Horch! Im Gewirr der unversöhnten Chöre

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Karl Henckell: Horch! Im Gewirr der unversöhnten Chöre Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Horch! Im Gewirr der unversöhnten Chöre,
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Dem Schall der Welt, die lärmend mich umkreist,
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Ist mir, wie wenn ich eine Stimme höre,
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Die mich durchzuckt. So wirkt ein mächtiger Geist.
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Der Ruf gilt mir. Weh jedem, der ihn störe!
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Ich weiß nicht, was du bist und wie du heißt:
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Entringst du dich dem Urgrund der Gefühle?
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Bist du mein Lebenswort im Zeitgewühle?

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»dein Dämon bin ich. Keiner, der berücke.
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Wie du mich suchst, so werd' ich offenbar.
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Ich locke dich mit keinem Jenseitsglücke,
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Das nicht in deinem Blut und Wesen wahr.
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Hängst du am Wahn? Bedarf dein Wuchs der Krücke?
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Scheust du den Schritt auf eigene Gefahr?
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O nein, du hast dem fremden Gängelbande
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Dich selbst entwunden, bis zum Todesrande.«

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Du meines Lebens Licht und höchste Stimme,
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Zu dir bekenn' ich mich in Lust und Qual;
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Du gibst mir Mut, und ohne Krücke klimme
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Gefaßt ich aufwärts aus dem trüben Tal.
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Und wenn ich über das Idol ergrimme,
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So grüßt mich sternenmild der Sehnsucht Strahl,
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Dem Weg voran, den freie Wandrer ziehen,
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Die nicht vor toten Wunderzeichen knieen.

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»zu lange, Mensch, hast du in Lohn und Frone
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Dem Gott gedient, der dein Geschöpf und Bild,
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In Furcht und Hoffnung nahtest du dem Throne,
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Den einst du türmtest in das Luftgefild.
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Wo sich unendlich spannt die Sternenzone,
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Und Licht an Licht aus Nebelschleiern quillt,
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Da vor den Himmel zogst du Gitterwände
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Und schürtest tief im Erdschoß Höllenbrände.«

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Genug, mein Geist, von abgestreiften Banden,
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In denen Trägheit, ach, noch viele hält!
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Sie haben die Propheten nicht verstanden
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Und meist zum Fetisch das Symbol entstellt.
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Den echten Wein aus wahren Lebenslanden,
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Sie haben ihn verdorben und vergällt,
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Woran die Gottkraft nimmermehr beteiligt,
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Die hohle Formel haben sie geheiligt.

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»getrost! Auch ihnen kann der Tag erscheinen,
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Wo der Erkenntnis Funke sie berührt,
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Euch aber muß, ihr Sehenden, vereinen
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Ein glühend Streben, das zur Freiheit führt.
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Der Sinn der neuen Menschheit sucht die Seinen,
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Daß sie sich sammeln, wenn der Kampf sie kürt,
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Von zäher Herrschsucht schmählich aufgezwungen,
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Die töten möchte, was dem Licht entsprungen.«

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Geist, der mich rief, und den ich nicht verrate,
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Der Satzung feigem Vorteilsflüstern taub,
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Geist, so verhaßt den Wächtern im Ornate,
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Die dir gebieten wollen: »Schweig und glaub!«
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Verdächtigt von den schlauen Herrn im Staate,
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Die sich vor Rom verbeugen in den Staub –
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Der du fürwahr nicht Huld noch Gunst verschwendest,
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Gesegnet sei, daß du uns Segen spendest!

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»so sei der lebensvollen Denker Wille
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Zur edlen Wahrheit Vorbild deinem Mut!
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Er stähle dich in schöpferischer Stille,
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Er trage stark dich durch die Lebensflut!
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Gefühl und Geist und Tat zusammenquille,
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Bis deine Sehnsucht in der Einheit ruht,
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Die reingestimmt du, Künstler Mensch, gestaltest,
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Wenn du zur Freiheit das Gesetz entfaltest.«

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Wie schön erblüht Vernunft zum Ideale,
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Wenn sie ein tiefer Dämon warm verklärt!
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Gleich einem Festtrank aus kristallner Schale
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Schäumt auf der Wein, darin Begeistrung gärt.
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Doch fern der Feier bleibe das Banale,
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Das, gläubig oder gottlos, ewig währt –
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Und wie ein Hauch aus hohen Dunkelheiten
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Mag durch die Herzen das Geheimnis gleiten.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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