Das Buch vom mönchischen Leben

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Rainer Maria Rilke: Das Buch vom mönchischen Leben (1899)

1
Da neigt sich die Stunde und rührt mich an
2
mit klarem, metallenem Schlag:
3
mir zittern die Sinne. Ich fühle: ich kann –
4
und ich fasse den plastischen Tag.

5
Nichts war noch vollendet, eh ich es erschaut,
6
ein jedes Werden stand still.
7
Meine Blicke sind reif, und wie eine Braut
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kommt jedem das Ding, das er will.

9
Nichts ist mir zu klein und ich lieb es trotzdem
10
und mal es auf Goldgrund und groß,
11
und halte es hoch, und ich weiß nicht wem
12
löst es die Seele los ...

13
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
14
die sich über die Dinge ziehn.
15
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
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aber versuchen will ich ihn.

17
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
18
und ich kreise jahrtausendelang;
19
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
20
oder ein großer Gesang.

21
Ich habe viele Brüder in Sutanen
22
im Süden, wo in Klöstern Lorbeer steht.
23
Ich weiß, wie menschlich sie Madonnen planen,
24
und träume oft von jungen Tizianen,
25
durch die der Gott in Gluten geht.

26
Doch wie ich mich auch in mich selber neige:
27
von hundert Wurzeln, welche schweigsam trinken.
28
Nur, daß ich mich aus
29
mehr weiß ich nicht, weil alle meine Zweige
30
tief unten ruhn und nur im Winde winken.

31
Wir dürfen dich nicht eigenmächtig malen,
32
du Dämmernde, aus der der Morgen stieg.
33
Wir holen aus den alten Farbenschalen
34
die gleichen Striche und die gleichen Strahlen,
35
mit denen dich der Heilige verschwieg.

36
Wir bauen Bilder vor dir auf wie Wände;
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so daß schon tausend Mauern um dich stehn.
38
Denn dich verhüllen unsre frommen Hände,
39
sooft dich unsre Herzen offen sehn.

40
Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
41
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
42
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
43
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
44
und wie Legende weit und überwunden.

45
Aus ihnen kommt mir Wissen, daß ich Raum
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zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.

47
Und manchmal bin ich wie der Baum,
48
der, reif und rauschend, über einem Grabe
49
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
50
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

51
Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal
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in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
53
so ists, weil ich dich selten atmen höre
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und weiß: Du bist allein im Saal.
55
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
56
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
57
Ich horche immer. Gieb ein kleines Zeichen.
58
Ich bin ganz nah.

59
Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
60
durch Zufall; denn es könnte sein:
61
ein Rufen deines oder meines Munds –
62
und sie bricht ein
63
ganz ohne Lärm und Laut.

64
Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

65
Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.
66
Und wenn einmal das Licht in mir entbrennt,
67
mit welchem meine Tiefe dich erkennt,
68
vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen.

69
Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,
70
sind ohne Heimat und von dir getrennt.

71
Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
72
Wenn das Zufällige und Ungefähre
73
verstummte und das nachbarliche Lachen,
74
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
75
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –:

76
Dann könnte ich in einem tausendfachen
77
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
78
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
79
um dich an alles Leben zu verschenken
80
wie einen Dank.

81
Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht.
82
Man fühlt den Wind von einem großen Blatt,
83
das Gott und du und ich beschrieben hat
84
und das sich hoch in fremden Händen dreht.

85
Man fühlt den Glanz von einer neuen Seite,
86
auf der noch Alles werden kann.

87
Die stillen Kräfte prüfen ihre Breite
88
und sehn einander dunkel an.

89
Ich lese es heraus aus deinem Wort,
90
aus der Geschichte der Gebärden,
91
mit welchen deine Hände um das Werden
92
sich ründeten, begrenzend, warm und weise.
93
Du sagtest
94
und wiederholtest immer wieder:
95
Doch vor dem ersten Tode kam der Mord.
96
Da ging ein Riß durch deine reifen Kreise
97
und ging ein Schrein
98
und riß die Stimmen fort,
99
die eben erst sich sammelten
100
um dich zu sagen,
101
um dich zu tragen
102
alles Abgrunds Brücke –

103
Und was sie seither stammelten,
104
sind Stücke
105
deines alten Namens.

106
Ich bin nicht. Der Bruder hat mir was getan,
107
was meine Augen nicht sahn.
108
Er hat mir das Licht verhängt.
109
Er hat mein Gesicht verdrängt
110
mit seinem Gesicht.
111
Er ist jetzt allein.
112
Ich denke, er muß noch sein.
113
Denn ihm tut niemand, wie er mir getan.
114
Es gingen alle meine Bahn,
115
kommen alle vor seinen Zorn,
116
gehen alle an ihm verloren.

117
Ich glaube, mein großer Bruder wacht
118
wie ein Gericht.
119
An mich hat die Nacht gedacht;
120
an ihn nicht.

121
Du Dunkelheit, aus der ich stamme,
122
ich liebe dich mehr als die Flamme,
123
welche die Welt begrenzt,
124
indem sie glänzt
125
für irgend einen Kreis,
126
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

127
Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
128
Gestalten und Flammen, Tiere und mich,
129
wie sie's errafft,
130
Menschen und Mächte –

131
Und es kann sein: eine große Kraft
132
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

133
Ich glaube an Nächte.

134
Ich glaube an Alles noch nie Gesagte.
135
Ich will meine frömmsten Gefühle befrein.
136
Was noch keiner zu wollen wagte,
137
wird mir einmal unwillkürlich sein.

138
Ist das vermessen, mein Gott, vergieb.
139
Aber ich will dir damit nur sagen:
140
Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb,
141
so ohne Zürnen und ohne Zagen;
142
so haben dich ja die Kinder lieb.

143
Mit diesem Hinfluten, mit diesem Münden
144
in breiten Armen ins offene Meer,
145
mit dieser wachsenden Wiederkehr
146
will ich dich bekennen, will ich dich verkünden
147
wie keiner vorher.

148
Und ist das Hoffahrt, so laß mich hoffährtig sein
149
für mein Gebet,
150
das so ernst und allein
151
vor deiner wolkigen Stirne steht.

