Der Satan wurde Staatsanwalt

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Karl Henckell: Der Satan wurde Staatsanwalt Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Der Satan wurde Staatsanwalt,
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Sein Herz, das war wie Eis so kalt.
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Gott gab im Zorne dem Geschmeiß
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Zum Busen einen Kübel Eis,
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Und wo sonst Menschen Mitleid fühlen,
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Da konnte man Champagner kühlen.

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Zu Magdeburg in Vorhaft saß
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Ein Sozialist, der jüngst vergaß,
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Daß hoch im deutschen Vaterland
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Ein Götze thront, S.M. genannt,
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Des heiligen Namen zu betasten
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Genügt, verbrechrisch zu belasten.

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Zum Schutze solcher Majestät
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Sind diesem Götzen früh und spät
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Vom Mummelsee bis Helgoland
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Viel Götzenwächter vorgespannt,
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Die jedem Lästerer des Götzen
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Das Messer des Gesetzes wetzen.

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Zu Dessau lag mit reifem Leib
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Im Wochenbett ein junges Weib.
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Sie sah die schwere Stunde kommen
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Und schrieb und bat so angstbeklommen
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Den Büttelvogt: »O laßt's geschehn!
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Darf ich ihn nicht noch einmal sehn?!«

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Sie fleht' und schrieb zum andern Mal
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In Finsternis und Seelenqual.
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Vor ihren Augen fuhr der Tod
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Schon auf sie zu in schwarzem Boot,
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Und schaukelnd schwamm auf fahlem Teiche
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Das Wieglein mit der kleinen Leiche.

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Da, wie sie gell um Hilfe rief,
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Bracht' ihr die Wärterin den Brief –
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Vom Mann, zum Trost in Pein und Gram?
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O nein! Die Weihnachtsbotschaft kam
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Vom Staatsanwalt. So schloß sein Schreiben:
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»bedaure sehr, Ihr Mann muß bleiben!

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Wir lassen keinesfalls ihn los,
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Dafür ist seine Schuld zu groß.
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Man wird ihn schwer bestrafen müssen ...«
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Das arme Weib sank in die Kissen
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– Ein jäher Schrei durch Mark und Bein! –
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Und starb. Hier steht ihr Leichenstein:

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»im Reich der Gottesfurcht allhie
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Zur Zeit der Schmach ward schwanger sie.
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Ihr Mann fiel in des Satans Krallen,
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Da hat es Gott dem Herrn gefallen,
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Und nahm sie zu sich in der Nacht
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Der majestätischen Niedertracht.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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