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Er saß und konnte nicht los
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aus dieser drückenden Qual.
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wie ein magnetischer Ring um die Stirn,
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seitdem er wieder gesund war,
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immer wenn er malen wollte,
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immer die eine, große, unerfüllte Lust,
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das Ziel der hundert frohen
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was er auch Neues vornehmen mochte.
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Er hörte sie im Nebenraum hantieren,
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durch den Teppich hindurch.
20
Und die Brandflecken auf dem Teppich! –
21
Er fühlte seine starken
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ohne daß er's wehren konnte.
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Er sah müde und verächtlich
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in die Landschaft auf der Staffelei,
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und warf den Pinsel weg,
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und sah scheu nach der Wand drüben,
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nach dem Menschenbilde da.
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Oh gewiß – es war ja fertig,
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ein Bild, wie nur Er es malen konnte:
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dies Weib da, mit der Narzisse
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in den streng gefalteten Händen.
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mit dem purpurgelben Krönchen
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die berauschende Blüte,
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vor den jungen, nackten, vollen Brüsten.
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groß und dunkel ins Weite gerichtet;
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und darüber ihre Haarglut,
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matt und schwer und rot wie Kupfergold,
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vom spitzen, glänzenden Laubwerk
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schimmernd springenden Knospen.
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Ja, seine Freunde hatten gescholten,
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daß er's der Welt nicht zeigen wollte;
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bis er das Eine gefunden,
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das nur Er vermißte in seinen Bildern,
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das letzte Rätsel ihres Gesichtes:
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Das, warum er sie liebte.
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Oh, und nun war's unmöglich,
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dies stille lebendige Rätsel,
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von den Flammen gefressen
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das Geheimnis ihrer Züge,
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Und er hatte doch gewußt,
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mit seiner ganzen Kraft gewußt,
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daß es endlich ihm glücken würde,
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daß er's ihr ablauschen würde
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und auf die Leinewand zwingen,
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nicht aus den Mundwinkeln,
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auch in der Stimmung nicht –
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versucht und getroffen.
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Es war ein Ausdruck, ein Ausdruck;
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und er war ihm so nahe gewesen,
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in seinem letzten Bilde,
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dem an der Wand da drüben,
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er preßte die Finger ineinander,
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er hätte sie blutig drücken mögen.
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Und Alles, weil er sie liebte;
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Und weil er so stark war.
106
Ob es wol Strafen gab?
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Sünde gegen die Kunst,
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Denn es war ja nicht gleich so gewesen;
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was ging ihn ihre Seele an.
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oh, das war's ja aber,
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auch für den Künstler,
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Das, was ihm die Augen geöffnet hatte,
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das Allerheiligste der Form:
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die verschlossene Seele,
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die Gegenseitigkeit alles Lebendigen! –
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Und so war's denn geworden:
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und immer gegenseitiger
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dem Künstler ihre Schönheit,
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und immer gegenseitiger
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dem Menschen ihr Geschlecht.
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Nein, er wollte es nicht;
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nur mit den Augen wollt'er sie haben,
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die nachtblau dunklen, schwimmenden Blumen,
135
ihr quellentiefes, stilles Gesicht,
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wie er sie dann erkannte,
141
und Ahnung um Ahnung sicherer wurde,
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und sich alles ihr entgegenspannte
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und ihre Innigkeit mit seiner Sehnsucht wuchs:
146
es war ja Natur, Natur!
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nach jenem letzten Bilde,
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als er sie am Handgelenk heranriß,
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noch zitternd vor schaffendem Entzücken,
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und ihr den neuen Ausdruck zeigte,
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der sie fast enträtselte,
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diese verlangende Keuschheit,
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das Eine Letzte suchend,
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und sie's nicht aushielt länger
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und an ihm niederwankte,
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wie er sie hochgerissen hatte mit tollen Armen,
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schreiend vor Lust und doppeltem Ueberglück,
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und mit ihr über den Schemel sprang:
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dieser tückische Knöchelbruch, –
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um den er damals noch lachen konnte
171
in seiner schwelgenden Liebe,
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Wie still sie wieder saß;
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daß er sie nur nicht merken möchte,
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da in der kleinen Kammer,
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so war's nun Tag für Tag.
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mit der sie sich im Dunkeln hielt,
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oder ihr Gesicht verhüllte,
190
daß er es nur nicht sehen möchte;
191
daß er sie nur vergessen möchte,
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diese quälende Unmöglichkeit.
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Ja: die Angst in der Luft,
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das machte ihn zunichte,
200
dieser lähmende Zwang!
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War nicht Alles blos Erinnerung.
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nicht anrühren konnt'er sie mehr,
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ohne daß es wieder vor ihm stand,
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das ganze furchtbar rote Schauspiel,
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und ihm heiß und kalt die Sinne benahm.
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ihn herausgehoben hatte
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mit seinem kranken, dick verschienten Fuß
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aus dem qualmenden Bett,
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hinter ihr her schon die leckenden Flammen,
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und hinab die dreizehn dunklen Treppenstufen –
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und dann zurückgestürzt war
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und sich nicht halten ließ,
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um das Bild noch zu retten,
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hinein in das glühende Viereck oben
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mit den langen, offenen Flechten,
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die im Feuerschein flossen wie blutige Seide –
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Und auf Einmal der Schrei,
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dieser lange, zerreißende Schrei,
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und das polternde Bild,
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in entsetzlicher Pracht,
232
mit den greifenden Armen,
233
die roten Haare zu bläulichen Funken zerflatternd,
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eine sprühende Glorie;
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um den keuchenden Busen;
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und die grauenhaft flackernden Augen!
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hilflos da unten sich krümmend!