152
Ich bin auf der Welt zu allein und doch nicht allein genug,
153
um jede Stunde zu weihn.
154
Ich bin auf der Welt zu gering und doch nicht klein genug,
155
um vor dir zu sein wie ein Ding,
156
dunkel und klug.
157
Ich will meinen Willen und will meinen Willen begleiten
158
die Wege zur Tat;
159
und will in stillen, irgendwie zögernden Zeiten,
160
wenn etwas naht,
161
unter den Wissenden sein
162
oder allein.
163
Ich will dich immer spiegeln in ganzer Gestalt,
164
und will niemals blind sein oder zu alt
165
um dein schweres schwankendes Bild zu halten.
166
Ich will mich entfalten.
167
Nirgends will ich gebogen bleiben,
168
denn dort bin ich gelogen, wo ich gebogen bin.
169
Und ich will meinen Sinn
170
wahr vor dir. Ich will mich beschreiben
171
wie ein Bild das ich sah,
172
lange und nah,
173
wie ein Wort, das ich begriff,
174
wie meinen täglichen Krug,
175
wie meiner Mutter Gesicht,
176
wie ein Schiff,
177
das mich trug
178
durch den tödlichsten Sturm.

179
Du siehst, ich will viel.
180
Vielleicht will ich Alles:
181
das Dunkel jedes unendlichen Falles
182
und jedes Steigens lichtzitterndes Spiel.

183
Es leben so viele und wollen nichts,
184
und sind durch ihres leichten Gerichts
185
glatte Gefühle gefürstet.

186
Aber du freust dich jedes Gesichts,
187
das dient und dürstet.

188
Du freust dich Aller, die dich gebrauchen
189
wie ein Gerät.

190
Noch bist du nicht kalt, und es ist nicht zu spät,
191
in deine werdenden Tiefen zu tauchen,
192
wo sich das Leben ruhig verrät.

193
Wir bauen an dir mit zitternden Händen
194
und wir türmen Atom auf Atom.
195
Aber wer kann dich vollenden,
196
du Dom.

197
Was ist Rom?
198
Es zerfällt.
199
Was ist die Welt?
200
Sie wird zerschlagen
201
eh deine Türme Kuppeln tragen,
202
eh aus Meilen von Mosaik
203
deine strahlende Stirne stieg.

204
Aber manchmal im Traum
205
kann ich deinen Raum
206
überschaun,
207
tief vom Beginne
208
bis zu des Daches goldenem Grate.

209
Und ich seh: meine Sinne
210
bilden und baun
211
die letzten Zierate.

212
Daraus, daß Einer dich einmal gewollt hat,
213
weiß ich, daß wir dich wollen dürfen.
214
Wenn wir auch alle Tiefen verwürfen:
215
wenn ein Gebirge Gold hat
216
und keiner mehr es ergraben mag,
217
trägt es einmal der Fluß zutag,
218
der in die Stille der Steine greift,
219
der vollen.

220
Auch wenn wir nicht wollen:

221
Wer seines Lebens viele Widersinne
222
versöhnt und dankbar in ein Sinnbild faßt,
223
der drängt
224
die Lärmenden aus dem Palast,
225
wird
226
den er an sanften Abenden empfängt.

227
Du bist der Zweite seiner Einsamkeit,
228
die ruhige Mitte seinen Monologen;
229
und jeder Kreis, um dich gezogen,
230
spannt ihm den Zirkel aus der Zeit.

231
Was irren meine Hände in den Pinseln?
232
Wenn ich dich

233
Ich
234
beginnst du zögernd, wie mit vielen Inseln,
235
und deinen Augen, welche niemals blinseln,
236
bin ich der Raum.

237
Du bist nichtmehr inmitten deines Glanzes,
238
wo alle Linien des Engeltanzes
239
die Fernen dir verbrauchen wie Musik, –
240
du wohnst in deinem allerletzten Haus.
241
Dein ganzer Himmel horcht in mich hinaus,
242
weil ich mich sinnend dir verschwieg.

243
Ich bin, du Ängstlicher. Hörst du mich nicht
244
mit allen meinen Sinnen an dir branden?
245
Meine Gefühle, welche Flügel fanden,
246
umkreisen weiß dein Angesicht.
247
Siehst du nicht meine Seele, wie sie dicht
248
vor dir in einem Kleid aus Stille steht?
249
Reift nicht mein mailiches Gebet
250
an deinem Blicke wie an einem Baum?

251
Wenn du der Träumer bist, bin ich dein Traum.
252
Doch wenn du wachen willst, bin ich dein Wille
253
und werde mächtig aller Herrlichkeit
254
und ründe mich wie eine Sternenstille
255
über der wunderlichen Stadt der Zeit.

256
Mein Leben ist nicht diese steile Stunde,
257
darin du mich so eilen siehst.
258
Ich bin ein Baum vor meinem Hintergrunde,
259
ich bin nur einer meiner vielen Munde
260
und jener, welcher sich am frühsten schließt.

261
Ich bin die Ruhe zwischen zweien Tönen,
262
die sich nur schlecht aneinander gewöhnen:
263
denn der Ton Tod will sich erhöhn –

264
Aber im dunklen Intervall versöhnen
265
sich beide zitternd.
266
Und das Lied bleibt schön.

267
Wenn ich gewachsen wäre irgendwo,
268
wo leichtere Tage sind und schlanke Stunden,
269
ich hätte dir ein großes Fest erfunden,
270
und meine Hände hielten dich nicht so,
271
wie sie dich manchmal halten, bang und hart.

272
Dort hätte ich gewagt, dich zu vergeuden,
273
du grenzenlose Gegenwart.
274
Wie einen Ball
275
hätt ich dich in alle wogenden Freuden
276
hineingeschleudert, daß einer dich finge
277
und deinem Fall
278
mit hohen Händen entgegenspringe,
279
du Ding der Dinge.

280
Ich hätte dich wie eine Klinge
281
blitzen lassen.
282
Vom goldensten Ringe
283
ließ ich dein Feuer umfassen,
284
und er müßte mirs halten
285
über die weißeste Hand.

286
Gemalt hätt ich dich: nicht an die Wand,
287
an den Himmel selber von Rand zu Rand,
288
und hätt dich gebildet, wie ein Gigant
289
dich bilden würde: als Berg, als Brand,
290
als Samum, wachsend aus Wüstensand –
291
oder
292
es kann auch sein: ich fand
293
dich einmal ...
294
Meine Freunde sind weit,
295
ich höre kaum noch ihr Lachen schallen;
296
und du: du bist aus dem Nest gefallen,
297
bist ein junger Vogel mit gelben Krallen
298
und großen Augen und tust mir leid.
299
(meine Hand ist dir viel zu breit.)
300
Und ich heb mit dem Finger vom Quell einen Tropfen
301
und lausche, ob du ihn lechzend langst,
302
und ich fühle dein Herz und meines klopfen
303
und beide aus Angst.

