Zerflatternd schwanden schwere Nebelschuppen

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Karl Henckell: Zerflatternd schwanden schwere Nebelschuppen Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Zerflatternd schwanden schwere Nebelschuppen
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Vom Antlitz des Gebirges langsam hin.
3
Weiß schweben Wolken um befreite Kuppen –
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So weht Allvaters Bart seit Urbeginn.
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Der Himmel sandte seine Säubertruppen,
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Die frischen Morgenwinde. Siegerin
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Wird Sonne. Ihre tausend Strahlenhände
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Ergreifen hell die finstern Felsenwände.

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Von diesem Gipfel, wo die Geister thronen
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Der überwindend schöpfertrunkenen Lust,
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Schau ich die Welt gemarterter Millionen,
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Der unerhörten Daseinsqual bewußt.
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Schau ich die Völker, die auf Erden wohnen,
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Wie sie sich selbst zerfleischen Brust an Brust,
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Schau ich der Menschheit Leib vom blutigen Kleide
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Geschändet bis ins tiefste Eingeweide.

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Von diesem Gipfel, wo die Geister lauschen
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Des Sonnenlichtes seliger Symphonie,
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Hör ich den Schreckensstrom der Leiden rauschen,
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Ein wimmernd Heulen wie von Schlächtervieh.
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Hör ich Gebet mit wildem Fluche tauschen
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Und Todesschrei, wie er aus Jesus schrie,
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Hör ich des Lebens mildere Akkorde
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Zerschelln im wüsten Lärm der Massenmorde.

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Und von den Schreien, die gen Himmel branden,
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Fühl ich erbeben dieses Berges Mark,
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Was Menschen jemals Menschliches empfanden,
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Rührt an der Erde Festen riesenstark.
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Ich fühle, wie
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Zusammenpocht hier in Prometheus Park;
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Ich fühle sich der Seelen Seele spannen
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Im Kerne des Granits – den Fluch zu bannen:

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»zu viel Entsetzen trug der Erde Rücken,
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Die Mutter Gäa trug zu viel des Wehs,
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O bräche der Zerstörerstern zu Stücken,
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Versinkend in dem Pfuhl des Höllensees!
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Mir graut, mich jung mit grünem Laub zu schmücken,
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Befleckt vom Mal des mordgetränkten Schnees.
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Besudelt und verpestet Wälder, Auen!
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Mein Sinn vergeht vor Grauen, Grauen, Grauen.

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Schuf Er mich nicht zum ewigen Paradiese,
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Der den Gestirnen ihre Bahnen weist,
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Und will Er, daß in stetem Kampf erkiese
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Der Erdensohn, was er sein Schicksal heißt,
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Daß er im Ringen nur sich glücklich priese,
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Erlöser seiner selbst durch Tatengeist –
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So mög' Er ihm, der heldisch sich erhoben,
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Auch Kraft verleihn, den höchsten Kampf zu proben.

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Und meiner Stimme zürnend Ungewittern
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Dröhnt dir, o Mensch, die letzte Warnung zu:
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Verblendeter! Die Heiligtümer zittern.
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Wie lange noch, wie lange rasest du?
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Die Säulen bersten, und die Balken splittern,
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Der Bau des Lebens bricht. O lasest du
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So blind im Buch der Dichter und der Weisen?
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Nie wird die Welt geheilt durch Blut und Eisen.

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Aus rohen Banden gieriger Gewalten
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Entkette dich zu menschenwürdigem Bund!
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Dein Völkerschicksal mußt du neu gestalten
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Durch Recht und Ordnung! spricht der Erde Mund.
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Die Tigertatzen, die dein Hirn umkrallten,
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Beschneide kühn! Sie reißen todeswund.
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Zu edlern Kämpfen deine Kraft zu stählen,
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Sollst du, o Mensch, den Bund der Freiheit wählen!«

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So mächtig klang der Erde Klag' und Mahnen
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Mit weher Mutterstimme mir ans Ohr. –
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Nun sei mir Losungswort, den Weg zu bahnen,
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Der uns erschließt des künftigen Lebens Tor!
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Zieht hell voran, ihr weißen Wolkenfahnen,
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Weltfriedenszeichen zart im Rosenflor:
71
Muß sich die irre Zeit in Krämpfen winden,
72
Die Binde fällt. Der Wahn muß Heilung finden.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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