1
Ihr Frauen und Männer, die im weiten Saal
2
Erinnerung und festliches Gefühl
3
Zur kunstbereiten Hörerschaft vereint,
4
Vor Spiel und Lied vernehmt ein rhythmisch Wort,
5
Vom Geist der Stunde zwanglos eingegeben!
6
Wenn aus dem Banne der Notwendigkeit
7
Und Tagesnotdurft sich der Mensch befreit
8
Zu Geistesübung, Wissenschaft und Kunst,
9
Die mannigfaltig, doch im Grunde eins,
10
Dann winkt dem Arbeitsmann, der für sein Brot
11
Um Lohn sich müht, ein lichter Sehnsuchtspreis,
12
Das Land der Wahrheit wirft die Schranken auf,
13
Und echtes Streben wählt sich seine Pfade.
14
Ihr Wirkenden am Webstuhl neuer Zeit,
15
Ihr Treibenden am Schwungrad neuer Welt,
16
Ihr Hämmernden am Schmiedherd neuen Volks,
17
Ihr Träger, die ihr hebt die Last der Erde:
18
Zu euch gekommen ist der Freiheit Reich,
19
Und eurem Geist entlastet sich das Leben.
20
Wohl hört und fühlt ihr noch auf Schritt und Tritt
21
Den harten Ruf, des Lohntags rauhen Stoß,
22
Der gierig euch die freien Stunden stiehlt
23
Und eifersüchtig seine Herrschaft hütet –
24
Doch mählich weicht der Geizhals schon zurück
25
Und muß, freiwillig kaum, nur machtgedrängt,
26
Der tiefern Sehnsucht Frist und Spielraum geben.
27
Zeit, erstens Zeit und zweitens Zeit und drittens
28
Zeit heißt die Pförtnerin der Geisteswelt,
29
Die zähe sich der Mensch erobern muß,
30
Um nicht, ein dumpfes Tier, dahinzutraben.
31
Und habt ihr abgerungen sie der Not,
32
Der Überfron und der Gewinnbegier,
33
Die holde Zeit, das kostbar reiche Gut,
34
So haltet sie des besten Willens wert
35
Und füllt sie aus auf nicht gemeine Weise!
36
Ein hohes Wesen führt an ihrer Hand
37
Die Zeit euch zu: Empfangt sie schön und fein!
38
Freigebig drückt sie den gediegenen Kranz
39
Der Bildung auf dem strebenden Verächter
40
Sinnloser Zeitvergeudung, der, zu stolz
41
Für niedere Lust, sich treu der Wahrheit hingibt.
42
Unendlich mannigfach, im Grund doch eins
43
Sind Geistesordnung, Wissenschaft und Kunst,
45
Dem tritt im einen Punkt das Ganze nah.
46
Und ob im bunten Wandel der Natur
47
Ihr nachgeht dem bestimmenden Gesetz,
48
Wodurch sich alles höher zu entfalten
49
Und passender emporzuringen scheint –
50
Ob an der Menschheit Heldenführern ihr,
51
Die selten nur mit Kron' und Zepter kamen,
52
Den eignen Sinn zu kühnem Mut entflammt –
53
Ob ihr die regelnde Gestaltung spürt,
54
Wie aus Vergangenheit zur Gegenwart
55
Gemeinschaftsleben sich im Wechselgang
56
Von Rückwärts, Vorwärts höhere Formen zeitigt,
57
Und ihr als wirkend Glied am rechten Platz
58
Euch selbsterziehend einzufügen trachtet –
59
Ob ihr des Menschen Körperbau studiert,
60
Das Ineinandergreifen der Organe,
61
Des Lebens Lauf, der Nerven dicht Gespinst
62
Und des Gehirnes meldungsflinke Leitung:
63
In allem Eifer, drin sich glühend regt
64
Erkenntnisdurst, ist Bildungssaat entsprossen,
65
Die schwachen Halme sammeln Kraft, zu tragen,
66
Aus grünem Saatfeld steigt der Ähren Gold.
67
Arbeiter aller Länder, bildet euch!
68
In solchem Zeichen kann der Macht ein Sieg,
69
Der nicht verderblich ist, verliehen werden,
70
Und neu von »unten« schichtet sich, die »oben«
71
Längst Risse zeigt, die menschliche Kultur.
72
Unendlich tiefverzweigt, im Grund doch eins
73
Sind Geistessammlung, Wissenschaft und Kunst,
74
Wer liebend sie besitzt, kann sich erlösen.
75
So lauscht den Tönen, drin aus Kampf und Not
76
Stets höher sich die Harmonie erhebt,
77
Und laßt die Seele von des Dichters Liedern
78
Zum Flug ins Land der Schönheit euch befiedern!