304
Ich finde dich in allen diesen Dingen,
305
denen ich gut und wie ein Bruder bin;
306
als Samen sonnst du dich in den geringen
307
und in den großen giebst du groß dich hin.

308
Das ist das wundersame Spiel der Kräfte,
309
daß sie so dienend durch die Dinge gehn:
310
in Wurzeln wachsend, schwindend in die Schäfte
311
und in den Wipfeln wie ein Auferstehn.

312
Ich verrinne, ich verrinne
313
wie Sand, der durch Finger rinnt.
314
Ich habe auf einmal so viele Sinne,
315
die alle anders durstig sind.
316
Ich fühle mich an hundert Stellen
317
schwellen und schmerzen.
318
Aber am meisten mitten im Herzen.

319
Ich möchte sterben. Laß mich allein.
320
Ich glaube, es wird mir gelingen,
321
so bange zu sein,
322
daß mir die Pulse zerspringen.

323
Sieh, Gott, es kommt ein Neuer an dir bauen,
324
der gestern noch ein Knabe war; von Frauen
325
sind seine Hände noch zusammgefügt
326
zu einem Falten, welches halb schon lügt.
327
Denn seine Rechte will schon von der Linken,
328
um sich zu wehren oder um zu winken
329
und um am Arm allein zu sein.

330
Noch gestern war die Stirne wie ein Stein
331
im Bach, geründet von den Tagen,
332
die nichts bedeuten als ein Wellenschlagen
333
und nichts verlangen, als ein Bild zu tragen
334
von Himmeln, die der Zufall drüber hängt;
335
heut drängt
336
auf ihr sich eine Weltgeschichte
337
vor einem unerbittlichen Gerichte,
338
und sie versinkt in seinem Urteilsspruch.

339
Raum wird auf einem neuen Angesichte.
340
Es war kein Licht vor diesem Lichte,
341
und, wie noch nie, beginnt dein Buch.

342
Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,
343
an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;
344
du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen,
345
du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,
346
du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,
347
du dunkles Netz,
348
darin sich flüchtend die Gefühle fangen.

349
Du hast dich so unendlich groß begonnen
350
an jenem Tage, da du uns begannst, –
351
und wir sind so gereift in deinen Sonnen,
352
so breit geworden und so tief gepflanzt,
353
daß du in Menschen, Engeln und Madonnen
354
dich ruhend jetzt vollenden kannst.

355
Laß deine Hand am Hang der Himmel ruhn
356
und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.

357
Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
358
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
359
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
360
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
361
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

362
Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
363
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
364
bis eine Stunde uns die Stirnen küßte,
365
die strahlend und als ob sie Alles wüßte
366
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

367
Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
368
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
369
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
370
Und deine kommenden Konturen dämmern.

371
Gott, du bist groß.

372
Du bist so groß, daß ich schon nicht mehr bin,
373
wenn ich mich nur in deine Nähe stelle.
374
Du bist so dunkel; meine kleine Helle
375
an deinem Saum hat keinen Sinn.
376
Dein Wille geht wie eine Welle
377
und jeder Tag ertrinkt darin.

378
Nur meine Sehnsucht ragt dir bis ans Kinn
379
und steht vor dir wie aller Engel größter:
380
ein fremder, bleicher und noch unerlöster,
381
und hält dir seine Flügel hin.

382
Er will nicht mehr den uferlosen Flug,
383
an dem die Monde blaß vorüberschwammen,
384
und von den Welten weiß er längst genug.
385
Mit seinen Flügeln will er wie mit Flammen
386
vor deinem schattigen Gesichte stehn
387
und will bei ihrem weißen Scheine sehn,
388
ob deine grauen Brauen ihn verdammen.

389
So viele Engel suchen dich im Lichte
390
und stoßen mit den Stirnen nach den Sternen
391
und wollen dich aus jedem Glanze lernen.
392
Mir aber ist, sooft ich von dir dichte,
393
daß sie mit abgewendetem Gesichte
394
von deines Mantels Falten sich entfernen.

395
Denn du warst selber nur ein Gast des Golds.
396
Nur einer Zeit zuliebe, die dich flehte
397
in ihre klaren marmornen Gebete,
398
erschienst du wie der König der Komete,
399
auf deiner Stirne Strahlenströme stolz.

400
Du kehrtest heim, da jene Zeit zerschmolz.

401
Ganz dunkel ist dein Mund, von dem ich wehte,
402
und deine Hände sind von Ebenholz.

403
Das waren Tage Michelangelo's,
404
von denen ich in fremden Büchern las.
405
Das war der Mann, der über einem Maß,
406
gigantengroß,
407
die Unermeßlichkeit vergaß.

408
Das war der Mann, der immer wiederkehrt,
409
wenn eine Zeit noch einmal ihren Wert,
410
da sie sich enden will, zusammenfaßt.
411
Da hebt noch einer ihre ganze Last
412
und wirft sie in den Abgrund seiner Brust.
413
Die vor ihm hatten Leid und Lust;
414
er aber fühlt nur noch des Lebens Masse
415
und daß er Alles wie
416
nur Gott bleibt über seinem Willen weit:
417
da liebt er ihn mit seinem hohen Hasse
418
für diese Unerreichbarkeit.

419
Der Ast vom Baume Gott, der über Italien reicht,
420
Er hätte vielleicht
421
sich schon gerne, mit Früchten gefüllt, verfrüht,
422
doch er wurde mitten im Blühen müd,
423
und er wird keine Früchte haben.

424
Nur der Frühling Gottes war dort,
425
nur sein Sohn, das Wort,
426
vollendete sich.
427
Es wendete sich
428
alle Kraft zu dem strahlenden Knaben.
429
Alle kamen mit Gaben
430
zu ihm;
431
alle sangen wie Cherubim
432
seinen Preis.

433
Und er duftete leis
434
als Rose der Rosen.
435
Er war ein Kreis
436
um die Heimatlosen.
437
Er ging in Mänteln und Metamorphosen
438
durch alle steigenden Stimmen der Zeit.

