Er saß und konnte nicht los

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Richard Fedor Leopold Dehmel: Er saß und konnte nicht los Titel entspricht 1. Vers(1891)

1
Er saß und konnte nicht los
2
aus dieser drückenden Qual.
3
Immer wieder
4
sank es über ihn,
5
wie ein magnetischer Ring um die Stirn,
6
und lähmte seine Hand,
7
seit Wochen nun schon,
8
seitdem er wieder gesund war,
9
immer wenn er malen wollte,
10
immer die eine, große, unerfüllte Lust,
11
das Ziel der hundert frohen
12
Mühen und Entwürfe,
13
das Bild, das Bild:
14
ihr Gesicht –
15
was er auch Neues vornehmen mochte.

16
Er hörte sie im Nebenraum hantieren,
17
durch den Teppich hindurch.
18
So verhalten klang es,
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so fremd.
20
Und die Brandflecken auf dem Teppich! –
21
Er fühlte seine starken
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Schultern zucken,
23
ohne daß er's wehren konnte.
24
Er sah müde und verächtlich
25
in die Landschaft auf der Staffelei,
26
und warf den Pinsel weg,
27
und sah scheu nach der Wand drüben,
28
nach dem Menschenbilde da.

29
Da hing es und wartete,
30
das letzte von den vielen;
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das sie noch gerettet hatte aus dem Brande,
32
im letzten Augenblick,
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aus den fliegenden Flammen.
34
Es war wie ein Bann:
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diese ungelöste Aufgabe,
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dies Gesicht.

37
Oh gewiß – es war ja fertig,
38
ein Bild, wie nur Er es malen konnte:
39
dies Weib da, mit der Narzisse
40
in den streng gefalteten Händen.
41
Sie duftete fast,
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die vorgebeugte
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makellose
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leuchtende Blüte
45
mit dem purpurgelben Krönchen
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auf dem weißen Stern,
47
die berauschende Blüte,
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vor den jungen, nackten, vollen Brüsten.
49
Und darüber so stumm
50
ihr gewährender Mund;
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und darüber die blauen
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drohenden Augen,
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groß und dunkel ins Weite gerichtet;
54
und darüber ihre Haarglut,
55
matt und schwer und rot wie Kupfergold,
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grünlich umschattet
57
vom spitzen, glänzenden Laubwerk
58
des alten Myrtenbaumes
59
mit den kleinen,
60
schimmernd springenden Knospen.
61
Ja, seine Freunde hatten gescholten,
62
daß er's der Welt nicht zeigen wollte;
63
damals.

64
Aber das war es ja:
65
auch jetzt nicht!
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und nie, niemals,
67
bis er das Eine gefunden,
68
das noch drin fehlte,
69
Ihm nur sichtbar,
70
das nur Er vermißte in seinen Bildern,
71
das letzte Rätsel ihres Gesichtes:
72
Das, warum er sie liebte.

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Oh, und nun war's unmöglich,
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war es zerstört
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dies stille lebendige Rätsel,
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von den Flammen gefressen
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das Geheimnis ihrer Züge,
78
von Narben zerrissen
79
dieser stolze Hals,
80
diese seltenen Lippen;
81
und um seinetwillen.
82
Und er hatte doch gewußt,
83
mit seiner ganzen Kraft gewußt,
84
daß es endlich ihm glücken würde,
85
daß er's ihr ablauschen würde
86
und auf die Leinewand zwingen,
87
dies lockende Wunder;
88
nicht aus den Augen,
89
nicht aus den Mundwinkeln,
90
da saß es nicht,
91
in keiner Einzelheit,
92
auch in der Stimmung nicht –
93
das hatte er Alles
94
versucht und getroffen.
95
Es war ein Ausdruck, ein Ausdruck;
96
und er war ihm so nahe gewesen,
97
in seinem letzten Bilde,
98
dem an der Wand da drüben,
99
dem einzigen übrigen.
100
Und jetzt, jetzt –?
101
er preßte die Finger ineinander,
102
er hätte sie blutig drücken mögen.

