Amor Modernus Domesticus

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Amor Modernus Domesticus (1891)

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Er ritt ein dunkelgraues Eselchen,
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zwei bunte Tiere liefen vor ihm her,
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wir konnten sie von ferne nicht erkennen.
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Wir gingen still durch eine stille Flur,
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ich und die Frau, die mir aus Liebe treu blieb,
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wir gingen langsam eine lange Straße.

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Die Pappeln zeigten schon vergilbte Blätter,
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ein Dornbusch setzte neue Blüten an,
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der Himmel schien auf abgemähte Wiesen
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und streute Schatten auf die bunten Tiere;
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Dorfkinder trabten um das Wunder mit.
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Als nun aus ihrem Schwarm das Ohrenschütteln
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des Eselchens allmählich mehr hervortrat,
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erkannten wir: die Tiere hatten Hörner
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und ihre Farben waren nicht Natur:
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vor einem blaugetünchten Ziegenbock
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lief eine schwarz und rot gefleckte Ziege.
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Der Reiter aber auf dem Eselchen
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war ein entzückend wilder schwarzer Krauskopf,
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und lächelte mit jungen roten Lippen,
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und seine blauen Augen rührten mich.
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Vor ihm und hinter ihm auf seinem Grauchen
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hing allerlei unnützer Tändelkram,
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wie Liebesleute sich zu schenken pflegen;
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und jedes Stück war grell in Rot und Blau
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und Schwarz mit einem Heiligenbild bemalt,
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ich dacht an Hölle, Himmel und den Tod.
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Der schöne Junge aber nickte hold
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und rief uns beiden zu: »kauft, liebe Leute!«
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und hob glückselig seine Waare hoch.

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Auf einmal kam das bunte Ziegenpaar
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mit kläglichem Gemecker angesprungen,
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daß sich der Kinderschwarm bei Seite drückte,
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und ich erschrak bis in die Eingeweide:
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ich sah, der schöne Junge war verkrüppelt.
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Die Beine hörten mit den Knieen auf,
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die linke Hand war nur ein spitzer Stumpf,
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der rechten mangelte der Zeigefinger.
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So saß er zügellos auf seinem Grauchen
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und schüttelte den schwarzen wilden Krauskopf
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und hob glückselig seinen Kram noch höher
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und sah uns rührend und entzückend an.

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Und während ich noch stand und schauderte,
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durch welch ein Unheil so entstellt sein mochte
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die Lieblichkeit und Leiblichkeit des Lebens,
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sagte die Frau, die mir aus Liebe treu blieb:
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»der arme Bursche! wie er sich verstellt!«
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Der schöne Krüppel aber lächelte
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und sprach: »So wenig wie mein Eselchen!
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nur meine beiden Ziegen tun mir leid.«
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Sie fragte: »Warum dann bemalst du sie?
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das muß dir doch sehr große Mühe machen;
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durch welch ein Unheil bist du so entstellt?«
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Da wurden seine roten Lippen traurig,
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er blickte scheu auf seine Heiligenbilder
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und sagte leise vor sich hin: »
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die blauen Augen winkten uns Lebwohl.

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Noch lange sahn wir in der langen Straße
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zwischen den Pappeln die Dorfkinder traben,
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und sahn sein dunkelgraues Eselchen
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und ab und zu sein buntes Ziegenpaar;
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der Himmel schien auf abgemähte Wiesen.

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. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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»pflicht« – o Schreckwort jeden Übermuts –
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spukhaft fuhr mir's durch die Knochen.
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Stockte nicht vor lauter Pflicht mein Blut?
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Sollt ich selbst mich unterjochen?

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Treue – ah! du Deckwort jeder Knechtschaft –
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wütend schlug ich's in den Wind.
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Gab mir meine Qual nicht Rechenschaft,
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was für Übel alle Tugenden sind?!

72
Noch auf meinem stillen Lager heute
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mahnt mich all mein reuiges Ringen
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an die Wüstheit jener Rittersleute,
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die vor Gottgier meist zum Teufel gingen.

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Wie entraff ich mich dem heiligen Greuel?
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Infernalisch wie ein blitzegeschwänzter
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Drache lockt mich meiner Zweifel Knäuel –
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niemals sah ich die Nacht beglänzter!

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Gleißner ich! mit was für Reizen
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hab ich stets mein Bestienpack bedacht,
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vor mir selber mich als Priester spreizend,
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der gewaltige Sündenböcke schlachtet!

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Wie empfand ich mich als Sittenrächer,
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der den Dämon seines Bluts befriedigte,
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während ich, ein simpler Ehebrecher,
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mich zu dir erniedrigte,

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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