Ich fühle ein Zittern

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Karl Henckell: Ich fühle ein Zittern Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Ich fühle ein Zittern,
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Wie glüht meine Seele!
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Meine Nerven gewittern,
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Wie wenn der Blitz in die Sturmnacht zuckt.

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In Gelsenkirchen,
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Im schwarzen Ruhrkohlenland,
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Streiken die Grubenleute,
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Und ist ein gewaltiges Wesen im Gange.
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Man hat den Männern
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Das Licht hoch angerechnet,
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Das Sterbelämpchen der Fronfinsternis;
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Man hat genullt
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Und vom niedrigen Lohne gestrichen
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Alle die Wagen,
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Drin wie Kies in Gold
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Steine zwischen die Kohlen
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Spärlich geschlagen,
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Drin die Stücke einmal zu klein geschlagen.
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Und die man den Arbeitshunden gestohlen,
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Hat nach dreien Tagen
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Man ihnen wieder feilgespreizt
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Mit Tigertatze
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Zum höchsten Satze –
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Ächzend den genullten Sack
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Durfte das Pack
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Nun selber teuer nach Haus sich tragen.
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Und mit sinkenden Hungerlöhnen
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Bei steigenden Nahrungspreisen
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Wollte man sie gewöhnen,
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Zur Überschicht in die Höhlen zu reisen.
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Um zu leben,
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Haben sie sich den Geldsäcken ergeben,
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Verbrannt die Kohlen des eigenen Seins.
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Nimmer, nimmer wurden
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Sie des traurigen Lebens froh,
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Steinkohlengüter für die zu hauen, zu heben,
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Die Schaumglut saugen aus Champagnerreben
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Der feurigen Erbfeindin
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Witwe Cliquot.
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Die menschlichen Arbeitstiere
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Trugen ihr »freies Vertrags«-Glück
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Mit wildem Weh,
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Die göttlichen Börsenpapiere
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Schlugen, ein Freiherrenwagstück,
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In wilde Höh.
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Die Mägen zu millionisieren,
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Wurden die Muskeln genullt,
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Da zerriß den armen Tieren
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Der Strick der Geduld ...

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Und hauen nicht mehr
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Und schleppen nicht mehr
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Und treiben nicht mehr,
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Und die Wagen stehen kohlenleer.
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In Kesselräumen spazieren umher
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Die Inspizienten sohlenschwer.
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Der Rotte mehr Lohn und feste Schicht?
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»erst Unterwerfung! Dann vielleicht
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Sind wir geneigt,
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Das zu bewilligen, was uns entspricht.«
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Unterwerfen? Sklaven, Leibeigene und Hörige
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Unterwarfen scheu sich dem Herrengesicht,
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Der Arbeiter von neunundachtzig
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Stirbt, aber unterwirft sich nicht ...

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Meine Seele jauchzt,
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Meine Saiten klingen,
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Wie wenn der Orkan durch Harfen braust.

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Bei den Werken
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Um Dortmund, Bochum und Essen
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Scharen die Männer sich zur Beratung
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Fest und gemessen.
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Zu den Fernsprechern stürzen
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Die Inspektoren:
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»militär!
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Sonst sind wir verloren.«
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Mit Extrazug
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Fliegen die rettenden Götter
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Des Vaterlands.
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Vor die schwarzen Hundsfötter
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Blitzen Helmspitzen
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Im Sonnenglanz.
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»seitengewehr – pflanzt auf!«
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Spannend beklommen
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Krümmt sich der Hauf
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In sich zusammen. – –

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Selig vom Kusse der Braut,
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Zitternder Ahnungen voll
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In die Nacht hinträumend,
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Schreitet heimwärts
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Friedlich die einsame Straße fort
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Ein junger Bursch.
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»halt! Wer da?!« Kolbenstöße
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Wuchten ihm zwischen die Rippen.
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Entsetzengelähmt
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Schwankt er zur Hütte:
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»vater, sie schlagen mich tot!«
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Mit tastendem Tritte
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Öffnet's die Türe:
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»sohn, was geschieht?
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Komm nur, komm ruhig zu Bett!«
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Blitzend ein Bajonett
101
Schlitzt durch das grobweiße Hemd
102
Dem greisen Hauer.
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Todesschauer
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Flirren im brechenden Auge ...
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»ach Gott! – Ach Gott!«
106
Krachend zurück schlägt's auf die Diele
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Schwer,
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Über ihn der Sohn. –
109
Der du 64,
110
66 und 70
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Treu deinem Kaiser gedient,
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Pulver- und sonnverbrannt,
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Mit Gott für König und Vaterland –
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Alter, du fällst auf dem Felde der Ehre!