103
Und Alles, weil er sie liebte;
104
grade weil.
105
Und weil er so stark war.
106
Ob es wol Strafen gab?
107
Strafen der Kraft?
108
aus sich selbst?
109
Der gebrochene Fuß! –
110
Ob Liebe Sünde war?
111
Nicht überhaupt,
112
aber für Ihn:
113
Sünde gegen die Kunst,
114
Uebermannung!
115
Denn es war ja nicht gleich so gewesen;
116
was ging ihn ihre Seele an.
117
Aber allmählich –
118
oh, das war's ja aber,
119
das Heilige,
120
auch für den Künstler,
121
Das, was ihm die Augen geöffnet hatte,
122
das Allerheiligste der Form:
123
die verschlossene Seele,
124
die Gegenseitigkeit alles Lebendigen! –
125
Und so war's denn geworden:
126
das Modell zum Weibe,
127
der Leib zum Wesen,
128
und immer gegenseitiger
129
dem Künstler ihre Schönheit,
130
und immer gegenseitiger
131
dem Menschen ihr Geschlecht.
132
Nein, er wollte es nicht;
133
nur mit den Augen wollt'er sie haben,
134
die nachtblau dunklen, schwimmenden Blumen,
135
ihr quellentiefes, stilles Gesicht,
136
Alles! –
137
Und doch:
138
wie er sie dann erkannte,
139
diese Gestalt,
140
Blick für Blick,
141
und Ahnung um Ahnung sicherer wurde,
142
fester im Bilde,
143
und sich alles ihr entgegenspannte
144
in seinen Sinnen,
145
und ihre Innigkeit mit seiner Sehnsucht wuchs:
146
es war ja Natur, Natur!
147
war das Ohnmacht?
148
jener Augenblick,
149
nach jenem letzten Bilde,
150
als er sie am Handgelenk heranriß,
151
noch zitternd vor schaffendem Entzücken,
152
und ihr den neuen Ausdruck zeigte,
153
der sie fast enträtselte,
154
diese verlangende Keuschheit,
155
und dann sie ansah,
156
schwül und durstig,
157
das Eine Letzte suchend,
158
und sie's nicht aushielt länger
159
und an ihm niederwankte,
160
so warm und schwer,
161
und er an ihr:
162
oh Versunkenheit! –
163
Und dann, dann:
164
es war zu hart,
165
zu widersinnig hart:
166
wie er sie hochgerissen hatte mit tollen Armen,
167
schreiend vor Lust und doppeltem Ueberglück,
168
und mit ihr über den Schemel sprang:
169
dieser tückische Knöchelbruch, –
170
um den er damals noch lachen konnte
171
in seiner schwelgenden Liebe,
172
damals.

173
Er lauschte.
174
Was sie wol dachte jetzt.
175
An ihn nur.
176
Das fühlte er.
177
Das
178
der magnetische Ring.

179
Wie still sie wieder saß;
180
daß er sie nur nicht merken möchte,
181
da in der kleinen Kammer,
182
hinter dem Teppich;
183
nichts rührte sich;
184
so war's nun Tag für Tag.
185
Und Abends die Angst,
186
die heimliche Angst,
187
mit der sie sich im Dunkeln hielt,
188
im Halblicht,
189
oder ihr Gesicht verhüllte,
190
daß er es nur nicht sehen möchte;
191
daß er sie nur vergessen möchte,
192
ihre tote Schönheit,
193
das Bild ihrer Seele,
194
diese quälende Unmöglichkeit.
195
Ja: die Angst in der Luft,
196
das war's,
197
das machte ihn zunichte,
198
diese Liebe.

