1. Dem Einiger

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Karl Henckell: 1. Dem Einiger (1896)

1
... Gewölk flog hin. Doch wieder nah und fern
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Ging auf am Himmel blinkend Stern an Stern.
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Und wie ich folgte der Planeten Schar,
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Ein seltsam Wunderzeichen nahm ich wahr.
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Geschrieben stand ein Wort aus Sternenglut,
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Das durch die Adern schwellend trieb mein Blut.
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»alleinig« hieß die Flammenschrift da droben,
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Und mancher sah's, den gläubigen Blick erhoben.

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In eines Kiefernwaldes Lichtung – wer
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Im Jagdrock lehnte sinnend am Gewehr?
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Welch wuchtige Stirn, welch zielgerader Blick!
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»zur Größe muß des Vaterlands Geschick
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Gehämmert sein,« zuckt's durch die Erzgestalt,
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»und schweigt der Wille, donnre ich Gewalt.
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Daß Deutschlands schwanker Gliederbau erstarke,
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Sein faules Fleisch ausschneid' ich bis zum Marke.«

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Und schon erschien dem Schauenden ein Bild
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Des Völkerschicksals – Sedans Schlachtgefild.
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Die Nebel wallten über Tal und Fluß,
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Kanonendonner folgend Schuß auf Schuß.
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Kolonne an Kolonne schloß den Ring,
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Drin sich das schuldige Opfer ganz verfing.
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»was treibst du noch zum Kampf, verfallner Kaiser?
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Dein Thron zerspliß wie morsche Fichtenreiser.«

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Gebrochen stand mit hohlem Aug' er da,
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Des Fieberglut dem letzten Flackern nah.
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Weil du der ränkevollen Ruhmgier Sohn,
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Versank dein Stern in Nacht, Napoleon.
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Doch zischte durch die Reihn kein geiler Spott,
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Ernst klang's empor: »Nun danket alle Gott!«
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Und klar und feierlich von Mund zu Munde
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Stieg der Choral aus aller Herzensgrunde.

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Wie der Gesang mir noch im Ohre rauscht!
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Voll Kindesandacht hab ich still gelauscht.
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Ein neuer Hauch zog in die Seele ein:
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Sei wert, des eignen Volkes Sohn zu sein!
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Der giftige Wurm der Zwietracht ist gefällt,
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Fest stehn wir da in Sturm und Streit der Welt,
39
Der Besten Sehnsucht ist erfüllet worden:
40
Eins vom Gebirg bis zu des Meeres Borden ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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