
89
hinstelltest in den Spiegel, tief hinein
90
und fort von allem. Warum kommst du anders?
91
Was widerrufst du dich? Was willst du mir
92
einreden, daß in jenen Bernsteinkugeln
93
um deinen Hals noch etwas Schwere war
94
von jener Schwere, wie sie nie im Jenseits
95
beruhigter Bilder ist; was zeigst du mir
96
in deiner Haltung eine böse Ahnung;
97
was heißt dich die Konturen deines Leibes
98
auslegen wie die Linien einer Hand,
99
daß ich sie nicht mehr sehn kann ohne Schicksal?

100
Komm her ins Kerzenlicht. Ich bin nicht bang,
101
die Toten anzuschauen. Wenn sie kommen,
102
so haben sie ein Recht, in unserm Blick
103
sich aufzuhalten, wie die andern Dinge.

104
Komm her; wir wollen eine Weile still sein.
105
Sieh diese Rose an auf meinem Schreibtisch;
106
ist nicht das Licht um sie genau so zaghaft
107
wie über dir: sie dürfte auch nicht hier sein.
108
Im Garten draußen, unvermischt mit mir,
109
hätte sie bleiben müssen oder hingehn, –
110
nun währt sie so: was ist ihr mein Bewußtsein?

111
Erschrick nicht, wenn ich jetzt begreife, ach,
112
da steigt es in mir auf: ich kann nicht anders,
113
ich muß begreifen, und wenn ich dran stürbe.
114
Begreifen, daß du hier bist. Ich begreife.
115
Ganz wie ein Blinder rings ein Ding begreift,
116
fühl ich dein Los und weiß ihm keinen Namen.
117
Laß uns zusammen klagen, daß dich einer
118
aus deinem Spiegel nahm. Kannst du noch weinen?
119
Du kannst nicht. Deiner Tränen Kraft und Andrang
120
hast du verwandelt in dein reifes Anschaun
121
und warst dabei, jeglichen Saft in dir
122
so umzusetzen in ein starkes Dasein,
123
das steigt und kreist, im Gleichgewicht und blindlings.
124
Da riß ein Zufall dich, dein letzter Zufall
125
riß dich zurück aus deinem fernsten Fortschritt
126
in eine Welt zurück, wo Säfte
127
Riß dich nicht ganz; riß nur ein Stück zuerst,
128
doch als um dieses Stück von Tag zu Tag
129
die Wirklichkeit so zunahm, daß es schwer ward,
130
da brauchtest du dich ganz: da gingst du hin
131
und brachst in Brocken dich aus dem Gesetz
132
mühsam heraus, weil du dich brauchtest.
133
Da trugst du dich ab und grubst aus deines Herzens
134
nachtwarmem Erdreich die noch grünen Samen,
135
daraus dein Tod aufkeimen sollte: deiner,
136
dein eigner Tod zu deinem eignen Leben.
137
Und aßest sie, die Körner deines Todes,
138
wie alle andern, aßest seine Körner,
139
und hattest Nachgeschmack in dir von Süße,
140
die du nicht meintest, hattest süße Lippen,
141
du: die schon innen in den Sinnen süß war.

142
O laß uns klagen. Weißt du, wie dein Blut
143
aus einem Kreisen ohnegleichen zögernd
144
und ungern wiederkam, da du es abriefst?
145
Wie es verwirrt des Leibes kleinen Kreislauf
146
noch einmal aufnahm; wie es voller Mißtraun
147
und Staunen eintrat in den Mutterkuchen
148
und von dem weiten Rückweg plötzlich müd war.
149
Du triebst es an, du stießest es nach vorn,
150
du zerrtest es zur Feuerstelle, wie
151
man eine Herde Tiere zerrt zum Opfer;
152
und wolltest noch, es sollte dabei froh sein.
153
Und du erzwangst es schließlich: es war froh
154
und lief herbei und gab sich hin. Dir schien,
155
weil du gewohnt warst an die andern Maße,
156
es wäre nur für eine Weile; aber
157
nun warst du in der Zeit, und Zeit ist lang.
158
Und Zeit geht hin, und Zeit nimmt zu, und Zeit
159
ist wie ein Rückfall einer langen Krankheit.

160
Wie war dein Leben kurz, wenn du's vergleichst
161
mit jenen Stunden, da du saßest und
162
die vielen Kräfte deiner vielen Zukunft
163
schweigend herabbogst zu dem neuen Kindkeim,
164
der wieder Schicksal war. O wehe Arbeit.
165
O Arbeit über alle Kraft. Du tatest
166
sie Tag für Tag, du schlepptest dich zu ihr
167
und zogst den schönen Einschlag aus dem Webstuhl
168
und brauchtest alle deine Fäden anders.
169
Und endlich hattest du noch Mut zum Fest.

170
Denn da's getan war, wolltest du belohnt sein,
171
wie Kinder, wenn sie bittersüßen Tee
172
getrunken haben, der vielleicht gesund macht.
173
So lohntest du dich: denn von jedem andern
174
warst du zu weit, auch jetzt noch; keiner hätte
175
ausdenken können, welcher Lohn dir wohltut.
176
Du wußtest es. Du saßest auf im Kindbett,
177
und vor dir stand ein Spiegel, der dir alles
178
ganz wiedergab. Nun war das alles
179
und ganz
180
die schöne Täuschung jeder Frau, die gern
181
Schmuck umnimmt und das Haar kämmt und verändert.