439
Da ward auch die zur Frucht Erweckte,
440
die schüchterne und schönerschreckte,
441
die heimgesuchte Magd geliebt.
442
Die Blühende, die Unentdeckte,
443
in der es hundert Wege giebt.

444
Da ließen sie sie gehn und schweben
445
und treiben mit dem jungen Jahr;
446
ihr dienendes Marien-Leben
447
ward königlich und wunderbar.
448
Wie feiertägliches Geläute
449
ging es durch alle Häuser groß;
450
und die einst mädchenhaft Zerstreute
451
war so versenkt in ihren Schooß
452
und so erfüllt von jenem Einen
453
und so für Tausende genug,
454
daß alles schien, sie zu bescheinen,
455
die wie ein Weinberg war und trug.

456
Aber als hätte die Last der Fruchtgehänge
457
und der Verfall der Säulen und Bogengänge
458
und der Abgesang der Gesänge
459
sie beschwert,
460
hat die Jungfrau sich in anderen Stunden,
461
wie von Größerem noch unentbunden,
462
kommenden Wunden
463
zugekehrt.

464
Ihre Hände, die sich lautlos lösten,
465
liegen leer.
466
Wehe, sie gebar noch nicht den Größten.
467
Und die Engel, die nicht trösten,
468
stehen fremd und furchtbar um sie her.

469
So hat man sie gemalt; vor allem Einer,
470
der seine Sehnsucht aus der Sonne trug.
471
Ihm reifte sie aus allen Rätseln reiner,
472
aber im Leiden immer allgemeiner:
473
sein ganzes Leben war er wie ein Weiner,
474
dem sich das Weinen in die Hände schlug.

475
Er ist der schönste Schleier ihrer Schmerzen,
476
der sich an ihre wehen Lippen schmiegt,
477
sich über ihnen fast zum Lächeln biegt –
478
und von dem Licht aus sieben Engelskerzen
479
wird sein Geheimnis nicht besiegt.

480
Mit einem Ast, der jenem niemals glich,
481
wird Gott, der Baum, auch einmal sommerlich
482
verkündend werden und aus Reife rauschen;
483
in einem Lande, wo die Menschen lauschen,
484
wo jeder ähnlich einsam ist wie ich.

485
Denn nur dem Einsamen wird offenbart,
486
und vielen Einsamen der gleichen Art
487
wird mehr gegeben als dem schmalen Einen.
488
Denn jedem wird ein andrer Gott erscheinen,
489
bis sie erkennen, nah am Weinen,
490
daß durch ihr meilenweites Meinen,
491
durch ihr Vernehmen und Verneinen,
492
verschieden nur in hundert Seinen

493
Das ist das endlichste Gebet,
494
das dann die Sehenden sich sagen:
495
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen,
496
geht hin, die Glocken zu zerschlagen;
497
wir kommen zu den stillern Tagen,
498
in denen reif die Stunde steht.
499
Die Wurzel Gott hat Frucht getragen.
500
Seid ernst und seht.

501
Ich kann nicht glauben, daß der kleine Tod,
502
dem wir doch täglich übern Scheitel schauen,
503
uns eine Sorge bleibt und eine Not.

504
Ich kann nicht glauben, daß er ernsthaft droht;
505
ich lebe noch, ich habe Zeit zu bauen:
506
mein Blut ist länger als die Rosen rot.

507
Mein Sinn ist tiefer als das witzige Spiel
508
mit unsrer Furcht, darin er sich gefällt.
509
Ich bin die Welt,
510
aus der er irrend fiel.

511
Wie er
512
kreisende Mönche wandern so umher;
513
man fürchtet sich vor ihrer Wiederkehr,
514
man weiß nicht: ist es jedesmal derselbe,
515
sinds zwei, sinds zehn, sinds tausend oder mehr?
516
Man kennt nur diese fremde gelbe Hand,
517
die sich ausstreckt so nackt und nah –
518
da da:
519
als käm sie aus dem eigenen Gewand.

520
Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
521
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
522
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)
523
Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
524
mit mir verlierst du deinen Sinn.

525
Nach mir hast du kein Haus, darin
526
dich Worte, nah und warm, begrüßen.
527
Es fällt von deinen müden Füßen
528
die Samtsandale, die ich bin.

529
Dein großer Mantel läßt dich los.
530
Dein Blick, den ich mit meiner Wange
531
warm, wie mit einem Pfühl, empfange,
532
wird kommen, wird mich suchen, lange –
533
und legt beim Sonnenuntergange
534
sich fremden Steinen in den Schooß.

535
Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.

536
Du bist der raunende Verrußte,
537
auf allen Öfen schläfst du breit.
538
Das Wissen ist nur in der Zeit.
539
Du bist der dunkle Unbewußte
540
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
541
Du bist der Bittende und Bange,
542
der aller Dinge Sinn beschwert.
543
Du bist die Silbe im Gesange,
544
die immer zitternder im Zwange
545
der starken Stimmen wiederkehrt.

546
Du hast dich anders nie gelehrt:

547
Denn du bist nicht der Schönumscharte,
548
um welchen sich der Reichtum reiht.
549
Du bist der Schlichte, welcher sparte.
550
Du bist der Bauer mit dem Barte
551
von Ewigkeit zu Ewigkeit.

552
Du, gestern Knabe, dem die Wirrnis kam:
553
Daß sich dein Blut in Blindheit nicht vergeude.
554
Du meinst nicht den Genuß, du meinst die Freude;
555
du bist gebildet als ein Bräutigam,
556
und deine Braut soll werden: deine Scham.

557
Die große Lust hat auch nach dir Verlangen,
558
und alle Arme sind auf einmal nackt.
559
Auf frommen Bildern sind die bleichen Wangen
560
von fremden Feuern überflackt;
561
und deine Sinne sind wie viele Schlangen,
562
die, von des Tones Rot umfangen,
563
sich spannen in der Tamburine Takt.

564
Und plötzlich bist du ganz allein gelassen
565
mit deinen Händen, die dich hassen –
566
und wenn dein Wille nicht ein Wunder tut:
567
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
568
Aber da gehen wie durch dunkle Gassen
569
von Gott Gerüchte durch dein dunkles Blut.

570
Dann bete du, wie es dich dieser lehrt,
571
der selber aus der Wirrnis wiederkehrt
572
und so, daß er zu heiligen Gestalten,
573
die alle ihres Wesens Würde halten,
574
in einer Kirche und auf goldnen Smalten
575
die Schönheit malte, und sie hielt ein Schwert.