115
Krämer und Schneider und kleine Rentiers
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Trippeln aufs Trottoir aus dem Häuschen,
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Tuscheln und zischeln ängstlich sich zu:
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»das Militär verhetzt uns die Leute,
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Die Soldaten, Soldaten fort!
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Und schon wieder ist Blut geflossen,
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Eisenbahnpassagiere erschossen –
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Das ist Mord.
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Wenn der Kaiser nur käme
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Und man ihnen den Willen täte!
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Was sie fordern, ist nicht zu viel,
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Und sie gehen ruhig aufs Ziel.
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Sollen doch ordentlich weiterberaten!
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Aber die verfluchten Soldaten
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Treiben's mit einem Mal ins Extrem.
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Unheil, Unheil!«
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Schüsse fallen.
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Husch, husch ins Häuschen, zischeln und tuscheln
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Krämer, Schneider und kleine Rentiers,
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Trippeln und hören mit klopfenden Herzchen
135
Die vorzüglichen Repetiergewehre knallen.

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Zu Berlin
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Im schimmernden Fahnenaudienzsaal
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Vor dem Kaiser
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Stramm ragen drei Abgesandte
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Der Grubenleute im Sonntagsanzug.
141
Bergmann Schröder
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Schlecht und recht
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Dankt im Namen der Knappen,
144
Dankt für die Gnade,
145
Gehör zu finden.
146
»wir verlangen,
147
Was wir ererbt,
148
Achtstündige Schicht,
149
Mehr vorderhand nicht.
150
Aber die Arbeitszeit muß sich mindern.
151
O Majestät,
152
Mit einem Wort
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Können Sie furchtbares Elend lindern!«
154
Und der junge,
155
Dreißigjährige Thronherr
156
Im Generalsrock
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Geruht zu reden.
158
Neben ihm der Adjutant,
159
Hinter ihm der Stenograph
160
Schreiben die väterlich
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Strengen und warnenden,
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Wichtigen Kaiserworte auf:
163
»jeden Untertan
164
Hört natürlich
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Des Herrschers Ohr.
166
Ich nehme Anteil,
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Persönlichen Anteil
168
An Euch.
169
Ihr seid kontraktbrüchig.
170
Ihr habt Euch
171
Ins Unrecht gesetzt.
172
Meine Behörden
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Werden nun prüfen,
174
Was Rechtens ist,
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Und dann entscheiden.«
176
Pause.
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Starr ins Auge
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Forscht er dem Bergmann,
179
Dann:
180
»solches sag Ich in Gnaden,
181
Und daneben allen Ernstes:
182
Seid auf der Hut,
183
Daß Ihr nicht Unrecht zum Unrecht tut!
184
Laßt Mir die Politik aus dem Spiel,
185
Kinder!
186
Denn verliert Ihr den Halt,
187
Fallt Ihr dem Aufruhr in den Schoß,
188
Wandelt Ihr auf verbotenen Wegen
189
(und er schlägt mit der Faust auf den Degen,)
190
Brauch' Ich Gewalt,
191
Und Meine Gewalt ist groß.
192
Jeder Sozialdemokrat
193
Ist Mein Feind.
194
Unnachsichtlich schieße Ich scharf.
195
Bis jetzt hab Ich's noch gut gemeint,
196
Was Ich dann nicht mehr darf.
197
Fahrt nun nach Hause!
198
Geht an die Arbeit!
199
Seid willig!
200
Kinder!
201
Ich nehme Anteil,
202
Persönlichen Anteil
203
An Euch.«
204
Ein huldschwer Nicken.
205
Halbgläubig blicken
206
Die Bergmänner:
207
»wir danken,
208
Daß Majestät uns gehört.
209
Wir sind nicht starrköpfig.
210
Adjes!«
211
Machen Kehrt,
212
Und langsam rücken
213
Mit breitem Rücken
214
Sie aus dem schimmernden
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Fahnenaudienzsaal.

216
Und schon fahren zu Tausenden wieder
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In die grausigen Tiefen sie nieder.
218
Viel hundert Fuß
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Unterm Blumenboden,
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Kaum grüßt der Sonne Gruß
221
Die Todmaroden.
222
Liegen im Höhlenwasser nackt,
223
Sind mit dreißig Jahren kontrakt.
224
Atmen Sumpfgrubengase,
225
Phosphorluft.
226
Infernalische Blumenvase
227
Haucht belebenden Maienduft.
228
Köstliche Frucht
229
Labt ihre Zungen,
230
Liebliche Sucht
231
Letzt ihre Lungen.
232
Achtstündig römisch-russisches Bad,
233
Drei Mark Badelohn obendrein:
234
Welcher beladne Kommerzienrat
235
Möchte nicht fröhlicher Bergmann sein?

236
Tonwolkengedränge!
237
Schwarzwildes Gemenge,
238
Hohl gewitternde
239
Rhythmenwucht ...
240
Leise zitternde
241
Hoffnungsklänge,
242
Froh erschütternde
243
Wetterflucht.
244
Mir brennt im Busen das Weltgebot.
245
Sie naht, sie naht,
246
Die Wende der Not.
247
Nun bin ich heiter bis in den Tod.
248
Aus der Tiefe
249
Seh ich sie steigen,
250
Die Erlösung
251
Unserer Welt,
252
Zittern werden die Schlechten und Feigen,
253
Wenn der menschenrettende Reigen
254
Seinen leuchtenden Einzug hält.
255
Kommt nun zu Hauf,
256
Edle von nah und weit!
257
Singt, sing der neuen Zeit
258
Jubelnd Glückauf!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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