Vor meinem Fenster schräg empor

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Karl Henckell: Vor meinem Fenster schräg empor Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Vor meinem Fenster schräg empor
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steigt eines grauen Hauses Wand,
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Hart an ihr drückt den Blick ein Baum,
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kohlschwarz und wie von Glut verbrannt.
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Ich seh den Baum, ich seh die Wand,
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das ist so schwarz und grau und tot,
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Mein Auge zürnt und flieht und sucht
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ein lebend Grün, ein leuchtend Rot.
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Da sieh! Im Winkel fast versteckt
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winkt mir ein sprossendes Gebüsch,
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Mit welcher Lust hab ich's entdeckt!
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Wie wird mir frei und froh und frisch!
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Aus jedem Ästchen schlüpft hervor
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und trinkt den Tropfen, der ihm träuft,
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Ein Blättchenvolk, ein grüner Quirl,
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dem Wonne durch die Adern läuft
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Das ist der schönste Frühling ja,
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der mir vom Hofe Meldung bringt,
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Und morgen ist der Mai schon da,
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der hold an meine Seele klingt.
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Der erste Mai, der erste Mai,
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nun lebt es grün, nun leuchtet's rot,
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Nun seh ich kein Kasernengrau,
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kein kahler Baum ragt schwarz und tot.
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Der erste Mai, der grüne Mai,
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von roten Wimpeln flutet's drein,
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Nun bin ich frisch und froh und frei
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und will mein Lied dem Frühling weihn.

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Dem Menschheitsfrühling will ich's weihn,
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der jubelnd durch die Lande zieht,
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Der Hoffnung in die Herzen gießt,
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daß Völkerfrost und Elend flieht.
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Der Sonne in die Seelen streut,
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daß sich verkriecht die Nacht der Not,
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Der Blüten lockt am Lebensbaum
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mit siegesläutendem Gebot.
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Nun kommt zuhauf und feiert all,
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die ihr mit Hirn und Muskel schafft,
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Nun lobt mit lautem Jubelschall
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den Siegeszug der Arbeitskraft!
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Das ist ein herrlich Hochzeitsfest
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der triumphierenden Idee,
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Wie bin ich fröhlich bis ins Mark,
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daß ich den Flug der Freiheit seh!
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Einst mühsam nur, mit schwerem Schlag,
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langsam von Haupt zu Haupt sie zog,
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Heut mit gewaltigem Fittich schwebt
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sie durch der Massen Weltgewog.
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Und was der klaren Denker Mut
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als waltendes Gesetz erkannt,
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Nun wird es Fleisch, nun wird es Blut,
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nun wird es Mensch von Land zu Land.
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Unüberwindlich groß und stark,
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so wächst der Wahrheit Wort zur Tat,
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Wie bin ich fröhlich bis ins Mark!
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Ich seh der neuen Menschheit Saat.

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Ich weiß ein lockend Liebchen mir,
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mit dem ich tausche Gruß und Kuß,
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Des Maien freuet sich mein Herz,
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lebendiger blüht nun der Genuß.
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Wenn durch die blauen Lüfte weich
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und wonnevoll der Vögel Sang
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Sich senkt in unser Liebesreich,
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so wollustsüß und sehnsuchtsbang ...
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Wie pocht mein Herz, wie leb' ich reich!
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Doch höher schlägt mein Herz empor,
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Und reicher leb' ich tausendmal,
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klingst du, o Weltmai, an mein Ohr.
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Du Jubellied der Menschheit du,
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die ihrer Freiheit Lenz empfängt,
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Du Kraftgesang der neuen Zeit,
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die durch die alte Hülle drängt!
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O grüner Mai, o blauer Mai,
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von roten Bannern voll durchflaggt,
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Sei mir gegrüßt in aller Welt,
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wo dein Symbol die Herzen packt!
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Von Jahr zu Jahr nun streb empor
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und dorre und verschwinde nicht,
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Und immer kühner sei dein Blick
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und lieblicher dein Angesicht!
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Du junges Fest der neuen Welt,
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deut in die Zukunft licht und groß!
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Wir grüßen dich, wir feiern dich,
84
wir ruhn beglückt in deinem Schoß.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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