576
Er lehrt dich sagen:
577
Du mein tiefer Sinn,
578
vertraue mir, daß ich dich nicht enttäusche;
579
in meinem Blute sind so viel Geräusche,
580
ich aber weiß, daß ich aus Sehnsucht bin.

581
Ein großer Ernst bricht über mich herein.
582
In seinem Schatten ist das Leben kühl.
583
Ich bin zum erstenmal mit dir allein,
584
du, mein Gefühl.
585
Du bist so mädchenhaft.

586
Es war ein Weib in meiner Nachbarschaft
587
und winkte mir aus welkenden Gewändern.
588
Du aber sprichst mir von so fernen Ländern.
589
Und meine Kraft
590
schaut nach den Hügelrändern.

591
Ich habe Hymnen, die ich schweige.
592
Es giebt ein Aufgerichtetsein,
593
darin ich meine Sinne neige:
594
du siehst mich groß und ich bin klein.
595
Du kannst mich dunkel unterscheiden
596
von jenen Dingen, welche knien;
597
sie sind wie Herden und sie weiden,
598
ich bin der Hirt am Hang der Heiden,
599
vor welchem sie zu Abend ziehn.
600
Dann komm ich hinter ihnen her
601
und höre dumpf die dunklen Brücken,
602
und in dem Rauch von ihren Rücken
603
verbirgt sich meine Wiederkehr.

604
Gott, wie begreif ich deine Stunde,
605
als du, daß sie im Raum sich runde,
606
die Stimme vor dich hingestellt;
607
dir war das Nichts wie eine Wunde,
608
da kühltest du sie mit der Welt.

609
Jetzt heilt es leise unter uns.

610
Denn die Vergangenheiten tranken
611
die vielen Fieber aus dem Kranken,
612
den ruhigen Puls des Hintergrunds.

613
Wir liegen lindernd auf dem Nichts
614
und wir verhüllen alle Risse;
615
du aber wächst ins Ungewisse
616
im Schatten deines Angesichts.

617
Alle, die ihre Hände regen
618
nicht in der Zeit, der armen Stadt,
619
alle, die sie an Leises legen,
620
an eine Stelle, fern den Wegen,
621
die kaum noch einen Namen hat, –
622
sprechen dich aus, du Alltagssegen.
623
und sagen sanft auf einem Blatt:

624
Es giebt im Grunde nur Gebete,
625
so sind die Hände uns geweiht,
626
daß sie nichts schufen, was nicht flehte;
627
ob einer malte oder mähte,
628
schon aus dem Ringen der Geräte
629
entfaltete sich Frömmigkeit.

630
Die Zeit ist eine vielgestalte.
631
Wir hören manchmal von der Zeit,
632
und tun das Ewige und Alte;
633
wir wissen, daß uns Gott umwallte
634
groß wie ein Bart und wie ein Kleid.
635
Wir sind wie Adern im Basalte
636
in Gottes harter Herrlichkeit.

637
Der Name ist uns wie ein Licht
638
hart an die Stirn gestellt.
639
Da senkte sich mein Angesicht
640
vor diesem zeitigen Gericht
641
und sah (von dem es seither spricht)
642
dich, großes dunkelndes Gewicht
643
an mir und an der Welt.

644
Du bogst mich langsam aus der Zeit,
645
in die ich schwankend stieg;
646
ich neigte mich nach leisem Streit:
647
jetzt dauert deine Dunkelheit
648
um deinen sanften Sieg.

649
Jetzt hast du mich und weißt nicht wen,
650
denn deine breiten Sinne sehn
651
nur, daß ich dunkel ward.
652
Du hältst mich seltsam zart
653
und horchst, wie meine Hände gehn
654
durch deinen alten Bart.

655
Dein allererstes Wort war:
656
da ward die Zeit. Dann schwiegst du lange.
657
Dein zweites Wort ward Mensch und bange
658
(wir dunkeln noch in seinem Klange)
659
und wieder sinnt dein Angesicht.

660
Ich aber will dein drittes nicht.

661
Ich bete nachts oft: Sei der Stumme,
662
der wachsend in Gebärden bleibt
663
und den der Geist im Traume treibt,
664
daß er des Schweigens schwere Summe
665
in Stirnen und Gebirge schreibt.

666
Sei du die Zuflucht vor dem Zorne,
667
der das Unsagbare verstieß.
668
Es wurde Nacht im Paradies:
669
sei du der Hüter mit dem Horne,
670
und man erzählt nur, daß er blies.

671
Du kommst und gehst. Die Türen fallen
672
viel sanfter zu, fast ohne Wehn.
673
Du bist der Leiseste von Allen,
674
die durch die leisen Häuser gehn.

675
Man kann sich so an dich gewöhnen,
676
daß man nicht aus dem Buche schaut,
677
wenn seine Bilder sich verschönen,
678
von deinem Schatten überblaut;
679
weil dich die Dinge immer tönen,
680
nur einmal leis und einmal laut.

681
Oft wenn ich dich in Sinnen sehe,
682
verteilt sich deine Allgestalt:
683
du gehst wie lauter lichte Rehe
684
und ich bin dunkel und bin Wald.

685
Du bist ein Rad, an dem ich stehe:
686
von deinen vielen dunklen Achsen
687
wird immer wieder eine schwer
688
und dreht sich näher zu mir her,
689
und meine willigen Werke wachsen
690
von Wiederkehr zu Wiederkehr.

691
Du bist der Tiefste, welcher ragte,
692
der Taucher und der Türme Neid.
693
Du bist der Sanfte, der sich sagte,
694
und doch: wenn dich ein Feiger fragte,
695
so schwelgtest du in Schweigsamkeit.

696
Du bist der Wald der Widersprüche.
697
Ich darf dich wiegen wie ein Kind,
698
und doch vollziehn sich deine Flüche,
699
die über Völkern furchtbar sind.

700
Dir ward das erste Buch geschrieben,
701
das erste Bild versuchte dich,
702
du warst im Leiden und im Lieben,
703
dein Ernst war wie aus Erz getrieben
704
auf jeder Stirn, die mit den sieben
705
erfüllten Tagen dich verglich.