199
Ja, und
200
dieser lähmende Zwang!
201
War nicht Alles blos Erinnerung.
202
Nicht einmal Nachts,
203
nicht anrühren konnt'er sie mehr,
204
ohne daß es wieder vor ihm stand,
205
das ganze furchtbar rote Schauspiel,
206
und ihm heiß und kalt die Sinne benahm.
207
Wie sie ihn geweckt,
208
ihn herausgehoben hatte
209
mit seinem kranken, dick verschienten Fuß
210
aus dem qualmenden Bett,
211
hinter ihr her schon die leckenden Flammen,
212
durch die Thür
213
und hinab die dreizehn dunklen Treppenstufen –
214
oh, sie war stark,
215
fast so stark wie Er!
216
und dann zurückgestürzt war
217
und sich nicht halten ließ,
218
wieder hinauf,
219
um das Bild noch zu retten,
220
das eine wenigstens,
221
hinein in das glühende Viereck oben
222
mit den langen, offenen Flechten,
223
die im Feuerschein flossen wie blutige Seide –
224
dies Flimmern!
225
Und auf Einmal der Schrei,
226
dieser lange, zerreißende Schrei,
227
und das polternde Bild,
228
herunter zu ihm,
229
und oben
230
groß,
231
in entsetzlicher Pracht,
232
mit den greifenden Armen,
233
die roten Haare zu bläulichen Funken zerflatternd,
234
eine sprühende Glorie;
235
züngelnde Flügel
236
um den keuchenden Busen;
237
und die grauenhaft flackernden Augen!
238
Und Er
239
hilflos da unten sich krümmend!
240
Und noch Einmal der Schrei,
241
der heiße, tierische Schrei,
242
und sein eigener Schrei:
243
wie sie wieder sich dreht,
244
eine brennende Garbe,
245
noch Einmal hinein –
246
daß ihn die Sinne verlassen,
247
bis die Leute ihn wecken
248
und sie neben ihm liegt,
249
in den Teppich gewickelt,
250
nach dem sie zurückgerannt
251
in letzter, gräßlicher Besonnenheit,
252
den lodernden Schmerz zu ersticken,
253
das tapfere, starke Geschöpf –
254
seine Retterin!

255
Ob sich das wol malen ließe:
256
feurige Flügel?
257
Nein Narrheit;
258
so wenig wie der Sonnenstrahl,
259
der da auf der Palette blitzte.
260
Ach, das Sonnenlicht!
261
wie ihr Haar drin schillerte früher,
262
so glatt und wogend;
263
ob es wol wiederwachsen würde?
264
Aber was nützte das!
265
Ihr Gesicht,
266
die Erinnerung,
267
die ihn zu ihr zog
268
und von ihr stieß.

269
Er stierte zu Boden.
270
Wenn sie doch gestorben wäre,
271
ja, gestorben,
272
nicht blos für Ihn.
273
Dann würd'er zu ihr beten können,
274
sein ganzes Leben lang,
275
ruhig,
276
traurig,
277
wie als Kind zur Jungfrau Maria.
278
Nein, Maria Magdalena
279
hatte er immer gemeint,
280
immer wenn er Sonntags knieen mußte:
281
seitdem er sich heimlich die Bibel gekauft,
282
bis die Mutter sie fand und ihn schlug, –
283
Magdalena,
284
die fühlende Sünderin.

285
Ach, was sollte dies Grübeln.
286
Sie lebte ja,
287
lebte und liebte ihn,
288
und war gesund,
289
gesund wie Er.
290
O das schöne, blühende Wort!
291
Oh, ihre quälende Häßlichkeit!
292
ihre mahnende Nähe!
293
die Lust und der Abscheu!
294
Ohnmacht!

295
Er sah wieder auf,
296
nach dem Teppich,
297
nach dem Narzissenbild.
298
Wenn er's verkaufen würde.
299
Ob er dann vielleicht Ruhe hätte.
300
Wozu auch diese Versessenheit,
301
ohne Sinn und Verstand,
302
auf das eine einzige Bischen Seele.
303
Wozu denn überhaupt
304
der ganze pedantische Tiefsinn.
305
Warum war's ihm nicht genug
306
an dem farbigen Witz, wie den Andern;
307
an der Lichtflunkerei,
308
über die er sonst spottete.
309
Es war doch so einfach:
310
was Neues probiren! –
311
Aber sie,
312
Und wenn er das Bild in Stücke zerschnitte,
313
die Erinnerung blieb,
314
solange sie selbst blieb;
315
und mit ihr der Zwang.
316
Und die Erinnerung
317
ließ sich nicht malen.

