Simson, den der Herr gerüstet

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Karl Henckell: Simson, den der Herr gerüstet Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Simson, den der Herr gerüstet
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Mit Gewalt erschrecklich groß,
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Sprach zum Weibe: »Mich gelüstet!«
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Und er lag in ihrem Schoß.
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Und das Weib quält ihn am Tage,
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Und es plagt ihn bei der Nacht:
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»sage, lieber Simson, sage,
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Worin stecket deine Macht?«

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Und der den Philistern Keile
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Gab mit einem Tiergebiß,
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Der die allerdicksten Seile
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Schier wie Spinneweb zerriß,
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Der, um seine Kraft zu kosten,
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An 'nem Hürlein nicht genug,
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Noch ein Stadttor samt den Pfosten
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Nächtlich auf die Berge trug:

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Dieser vorsintflutlich starke,
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Wunderbar gefeite Mann
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Spürte Delila im Marke,
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Als er stöhnend einst begann:
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»müd und matt ist meine Seele,
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Deine Suada macht mich tot,
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Daß ich's länger dir verhehle,
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Halt' ich nicht mehr aus. O Not!«

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»simson, lieber Simson, sage« –
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Und sie setzt sich ihm aufs Knie –
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»gib mir Antwort auf die Frage,
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Deine Kraft, wo stecket sie?«
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»delila, du sollst es wissen,
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Du indessen ganz allein,
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Schwert und Schild, das kann ich missen,
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Meine sieben Locken – nein!

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Niemals sind sie mir geschoren,
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Denn vom Mutterleibe bin
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Ich der Allmacht zugeschworen,
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So da fuhr ins Eselskinn.
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So da Stricke reißt wie Faden,
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Solche Kraft sitzt mir im Haar,
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Und du kannst mir gräßlich schaden,
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Kämst du mit dem Scherenpaar.

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Meine Kräfte würden weichen,
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Ja, ich würde eins, zwei, drei
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Jedem Durchschnittsmanne gleichen,
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Doch mit Simson wär's vorbei.«
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Also sprach er zu dem Weibe
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Offenherzig, ungewarnt,
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Das mit dem Philisterleibe
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Einen Enakssohn umgarnt.

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Und das Geld, das sie bedungen,
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Nahm sie aus der Spießer Hand,
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Hielt ihn dann im Schlaf umschlungen,
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Daß er ja sich nicht entwand.
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Und in lüsternem Begehren –
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Keine Träne ward geweint –
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Sieben Locken ließ sie scheren
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Ihrer Sippschaft ärgstem Feind.

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Eh er aus dem Schlaf erwachte,
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Sagt die allerschönste Zier,
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Die das Liebesopfer brachte,
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Leis: »Philister über dir,
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Simson!« Und zum letzten Male
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Büßte sie die höchste Lust,
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Dekadent lag nun der Kahle
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Unterhalb der treuen Brust.

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Und er lallte gegen Morgen:
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Einen Löwen will ich worgen,
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Ein Philisterheer bestehn.«
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Ach, er konnte sich nicht wehren,
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Ganz entwichen war die Kraft,
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Delila ließ Simson scheren –
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Simson in Gefangenschaft!

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Der mit einem Eselsknochen
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Sie von vorn und hinten schlug,
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Ihm die Augen ausgestochen,
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Ihn in Ketten dick genug!
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In der Tretmühl' mußte mahlen
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Simson nun das ganze Jahr –
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Doch dem Blinden unter Qualen
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Wieder wuchs des Hauptes Haar.

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Die Philister, ihn zu höhnen,
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Holten ihn aus finsterm Loch:
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»unser Siegsfest zu verschönen,
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Spiele, Simson, spiele doch!«
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Zwischen riesigen Säulenbasen
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An dem fürstlichen Palast
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Ließ er da die Leier rasen,
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Daß den Stein ein Grausen faßt.

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Furchtbar gellten seine Töne:
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»hoch Philister, hipp hurra!«
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Während zu vom Dach die Schöne
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Samt dreitausend Spießern sah.
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Ob des blinden Spielmanns lachte
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Sich ein Schwall die Lippen schief –
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Da in Simsons Busen wachte
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Auf der alte Gott und rief:

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»simson, zwischen Fuchsenschwänzen
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Zündetest du einst den Brand,
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Jagtest sie zu Feuertänzen
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Mitten in Philisterland.
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Korn und Öl und Wein und Mandeln
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Stand in Flammen lichterloh –
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Simson, laß dich nicht verschandeln,
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Pack den Stein, als wär' es Stroh!«

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Und er fassete die Säulen
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Rechter, linker Hand zumal,
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Und mit Krachen, Prasseln, Heulen,
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Donnerähnlichem Skandal,
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Als er sich energisch reckte,
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Sank in Trümmer das Palais –
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Delila ersoff im Sekte
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Mit kaputtem Portmonnäh.

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»meine Seele möge sterben
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Mit Philistersturz!« er sprach,
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Als er unter Schutt und Scherben,
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Leichen rings, zusammenbrach ...
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Hat's zum Weib ihn auch gelüstet,
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Siegreich sühnt' im Tod sein Los
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Simson, den der Herr gerüstet
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Mit Gewalt erschrecklich groß.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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