706
Du gingst in Tausenden verloren,
707
und alle Opfer wurden kalt;
708
bis du in hohen Kirchenchoren
709
dich rührtest hinter goldnen Toren;
710
und eine Bangnis, die geboren,
711
umgürtete dich mit Gestalt.

712
Ich weiß: Du bist der Rätselhafte,
713
um den die Zeit in Zögern stand.
714
O wie so schön ich dich erschaffte
715
in einer Stunde, die mich straffte,
716
in einer Hoffahrt meiner Hand.

717
Ich zeichnete viel ziere Risse,
718
behorchte alle Hindernisse, –
719
dann wurden mir die Pläne krank:
720
es wirrten sich wie Dorngerank
721
die Linien und die Ovale,
722
bis tief in mir mit einem Male
723
aus einem Griff ins Ungewisse
724
die frommste aller Formen sprang.

725
Ich kann mein Werk nicht überschaun
726
und fühle doch: es steht vollendet.
727
Aber, die Augen abgewendet,
728
will ich es immer wieder baun.

729
So ist mein Tagwerk, über dem
730
mein Schatten liegt wie eine Schale.
731
Und bin ich auch wie Laub und Lehm,
732
sooft ich bete oder male
733
ist Sonntag, und ich bin im Tale
734
ein jubelndes Jerusalem.

735
Ich bin die stolze Stadt des Herrn
736
und sage ihn mit hundert Zungen;
737
in mir ist Davids Dank verklungen:
738
ich lag in Harfendämmerungen
739
und atmete den Abendstern.

740
Nach Aufgang gehen meine Gassen.
741
Und bin ich lang vom Volk verlassen,
742
so ists: damit ich größer bin.
743
Ich höre jeden in mir schreiten
744
und breite meine Einsamkeiten
745
von Anbeginn zu Anbeginn.

746
Ihr vielen unbestürmten Städte,
747
habt ihr euch nie den Feind ersehnt?
748
O daß er euch belagert hätte
749
ein langes schwankendes Jahrzehnt.

750
Bis ihr ihn trostlos und in Trauern,
751
bis daß ihr hungernd ihn ertrugt;
752
er liegt wie Landschaft vor den Mauern,
753
denn also weiß er auszudauern
754
um jene, die er heimgesucht.

755
Schaut aus vom Rande eurer Dächer:
756
da lagert er und wird nicht matt
757
und wird nicht weniger und schwächer
758
und schickt nicht Droher und Versprecher
759
und Überreder in die Stadt.

760
Er ist der große Mauerbrecher,
761
der eine stumme Arbeit hat.

762
Ich komme aus meinen Schwingen heim,
763
mit denen ich mich verlor.
764
Ich war Gesang, und Gott, der Reim,
765
rauscht noch in meinem Ohr.

766
Ich werde wieder still und schlicht,
767
und meine Stimme steht;
768
es senkte sich mein Angesicht
769
zu besserem Gebet.
770
Den andern war ich wie ein Wind,
771
da ich sie rüttelnd rief.
772
Weit war ich, wo die Engel sind,
773
hoch, wo das Licht in Nichts zerrinnt –
774
Gott aber dunkelt tief.

775
Die Engel sind das letzte Wehn
776
an seines Wipfels Saum;
777
daß sie aus seinen Ästen gehn,
778
ist ihnen wie ein Traum.
779
Sie glauben dort dem Lichte mehr
780
als Gottes schwarzer Kraft,
781
es flüchtete sich Lucifer
782
in ihre Nachbarschaft.

783
Er ist der Fürst im Land des Lichts,
784
und seine Stirne steht
785
so steil am großen Glanz des Nichts,
786
daß er, versengten Angesichts,
787
nach Finsternissen fleht.
788
Er ist der helle Gott der Zeit,
789
zu dem sie laut erwacht,
790
und weil er oft in Schmerzen schreit
791
und oft in Schmerzen lacht,
792
glaubt sie an seine Seligkeit
793
und hangt an seiner Macht.

794
Die Zeit ist wie ein welker Rand
795
an einem Buchenblatt.
796
Sie ist das glänzende Gewand,
797
das Gott verworfen hat,
798
als Er, der immer Tiefe war,
799
ermüdete des Flugs
800
und sich verbarg vor jedem Jahr,
801
bis ihm sein wurzelhaftes Haar
802
durch alle Dinge wuchs.

803
Du wirst nur mit der Tat erfaßt,
804
mit Händen nur erhellt;
805
ein jeder Sinn ist nur ein Gast
806
und sehnt sich aus der Welt.

807
Ersonnen ist ein jeder Sinn,
808
man fühlt den feinen Saum darin
809
und daß ihn einer spann:
810
Du aber kommst und giebst dich hin
811
und fällst den Flüchtling an.

812
Ich will nicht wissen, wo du bist,
813
sprich mir aus überall.
814
Dein williger Euangelist
815
verzeichnet alles und vergißt
816
zu schauen nach dem Schall.

817
Ich geh doch immer auf dich zu
818
mit meinem ganzen Gehn;
819
denn wer bin ich und wer bist du,
820
wenn wir uns nicht verstehn?

821
Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar
822
wie aller alten Zaren Sterbestunde.
823
Die Macht entfremdete nur meinem Munde,
824
doch meine Reiche, die ich schweigend runde,
825
versammeln sich in meinem Hintergrunde
826
und meine Sinne sind noch Gossudar.

827
Für sie ist beten immer noch: Erbauen,
828
aus allen Maßen bauen, daß das Grauen
829
fast wie die Größe wird und schön, –
830
und: jedes Hinknien und Vertrauen
831
(daß es die andern nicht beschauen)
832
mit vielen goldenen und blauen
833
und bunten Kuppeln überhöhn.

834
Denn was sind Kirchen und sind Klöster
835
in ihrem Steigen und Erstehn
836
als Harfen, tönende Vertröster,
837
durch die die Hände Halberlöster
838
vor Königen und Jungfraun gehn.

839
Und Gott befiehlt mir, daß ich schriebe:

840
Den Königen sei Grausamkeit.
841
Sie ist der Engel vor der Liebe,
842
und ohne diesen Bogen bliebe
843
mir keine Brücke in die Zeit.

844
Und Gott befiehlt mir, daß ich male:

845
Die Zeit ist mir mein tiefstes Weh,
846
so legte ich in ihre Schale:
847
das wache Weib, die Wundenmale,
848
den reichen Tod (daß er sie zahle),
849
der Städte bange Bacchanale,
850
den Wahnsinn und die Könige.

