»was weißt du von der Kommune, mein Sohn?!

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Karl Henckell: »was weißt du von der Kommune, mein Sohn?! Titel entspricht 1. Vers(1896)

1
»was weißt du von der Kommune, mein Sohn?!
2
Der Einundsiebziger Revolution
3
In Paris, dem riesigen Rattennest,
4
Dem Hungerkessel voll Tod und Pest,
5
Wo aufsprang im Märzensonnenstrahle
6
Die purpurne Internationale.

7
Du weißt von Sedan und Gravelotte,
8
Wo sie geopfert dem alten Gott,
9
Dem Gott der nationalen Revanche,
10
Gloiren- und Mitrailleusenbranche,
11
Mit Bajonetten und blauen Bomben
12
Turmhohe Menschenhekatomben.

13
Wir, Kind, wir haben den Frieden gewollt,
14
Lilien auf rosigem Grund entrollt.
15
Unsern Wehruf ließ man verhallen,
16
In Gottes Namen sie mußten knallen,
17
Knallen von Spichern bis nach Paris
18
Und sich metzeln und morden mit Kugel und Spieß.

19
Und wieder war es am achtzehnten März,
20
Da war geschwollen der Zorn und der Schmerz,
21
Da war geschwollen der Groll und die Not,
22
Dumpf dröhnte des Elends Aufgebot.
23
Schuld und Schande, die schrieen nach Sühne –
24
Am achtzehnten März schlug durch die Kommune.

25
Da hat auf dem Stadthaus salvenumknattert
26
Die rote Fahne im Sturm geflattert.
27
Da wuchsen in schäumenden Pulverschwaden
28
Aus steinernem Boden die Barrikaden,
29
Und um die geretteten Bürgerkanonen
30
Brandet's von Arbeiterbataillonen.

31
Da schwärmten die Linien der Tyrannei
32
Zu ihren Brüdern und wurden frei.
33
Der Arbeit Männer traten ins Amt,
34
Sie haben die Frechheit der Fäulnis verdammt,
35
Verdammt die hohnlachenden Volksausbeuter,
36
Die Markaussauger und Lügenhäuter.

37
Und mit Trommelwirbel und Donnerhall
38
Ein Jubelwinken und Zinkenschall!
39
Bajonette ins blinkende Licht gepflanzt,
40
Auf blitzenden Spitzen Rotkäppis getanzt!
41
Rotschärpig die Freiheit hoch auf der Tribüne;
42
Die Marseillaise! Und:

43
Durch Paris im purpurnen Kleid
44
Wandelte groß die Gerechtigkeit.
45
Des Geldsacks Wuchergewalt zu schwächen,
46
Dem Verbrechen den Star zu stechen,
47
Reckte die Armut den Arm voll Mut.
48
Auf beiden Seiten floß rotes Blut.

49
Da ist auch in ihrer Kaiserpracht
50
Die Dünkelsäule Vendôme zerkracht.
51
Im Louvre die schönen Heidengötter
52
Schreckt auf das Versailler Granatenwetter.
53
Stolze Paläste zusammengeschossen,
54
Nur meist von Turkos, Thiers und Genossen.

55
Der Löwin gleich, der die Brut man verheert,
56
Hat sich das Volk seiner Freiheit gewehrt.
57
Da warfen Mädchen sich in die Lücken,
58
Die Soldateska riß sie zu Stücken,
59
Sterbenden Lieben mit stolzem Grauen
60
Neigten sich vorwärtsstürmende Frauen.

61
O tollkühn ging es um Freiheit und Tod!
62
Dumpf stöhnte des Elends Aufgebot.
63
Zu locker das Band, mein Sohn, um zu siegen!
64
So mußt' es der Meute der Mannszucht erliegen,
65
Und ein Schlachten, ein gräßlich Würgen begann,
66
So wütet und rast ja kein trunkner Tyrann.

67
Frauen und Kinder, des Volkes Blüte,
68
Schluckte die ›Ordnung‹, verschlang die ›Güte‹.
69
Sanfte Sensen, die Mitrailleusen,
70
Durften vom schädlichen Licht sie erlösen,
71
Und der Überrest aus Höllen-Paris
72
Kam nach Cayenne ins Paradies.

73
Zumal General Marquis Gallifet
74
War milde wie eine Maienfee.
75
Der ließ, um nicht einzeln zu genieren,
76
Immer per Hundert sie wegrasieren;
77
Rücklings in Bäder von brennendem Kalk,
78
Ihren Durst zu löschen. So mild war der Schalk.

79
Manch Opfer hat sich noch röchelnd gebäumt
80
Und noch einmal den Sieg des Gerechten geträumt,
81
Und den Tod schon trinkend, noch eh es vorbei:
82
›es lebe die Freiheit!‹ sein letzter Schrei.
83
Und die Kugel im Herzen, von Kolben zermalmt,
84
In loderndem Öle verkohlt und verqualmt.

85
Knabe! Die Sprache schaudert zusammen,
86
Meine Lippen versengen die Flammen.
87
Freiheit, o segenrauschendes Meer,
88
Roll deine leuchtenden Wogen einher!
89
Mit deinen leiderlösenden Fluten
90
Lösche die Sehnsucht der Edlen, der Guten!

91
Wir säen ja nimmer die rächende Saat,
92
Wir zimmern die Zukunft mit Rat und mit Tat,
93
Unseren Vorposten wollen wir danken,
94
Die für die Rechte der Menschheit sanken.
95
Komm, lies mir das Vorspiel der Freiheit, mein Kind,
96
Und strafe Lügen, die Lügner sind!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.