318
Freiheit! – Ja:
319
das war das Ungesunde,
320
das war unsittlich:
321
diese widernatürliche
322
dumpfe Gemeinschaft,
323
Knechtschaft,
324
Leibeigenschaft!

325
Er starrte auf die Palette,
326
ein Wolkenschatten wischte den Lichtstrahl aus;
327
wenn er ihr Schminke gäbe –
328
ihn ekelte.
329
Und die Form
330
bliebe ja dennoch zerstört,
331
die Seele im Gesicht.
332
Und ihre Scham! ihr Stolz!
333
dann
334
würde sie
335
gehen!
336
Aber das wollte er doch?
337
Dann das Bild auf die Ausstellung,
338
weg damit,
339
eine Reise;
340
Gletschersonne!
341
Ein, zwei Jahre würd'es schon noch reichen,
342
das Geld für das Bild
343
und der Rest seiner Erbschaft;
344
er würde blos arbeiten.
345
Und er hatte ja genug gelernt an ihr!
346
er wollt'es den Andern schon zeigen,
347
warum er so lange im Stillen gesessen! –
348
Und sie?
349
Sie war ja
350
die Höhere Tochter;
351
sie konnte ja Unterricht geben,
352
oder als Buchhalterin –
353
oder er würde ihr selber was schicken.
354
Nein: das würde sie nicht nehmen.
355
Und:
356
und wenn die Leute sie nicht haben wollten:
357
mit ihrem entstellten Gesicht! –
358
Oh, dies Gewissen!
359
Warum hatte er dies Gewissen!
360
Ja: für die Kunst, da war's gut.
361
Aber fürs Leben:
362
fürs Leben brauchte man doch kein Gewissen! –
363
Nicht, weil er sie verführt hatte;
364
nein!
365
eher sie ihn.
366
Oder weil sie eine Verstoßene war –
367
eine Verstoßene?
368
um seinetwillen!
369
Nein: das war ja aus ihr selbst gekommen.
370
Warum war sie denn wiedergekommen,
371
noch eh er von Liebe was ahnte;
372
und immer wieder,
373
bis sie bleiben mußte.
374
Das war ihr Verhängnis!
375
ja, ihr eigenes Verhängnis:
376
ihr Wille! –
377
Weil sein Ernst sie lockte;
378
was die Eltern auch sagen mochten.
379
Weil sie
380
Aber:
381
aber
382
Ja –
383
bis er ihn verlor,
384
in jenem Augenblick,
385
den Willen zur Form.
386
Nein, schon vorher:
387
bis er die Seele sah.
388
Aber das
389
die verschlossene Seele;
390
was Er gesucht hatte,
391
was sie empfunden hatte,
392
warum sie ihm vertraute,
393
ihm, dem Künstler.
394
Nein, auch dem Menschen!
395
dem Menschen, der
396
über Sich und Natur,
397
über Seele und Leben.
398
Und doch nicht!
399
es war ja das Selbe,
400
die selben Sinne,
401
die selbe Natur:
402
die Kraft des Künstlers, des Menschen.
403
Ja: da hing es:
404
jener Augenblick,
405
jenes Bild:
406
seine Kunst, sein Wille,
407
Das war Alles das Selbe,
408
das folternde, drohende Selbe!
409
denn sein Leben,
410
das, das war er ihr
411
ihr, seiner Retterin!
412
sein Leben,
413
seine Kunst,
414
seine Arbeit,
415
seinen Zweck und Glauben!