851
Und Gott befiehlt mir, daß ich baue:

852
Denn König bin ich von der Zeit.
853
Dir aber bin ich nur der graue
854
Mitwisser deiner Einsamkeit.
855
Und bin das Auge mit der Braue ...

856
Das über meine Schulter schaue
857
von Ewigkeit zu Ewigkeit.

858
Es tauchten tausend Theologen
859
in deines Namens alte Nacht.
860
Jungfrauen sind zu dir erwacht,
861
und Jünglinge in Silber zogen
862
und schimmerten in dir, du Schlacht.

863
In deinen langen Bogengängen
864
begegneten die Dichter sich
865
und waren Könige von Klängen
866
und mild und tief und meisterlich.

867
Du bist die sanfte Abendstunde,
868
die alle Dichter ähnlich macht;
869
du drängst dich dunkel in die Munde,
870
und im Gefühl von einem Funde
871
umgiebt ein jeder dich mit Pracht.

872
Dich heben hunderttausend Harfen
873
wie Schwingen aus der Schweigsamkeit.
874
Und deine alten Winde warfen
875
zu allen Dingen und Bedarfen
876
den Hauch von deiner Herrlichkeit.

877
Die Dichter haben dich verstreut
878
(es ging ein Sturm durch alles Stammeln),
879
ich aber will dich wieder sammeln
880
in dem Gefäß, das dich erfreut.

881
Ich wanderte in vielem Winde;
882
da triebst du tausendmal darin.
883
Ich bringe alles was ich finde:
884
als Becher brauchte dich der Blinde,
885
sehr tief verbarg dich das Gesinde,
886
der Bettler aber hielt dich hin;
887
und manchmal war bei einem Kinde
888
ein großes Stück von deinem Sinn.

889
Du siehst, daß ich ein Sucher bin.

890
Einer, der hinter seinen Händen
891
verborgen geht und wie ein Hirt;
892
(mögst du den Blick der ihn beirrt,
893
den Blick der Fremden von ihm wenden).
894
Einer der träumt, dich zu vollenden
895
und: daß er sich vollenden wird.

896
Selten ist Sonne im Sobór.
897
Die Wände wachsen aus Gestalten,
898
und durch die Jungfraun und die Alten
899
drängt sich, wie Flügel im Entfalten,
900
das goldene, das Kaiser-Tor.

901
An seinem Säulenrand verlor
902
die Wand sich hinter den Ikonen;
903
und, die im stillen Silber wohnen,
904
die Steine, steigen wie ein Chor
905
und fallen wieder in die Kronen
906
und schweigen schöner als zuvor.

907
Und über sie, wie Nächte blau,
908
von Angesichte blaß,
909
schwebt, die dich freuete, die Frau:
910
die Pförtnerin, der Morgentau,
911
die dich umblüht wie eine Au
912
und ohne Unterlaß.

913
Die Kuppel ist voll deines Sohns
914
und bindet rund den Bau.

915
Willst du geruhen deines Throns,
916
den ich in Schauern schau.

917
Da trat ich als ein Pilger ein
918
und fühlte voller Qual
919
an meiner Stirne dich, du Stein.
920
Mit Lichtern, sieben an der Zahl,
921
umstellte ich dein dunkles Sein
922
und sah in jedem Bilde dein
923
bräunliches Muttermal.

924
Da stand ich, wo die Bettler stehn,
925
die schlecht und hager sind:
926
aus ihrem Auf- und Niederwehn
927
begriff ich dich, du Wind.
928
Ich sah den Bauer, überjahrt,
929
bärtig wie Joachim,
930
und daraus, wie er dunkel ward,
931
von lauter Ähnlichen umschart,
932
empfand ich dich wie nie so zart,
933
so ohne Wort geoffenbart
934
in allen und in ihm.

935
Du läßt der Zeit den Lauf,
936
und dir ist niemals Ruh darin:
937
der Bauer findet deinen Sinn
938
und hebt ihn auf und wirft ihn hin
939
und hebt ihn wieder auf.

940
Wie der Wächter in den Weingeländen
941
seine Hütte hat und wacht,
942
bin ich Hütte, Herr, in deinen Händen
943
und bin Nacht, o Herr, von deiner Nacht.

944
Weinberg, Weide, alter Apfelgarten,
945
Acker, der kein Frühjahr überschlägt,
946
Feigenbaum, der auch im marmorharten
947
Grunde hundert Früchte trägt:

948
Duft geht aus aus deinen runden Zweigen.
949
Und du fragst nicht, ob ich wachsam sei;
950
furchtlos, aufgelöst in Säften, steigen
951
deine Tiefen still an mir vorbei.

952
Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
953
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
954
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
955
diese wolkigen Worte, sind:

956
Von deinen Sinnen hinausgesandt,
957
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
958
gieb mir Gewand.

959
Hinter den Dingen wachse als Brand,
960
daß ihre Schatten, ausgespannt,
961
immer mich ganz bedecken.

962
Laß dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
963
Man muß nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.
964
Laß dich von mir nicht trennen.
965
Nah ist das Land,
966
das sie das Leben nennen.

967
Du wirst es erkennen
968
an seinem Ernste.

969
Gieb mir die Hand.

970
Ich war bei den ältesten Mönchen, den Malern und Mythenmeldern,
971
die schrieben ruhig Geschichten und zeichneten Runen des Ruhms.
972
Und ich seh dich in meinen Gesichten mit Winden, Wassern und Wäldern
973
rauschend am Rande des Christentums,
974
du Land, nicht zu lichten.

975
Ich will dich erzählen, ich will dich beschaun und beschreiben,
976
nicht mit Bol und mit Gold, nur mit Tinte aus Apfelbaumrinden;
977
ich kann auch mit Perlen dich nicht an die Blätter binden,
978
und das zitterndste Bild, das mir meine Sinne erfinden,
979
du würdest es blind durch dein einfaches Sein übertreiben.

980
So will ich die Dinge in dir nur bescheiden und schlichthin benamen,
981
will die Könige nennen, die ältesten, woher sie kamen,
982
und will ihre Taten und Schlachten berichten am Rand meiner Seiten.
983
Denn du bist der Boden. Dir sind nur wie Sommer die Zeiten,
984
und du denkst an die nahen nicht anders als an die entfernten,
985
und ob sie dich tiefer besamen und besser bebauen lernten:
986
du fühlst dich nur leise berührt von den ähnlichen Ernten
987
und hörst weder Säer noch Schnitter, die über dich schreiten.

