So hängt denn mit den »grünen Jungen«

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Karl Henckell: So hängt denn mit den »grünen Jungen« Titel entspricht 1. Vers(1896)

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So hängt denn mit den »grünen Jungen«
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Auch mich und schindet mein Gedicht!
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Schach eurem Spott! Er ist mißlungen.
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Ihr merkt den neuen Pulsschlag nicht.
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Ja, »Jungen« haben heiß empfunden,
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Was alt und kalt ihr nie gespürt,
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Wild bluteten die Herzenswunden,
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Von Widerhaken aufgerührt.
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Der Parzenfluch zerrissner Zeiten
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Peitscht' unser berstendes Gefühl
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Bis in die tiefsten Heimlichkeiten
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Zu sinnverwirrendem Gewühl.
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Die Odyssee im Bücherriemen
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Und Roms Rhetoren in der Hand,
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Entdeckten wir die neuen Kiemen
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Schon an der glühenden Schläfenwand.
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Wie frostig fieberten die Stunden,
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Wie schauderte die tote Müh,
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Wenn wir den zarten Geist geschunden
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Mit Ochsenziemern spät und früh!
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Wir fühlten in die Flut der Massen –
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Die Großstadt ist kein Internat –
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Und mit Erröten, mit Erblassen
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Sind wir der Zwingburg scheu genaht.
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In weiche Rinden dumm-verlogen
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Ward eingegerbt der Spuk und Spott,
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Des Lebens Wogen aber flogen
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Fern dem gequälten Griechengott.

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Gründeutschland hoch! Wir reihten wacker
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Schon damals gründeutsch Reim an Reim,
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Auf frischgebrochnem Musenacker
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Sproß unsre Traumsaat, Keim an Keim.
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Wir stöhnten Verse, wir umrissen
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In Prosa, was das Herz zerstückt,
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Wir schrieben Briefe dem Gewissen
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Und suchten Seelen, gleichbedrückt.
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O Schmerz, der unsrer Jugend Säulen
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Mit wahrer Föhngewalt durchkracht!
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Wer hört nicht das Verhängnis heulen,
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Dem Moloch wehrlos dargebracht?
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Die Knaben haben's nur empfunden,
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Ihr Kopf war heiß, ihr Herz war schwer,
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Sie siedeten aus ihren Wunden –
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Jetzt sind wir keine Knaben mehr.
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Jetzt ist das Wähnen Mann geworden,
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Erkenntnis ward des Fühlens Braut,
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Jetzt wird in ehernen Akkorden
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Das kommende Jahrhundert laut:

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Es hat ein Hammer aufgeschlagen
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Im menschlichen Maschinensaal,
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Der Amboß klang, und fortgetragen
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Wird sein Getön von Tal zu Tal.
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Die Berge zittern seinem Dröhnen,
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Die Meere wälzen seinen Ruf;
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Er bebt ans Ohr der Erde Söhnen
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Und lebt im Schönen, das er schuf.

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Aus ihrem dunklen Mutterschoße
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Wächst auf zur Kraft durch Not und Leid,
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Mit Mut gesäugt, die schöne, große,
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Freiblickende, die neue Zeit.
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Der Dampf umbraust des Kindes Wiege,
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Zur Hochzeit blühn ihr sternenklar
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Zum seltnen Lohn vollkommner Siege
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Leuchtblumenketten durch das Haar.

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Glückauf, du junge Zeit der Milde,
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Der Unschuld, die nur Wahrheit kennt,
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Die nach dem kühnen Geistesbilde
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Sich höher zu gestalten brennt!
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Wir richten unser Haupt zum Gruße
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Entgegen deiner edlen Zier,
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Wir streuen Blüten deinem Fuße
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Und huldigen und psalmieren dir.

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Gründeutschland Heil! Dir will ich widmen
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Zum Angebind dies Segenslied,
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Das mir mit hell und hellern Rhythmen
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Vorleuchtend durch die Seele zieht.
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O laß vom Wohlklang dich ergreifen!
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So klingt der Wahrheit Kehle nur.
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O laß von ihres Schleiers Streifen
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Zitternd umschweifen die Natur!
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Scharf schneide von dem Ton der Dinge
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Die Bildwelt, die du selbst erfüllst,
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Aus Leidenschaft den Meißel schwinge,
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Mit dem du meißelst, was du willst!
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Du bleibst nicht an der Fläche haften,
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Denn dich durchzuckt vom Kopf zur Zeh
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Die lauterste der Leidenschaften,
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Der Lebensatem der Idee.
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Wenn dich des Jammers Faust geschüttelt,
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Der Herzen mörderische Qual,
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Wenn dich das Elend wachgerüttelt
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Im großen Menschheitshospital;
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Wenn all dein Mitleid, all dein Schrecken
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Dich rührte mit dem grünen Reis
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Aus unsrer Zukunft Sonnenhecken,
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Schwebt dir aufs Haupt die Krone leis.
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Gründeutschland Heil! In deinem Spiegel
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Gewahre tief sich aller Schuld!
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In der Gedanken Schöpfertiegel
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Koch deine Säfte voll Geduld!
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Die Kräfte brausen in dem Kessel,
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Zart sprießt der Schönheit Diamant,
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Aus seiner Schlacken Fluß und Fessel
104
Löst ihn des Genius Zauberhand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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