Mein Ohr horcht auf: ist keiner heut

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Karl Henckell: Mein Ohr horcht auf: ist keiner heut Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Mein Ohr horcht auf: ist keiner heut
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vom Volk der Dichter, der noch wagt,
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Zu singen, wie der Geist gebeut,
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zu sagen, was die Wahrheit sagt?
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Mein Ohr horcht auf: ich harre bang
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und irre durch die Nacht umher,
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Verstummt ist deutscher Freiheit Sang,
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die stolze Weise tönt nicht mehr.

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Wie Froschgequak aus Sumpfgefild,
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so schallt der satten Schmeichler Chor,
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Geplärr um ein Gigantenbild,
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so plappert es im dürren Rohr.
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Wie Botokuden, bumbumbum,
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mit Trommeln gröhlen dumpf und hohl,
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So hüpft das Rudel rings herum
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um sein vergöttertes Idol.

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Recht wie ein Götz – das Volk sein Narr –
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reckt sich der riesige Kürassier
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Und glotzt verächtlich, maskenstarr
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herunter auf das Sumpfgetier.
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Es paukt und klappert, blökt und brüllt
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der siegestolle Schwindelschwarm,
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Vom Geist des Größenwahns erfüllt,
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an Geistesgröße bettelarm.

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Grell rasselt durch die Nacht der Lärm
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im Lande Lessings, Schillers, Kants,
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Mir wühlt der Ekel ins Gedärm,
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mich packt die Scham des Vaterlands.
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Germania, heiliger Mutterleib,
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muß dich verachten, wer dich liebt?
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Mein Antlitz kehr' ich von dem Weib,
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das geilem Hochmut sich ergibt.

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Mein Antlitz von der Mutter Schmach
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heb' ich dem Bild der Ahnen zu,
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Daß Keuschheit so in Scherben brach,
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erschüttert meines Geistes Ruh.
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Wie mich der Schande Sturm durchbraust!
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An Goethe, Fichte hängt mein Blick.
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»o deutsche Menschen!« Weh, die Faust
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des Büttels saust mir ins Genick.

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Entstellt zum Fetischkult die Kraft,
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dein Stolz zu Windeis aufgebläht,
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Entweiht zur hohlen Machenschaft
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das Heiligtum der Majestät.
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Versteint der selbstbewußte Sinn
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zur dünkelhaften Schneidigkeit,
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Dein scharf Gepräge gabst du hin
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für platteste Geschmeidigkeit.

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Einst glaubt' ich heiß, dein Ruhmesschild
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sei blutige Staffel schöner Tat,
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Nun seh ich wohl, dem Schlachtgefild
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entsproßte keine Freiheitssaat.
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Einst wähnt' ich treu, dein Kaiserthron
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sei Sessel der Gerechtigkeit,
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Nun seh ich wohl, der Traum ist Hohn,
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und Kaiser herrschen, fremd der Zeit.

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Sie treten nicht dem Wurm der Not
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mit kühnem Retterschritt aufs Haupt,
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Sie hassen Elends Aufgebot,
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das nicht an Gottes Gnaden glaubt.
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Sie streuen Goldkies feierlich
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dem »Bruder« König oder Schah,
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Sie küssen und umarmen sich:

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Den Brüdern in dem Arbeitskleid
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verschreiben sie ein Dreierbrot
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Für Alter und Gebrechlichkeit,
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vorzeitig rafft sie hin der Tod.
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Das aber bist du selber schuld,
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daß du dich haun läßt übers Ohr,
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Deutschland, du Esel an Geduld,
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wann raffst du endlich dich empor?

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Wann schaffst du mutig dir die Macht,
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wie sich für deutsches Volk gehört,
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Die nicht mit eitel Phrasenpracht
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dich wieder einlullt und betört?
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Wann wählst du Männer, nicht gebückt
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vor Götzen, reich an Wert und Zahl,
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Die wissen, wo der Schuh dich drückt,
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die halten hoch dein Ideal?

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Die schöpfen aus des Lebens Born,
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was zu des Landes Segen führt,
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Und scheuen keines Kanzlers Zorn,
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der Satan grad im Leibe spürt.
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Die blanke Geistesschwerter ziehn
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zum freiheitswürdigen Gefecht
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Und nicht in blöder Andacht knien
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vorm Büttel-, Blut- und Eisenrecht.

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Die nicht mit Zaudern Floskeln drehn
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und schließlich doch tun, was Man will,
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Und mucksen sie, läßt Man sie gehn
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und schickt sie schön in den April.
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O deutsches Volk, wie lange noch,
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wie lange noch der Kinderspott?
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Du fürcht'st dich ja vor niemand doch,
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vor niemand als dem lieben Gott!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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