988
Du dunkelnder Grund, geduldig erträgst du die Mauern.
989
Und vielleicht erlaubst du noch eine Stunde den Städten zu dauern
990
und gewährst noch zwei Stunden den Kirchen und einsamen Klöstern
991
und lässest fünf Stunden noch Mühsal allen Erlöstern
992
und siehst noch sieben Stunden das Tagwerk des Bauern –:

993
Eh du wieder Wald wirst und Wasser und wachsende Wildnis
994
in der Stunde der unerfaßlichen Angst,
995
da du dein unvollendetes Bildnis
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von allen Dingen zurückverlangst.

997
Gieb mir noch eine kleine Weile Zeit: ich will die Dinge so wie keiner lieben
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bis sie dir alle würdig sind und weit.
999
Ich will nur sieben Tage, sieben
1000
auf die sich keiner noch geschrieben,
1001
sieben Seiten Einsamkeit.

1002
Wem du das Buch giebst, welches die umfaßt,
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der wird gebückt über den Blättern bleiben.
1004
Es sei denn, daß du ihn in Händen hast,
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um selbst zu schreiben.

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So bin ich nur als Kind erwacht,
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so sicher im Vertraun
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nach jeder Angst und jeder Nacht
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dich wieder anzuschaun.
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Ich weiß, sooft mein Denken mißt,
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wie tief, wie lang, wie weit – :
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du aber bist und bist und bist,
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umzittert von der Zeit.

1014
Mir ist, als wär ich jetzt zugleich
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Kind, Knab und Mann und mehr.
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Ich fühle: nur der Ring ist reich
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durch seine Wiederkehr.

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Ich danke dir, du tiefe Kraft,
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die immer leiser mit mir schafft
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wie hinter vielen Wänden;
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jetzt ward mir erst der Werktag schlicht
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und wie ein heiliges Gesicht
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zu meinen dunklen Händen.

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Daß ich nicht war vor einer Weile,
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weißt du davon? Und du sagst nein.
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Da fühl ich, wenn ich nur nicht eile,
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so kann ich nie vergangen sein.

1028
Ich bin ja mehr als Traum im Traume.
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Nur was sich sehnt nach einem Saume,
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ist wie ein Tag und wie ein Ton;
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es drängt sich fremd durch deine Hände,
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daß es die viele Freiheit fände,
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und traurig lassen sie davon.

1034
So blieb das Dunkel dir allein,
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und, wachsend in die leere Lichte,
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erhob sich eine Weltgeschichte
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aus immer blinderem Gestein.
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Die Massen wollen wieder Massen,
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die Steine sind wie losgelassen

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und keiner ist von dir behauen.

1041
Es lärmt das Licht im Wipfel deines Baumes
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und macht dir alle Dinge bunt und eitel,
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sie finden dich erst wenn der Tag verglomm.
1044
Die Dämmerung, die Zärtlichkeit des Raumes,
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legt tausend Hände über tausend Scheitel,
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und unter ihnen wird das Fremde fromm.

1047
Du willst die Welt nicht anders an dich halten
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als so, mit dieser sanftesten Gebärde.
1049
Aus ihren Himmeln greifst du dir die Erde
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und fühlst sie unter deines Mantels Falten.

1051
Du hast so eine leise Art zu sein.
1052
Und jene, die dir laute Namen weihn,
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sind schon vergessen deiner Nachbarschaft.

1054
Von deinen Händen, die sich bergig heben,
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steigt, unsern Sinnen das Gesetz zu geben,
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mit dunkler Stirne deine stumme Kraft.

1057
Du Williger, und deine Gnade kam
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immer in alle ältesten Gebärden.
1059
Wenn einer die Hände zusammenflicht,
1060
so daß sie zahm
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und um ein kleines Dunkel sind –:
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auf einmal fühlt er dich in ihnen werden,
1063
und wie im Winde
1064
senkt sich sein Gesicht
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in Scham.
1066
Und da versucht er, auf dem Stein zu liegen
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und aufzustehn, wie er bei andern sieht,
1068
und seine Mühe ist, dich einzuwiegen,
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aus Angst, daß er dein Wachsein schon verriet.

1070
Denn wer dich fühlt, kann sich mit dir nicht brüsten;
1071
er ist erschrocken, bang um dich und flieht
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vor allen Fremden, die dich merken müßten:

1073
Du bist das Wunder in den Wüsten,
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das Ausgewanderten geschieht.

1075
Eine Stunde vom Rande des Tages,
1076
und das Land ist zu allem bereit.
1077
Was du sehnst, meine Seele, sag es:

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Sei Heide und, Heide, sei weit.
1079
Habe alte, alte Kurgane,
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wachsend und kaumerkannt,
1081
wenn es Mond wird über das plane
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langvergangene Land.
1083
Gestalte dich, Stille. Gestalte
1084
die Dinge (es ist ihre Kindheit,
1085
sie werden dir willig sein).
1086
Sei Heide, sei Heide, sei Heide,
1087
dann kommt vielleicht auch der Alte,
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den ich kaum von der Nacht unterscheide,
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und bringt seine riesige Blindheit
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in mein horchendes Haus herein.

1091
Ich seh ihn sitzen und sinnen,
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nicht über mich hinaus;
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für ihn ist alles innen,
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Himmel und Heide und Haus.
1095
Nur die Lieder sind ihm verloren,
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die er nie mehr beginnt;
1097
aus vielen tausend Ohren
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trank sie die Zeit und der Wind;
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aus den Ohren der Toren.

1100
Und dennoch: mir geschieht,
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als ob ich ein jedes Lied
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tief in mir ihm ersparte.

1103
Er schweigt hinterm bebenden Barte,
1104
er möchte sich wiedergewinnen
1105
aus seinen Melodien.
1106
Da komm ich zu seinen Knien:

1107
und seine Lieder rinnen
1108
rauschend zurück in ihn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Rainer Maria Rilke
(18751926)

* 04.12.1875 in Prag, † 29.12.1926 in Montreux

männlich, geb. Rilke

natürliche Todesursache | Leukämie

österreichischer Lyriker, Erzähler, Übersetzer und Romancier (1875–1926)

(Aus: Wikidata.org)

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