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Und noch Einmal der Schrei,
241
der heiße, tierische Schrei,
242
und sein eigener Schrei:
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wie sie wieder sich dreht,
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daß ihn die Sinne verlassen,
247
bis die Leute ihn wecken
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und sie neben ihm liegt,
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in den Teppich gewickelt,
250
nach dem sie zurückgerannt
251
in letzter, gräßlicher Besonnenheit,
252
den lodernden Schmerz zu ersticken,
253
das tapfere, starke Geschöpf –
255
Ob sich das wol malen ließe:
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so wenig wie der Sonnenstrahl,
259
der da auf der Palette blitzte.
261
wie ihr Haar drin schillerte früher,
263
ob es wol wiederwachsen würde?
270
Wenn sie doch gestorben wäre,
273
Dann würd'er zu ihr beten können,
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sein ganzes Leben lang,
277
wie als Kind zur Jungfrau Maria.
279
hatte er immer gemeint,
280
immer wenn er Sonntags knieen mußte:
281
seitdem er sich heimlich die Bibel gekauft,
282
bis die Mutter sie fand und ihn schlug, –
284
die fühlende Sünderin.
285
Ach, was sollte dies Grübeln.
290
O das schöne, blühende Wort!
291
Oh, ihre quälende Häßlichkeit!
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die Lust und der Abscheu!
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nach dem Narzissenbild.
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Wenn er's verkaufen würde.
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Ob er dann vielleicht Ruhe hätte.
300
Wozu auch diese Versessenheit,
301
ohne Sinn und Verstand,
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auf das eine einzige Bischen Seele.
304
der ganze pedantische Tiefsinn.
305
Warum war's ihm nicht genug
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an dem farbigen Witz, wie den Andern;
307
an der Lichtflunkerei,
308
über die er sonst spottete.
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Es war doch so einfach:
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Und wenn er das Bild in Stücke zerschnitte,
314
solange sie selbst blieb;
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und mit ihr der Zwang.
317
ließ sich nicht malen.
325
Er starrte auf die Palette,
326
ein Wolkenschatten wischte den Lichtstrahl aus;
327
wenn er ihr Schminke gäbe –
330
bliebe ja dennoch zerstört,
332
Und ihre Scham! ihr Stolz!
336
Aber das wollte er doch?
337
Dann das Bild auf die Ausstellung,
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Ein, zwei Jahre würd'es schon noch reichen,
343
und der Rest seiner Erbschaft;
344
er würde blos arbeiten.
345
Und er hatte ja genug gelernt an ihr!
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er wollt'es den Andern schon zeigen,
347
warum er so lange im Stillen gesessen! –
351
sie konnte ja Unterricht geben,
352
oder als Buchhalterin –
353
oder er würde ihr selber was schicken.
354
Nein: das würde sie nicht nehmen.
356
und wenn die Leute sie nicht haben wollten:
357
mit ihrem entstellten Gesicht! –
359
Warum hatte er dies Gewissen!
360
Ja: für die Kunst, da war's gut.
362
fürs Leben brauchte man doch kein Gewissen! –
363
Nicht, weil er sie verführt hatte;
366
Oder weil sie eine Verstoßene war –
369
Nein: das war ja aus ihr selbst gekommen.
370
Warum war sie denn wiedergekommen,
371
noch eh er von Liebe was ahnte;
373
bis sie bleiben mußte.
374
Das war ihr Verhängnis!
375
ja, ihr eigenes Verhängnis:
377
Weil sein Ernst sie lockte;
378
was die Eltern auch sagen mochten.
389
die verschlossene Seele;
391
was sie empfunden hatte,
392
warum sie ihm vertraute,
394
Nein, auch dem Menschen!
402
die Kraft des Künstlers, des Menschen.
406
seine Kunst, sein Wille,
407
Das war Alles das Selbe,
408
das folternde, drohende Selbe!
415
seinen Zweck und Glauben!
417
ein neuer Wolkenschatten
418
huschte durch die Stille.
419
Er preßte die Augen zu;
420
er wollt'es schon gar nicht mehr sehen,
421
das fordernde, drohende Bild;
423
Er drückte die Fäuste in die Augen,
425
Er sah es nur mächtiger,
429
mit dem schiefen, gestaltlosen Mund,
430
mit dem haarlosen Kopf,
431
mit den Narben um Nase und Kinn,
432
mit dem blanken, striemenroten Hals.
435
vor der hohlen, einsamen Stimme.
448
Er wollte den Kopf schütteln;
449
aber ihre Hand auf seiner Schulter,
455
am weißen Morgenkleid hinauf,
459
und ein brausendes Schwarz,
471
und wollte sich wenden.
475
und seine Augen wurden immer weiter,
476
daß sie nicht loskonnte,
478
und seine Finger tasteten und griffen,
485
Das, was ihn zu ihr in die Kniee riß,
486
warum er sie umklammerte,
488
»offenbarung« stammelnd:
489
ihre große Sittlichkeit,
490
die Schönheit ihrer Erschütterung!
493
weich, schwer und leise,
494
sank auch sie herab an ihm,
498
und er küßte die gestaltlosen Lippen
499
und schlang die Hände um den haarlosen Kopf
500
und hielt sie von sich,
501
schauend – schauend – nein:
502
Das lag nicht in den Augen,
503
nicht in den Mundwinkeln,
505
das würde ihn zur Andacht zwingen,
506
und wenn sie ganz verschleiert vor ihm läge:
507
diese strömende Hohheit,
508
diese heilige, siegende Demut.
513
Und wie sie sich erhoben von den Knieen,
515
und der breite Sonnenstrahl
516
auf der Palette blitzte,
517
nach der Wand hinüber,
519
da stieg es vor ihm auf,
521
»weißt du, wie ich dich malen werde?
525
der Welt den Gekreuzigten zeigend.«