182
So starbst du, wie die Frauen früher starben,
183
altmodisch starbst du in dem warmen Hause
184
den Tod der Wöchnerinnen, welche wieder
185
sich schließen wollen und es nicht mehr können,
186
weil jenes Dunkel, das sie mitgebaren,
187
noch einmal wiederkommt und drängt und eintritt.

188
Ob man nicht dennoch hätte Klagefrauen
189
auftreiben müssen? Weiber, welche weinen
190
für Geld, und die man so bezahlen kann,
191
daß sie die Nacht durch heulen, wenn es still wird.
192
Gebräuche her! wir haben nicht genug
193
Gebräuche. Alles geht und wird verredet.
194
So mußt du kommen, tot, und hier mit mir
195
Klagen nachholen. Hörst du, daß ich klage?
196
Ich möchte meine Stimme wie ein Tuch
197
hinwerfen über deines Todes Scherben
198
und zerrn an ihr, bis sie in Fetzen geht,
199
und alles, was ich sage, müßte so
200
zerlumpt in dieser Stimme gehn und frieren;
201
blieb es beim Klagen. Doch jetzt klag ich an:
202
den Einen nicht, der dich aus dir zurückzog,
203
(ich find ihn nicht heraus, er ist wie alle)
204
doch alle klag ich in ihm an: den Mann.

205
Wenn irgendwo ein Kindgewesensein
206
tief in mir aufsteigt, das ich noch nicht kenne,
207
vielleicht das reinste Kindsein meiner Kindheit:
208
ich wills nicht wissen. Einen Engel will
209
ich daraus bilden ohne hinzusehn
210
und will ihn werfen in die erste Reihe
211
schreiender Engel, welche Gott erinnern.

212
Denn dieses Leiden dauert schon zu lang,
213
und keiner kanns; es ist zu schwer für uns,
214
das wirre Leiden von der falschen Liebe,
215
die, bauend auf Verjährung wie Gewohnheit,
216
ein Recht sich nennt und wuchert aus dem Unrecht.
217
Wo ist ein Mann, der Recht hat auf Besitz?
218
Wer kann besitzen, was sich selbst nicht hält,
219
was sich von Zeit zu Zeit nur selig auffängt
220
und wieder hinwirft wie ein Kind den Ball.
221
Sowenig wie der Feldherr eine Nike
222
festhalten kann am Vorderbug des Schiffes,
223
wenn das geheime Leichtsein ihrer Gottheit
224
sie plötzlich weghebt in den hellen Meerwind:
225
so wenig kann einer von uns die Frau
226
anrufen, die uns nicht mehr sieht und die
227
auf einem schmalen Streifen ihres Daseins
228
wie durch ein Wunder fortgeht, ohne Unfall:
229
er hätte denn Beruf und Lust zur Schuld.

230
Denn
231
die Freiheit eines Lieben nicht vermehren
232
um alle Freiheit, die man in sich aufbringt.
233
Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:
234
einander lassen; denn daß wir uns halten,
235
das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.

236
Bist du noch da? In welcher Ecke bist du? –
237
Du hast so viel gewußt von alledem
238
und hast so viel gekonnt, da du so hingingst
239
für alles offen, wie ein Tag, der anbricht.
240
Die Frauen leiden: lieben heißt allein sein,
241
und Künstler ahnen manchmal in der Arbeit,
242
daß sie verwandeln müssen, wo sie lieben.
243
Beides begannst du; beides ist in Dem,
244
was jetzt ein Ruhm entstellt, der es dir fortnimmt.
245
Ach du warst weit von jedem Ruhm. Du warst
246
unscheinbar; hattest leise deine Schönheit
247
hineingenommen, wie man eine Fahne
248
einzieht am grauen Morgen eines Werktags,
249
und wolltest nichts, als eine lange Arbeit, –
250
die nicht getan ist: dennoch nicht getan.

251
Wenn du noch da bist, wenn in diesem Dunkel
252
noch eine Stelle ist, an der dein Geist
253
empfindlich mitschwingt auf den flachen Schallwelln,
254
die eine Stimme, einsam in der Nacht,
255
aufregt in eines hohen Zimmers Strömung:
256
So hör mich: Hilf mir. Sieh, wir gleiten so,
257
nicht wissend wann, zurück aus unserm Fortschritt
258
in irgendwas, was wir nicht meinen; drin
259
wir uns verfangen wie in einem Traum
260
und drin wir sterben, ohne zu erwachen.
261
Keiner ist weiter. Jedem, der sein Blut
262
hinaufhob in ein Werk, das lange wird,
263
kann es geschehen, daß ers nicht mehr hochhält
264
und daß es geht nach seiner Schwere, wertlos.
265
Denn irgendwo ist eine alte Feindschaft
266
zwischen dem Leben und der großen Arbeit.
267
Daß ich sie einseh und sie sage: hilf mir.

268
Komm nicht zurück. Wenn du's erträgst, so sei
269
tot bei den Toten. Tote sind beschäftigt.
270
Doch hilf mir so, daß es dich nicht zerstreut,
271
wie mir das Fernste manchmal hilft: in mir.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.