416
Er fuhr zusammen,
417
ein neuer Wolkenschatten
418
huschte durch die Stille.
419
Er preßte die Augen zu;
420
er wollt'es schon gar nicht mehr sehen,
421
das fordernde, drohende Bild;
422
er haßte es schon!
423
Er drückte die Fäuste in die Augen,
424
daß sie flimmerten.
425
Er sah es nur mächtiger,
426
im sprühenden Glanz,
427
und sah sie, sie,
428
wie sie
429
mit dem schiefen, gestaltlosen Mund,
430
mit dem haarlosen Kopf,
431
mit den Narben um Nase und Kinn,
432
mit dem blanken, striemenroten Hals.
433
Er stöhnte laut auf,
434
daß ihn graute
435
vor der hohlen, einsamen Stimme.

436
Da:
437
das war doch
438
Zagend, suchend
439
kam es durch den großen Raum:
440
»riefest du?«
441
weich und schwer,
442
wie der Teppich, den er schwanken hörte.

443
Er sah nicht auf.
444
Er fühlte, wie sie fragend stand.
445
Nur nicht jetzt ihr Gesicht!
446
Er wollte sprechen.
447
Da kam sie.

448
Er wollte den Kopf schütteln;
449
aber ihre Hand auf seiner Schulter,
450
ihr Warten!
451
Es war nicht möglich,
452
es zwang ihn hoch,
453
er mußte sie ansehn,
454
ansehn,
455
am weißen Morgenkleid hinauf,
456
ihren Hals,
457
und –
458
Rot,
459
und ein brausendes Schwarz,
460
Seele,
461
der Blick,
462
ihr Gesicht,
463
es war Uebergewalt,
464
da stand sie,
465
hoch,
466
starr,
467
erbebend:
468
»ich
469
werde
470
gehen« –
471
und wollte sich wenden.
472
Und Er
473
sah sie an,
474
an,
475
und seine Augen wurden immer weiter,
476
daß sie nicht loskonnte,
477
immer durstiger,
478
und seine Finger tasteten und griffen,
479
es zu fassen,
480
zu halten,
481
das unerkannte
482
letzte
483
Eine,
484
das selige Wunder,
485
Das, was ihn zu ihr in die Kniee riß,
486
warum er sie umklammerte,
487
weinend,
488
»offenbarung« stammelnd:
489
ihre große Sittlichkeit,
490
die Schönheit ihrer Erschütterung!

491
Und nun,
492
weich,
493
weich, schwer und leise,
494
sank auch sie herab an ihm,
495
Knie an Knie,
496
kindermild,
497
anders wie damals;
498
und er küßte die gestaltlosen Lippen
499
und schlang die Hände um den haarlosen Kopf
500
und hielt sie von sich,
501
schauend – schauend – nein:
502
Das lag nicht in den Augen,
503
nicht in den Mundwinkeln,
504
in keiner Einzelheit:
505
das würde ihn zur Andacht zwingen,
506
und wenn sie ganz verschleiert vor ihm läge:
507
diese strömende Hohheit,
508
diese heilige, siegende Demut.

509
Und er mußte es sagen,
510
lachend,
511
das Ueberflüssige –
512
»ich liebe dich«.

513
Und wie sie sich erhoben von den Knieen,
514
in ihrer Klarheit,
515
und der breite Sonnenstrahl
516
auf der Palette blitzte,
517
nach der Wand hinüber,
518
nach dem Myrtenbilde,
519
da stieg es vor ihm auf,
520
neu und mächtig:
521
»weißt du, wie ich dich malen werde?
522
Blut und Nacht,
523
Sterne,
524
Magdalena,
525
der Welt den Gekreuzigten zeigend.«

526
»in den liebenden Armen«,
527
sagte sie dunkel.

528
Ein Wolkenschatten ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Richard Dehmel
(18631920)

* 18.11.1863 in Münchehofe, † 08.02.1920 in Blankenese

männlich, geb. Dehmel

Nationalökonom, deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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