O kleine goldene Schlange mit den grünen

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Karl Henckell: O kleine goldene Schlange mit den grünen Titel entspricht 1. Vers(1896)

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O kleine goldene Schlange mit den grünen
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Juwelenaugen! Seliges Reptil,
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Den rosigen Knöchel mit dem Zünglein küssend,
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Das lüstern nach dem zarten Fleische leckt!
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Jetzt streift die rechte Hand dich leicht hinauf,
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Geschmeidig schmiegst du dich der weichen Fülle
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Des schönsten Armes, den Natur gebildet,
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Und zitterst lustberauscht vom Kopf zum Schwänzchen,
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Zärtlich und fest geringelt um Josepha.
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Josephas Busen atmet Walzertakt,
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Durch Tüll und Spitzen bricht die Schönheit nackt.
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Kein Joseph brennte durch vor dieser Eva.
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Der Kavaliere Nüstern blähen sich,
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Begierde zuckt und zittert, kaum gezäumt,
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Der Hopser schweigt, Blick und Champagner schäumt.
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Erdbeere und Vanille küssen sich
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In den kristallnen Bettchen, um zu sterben
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Den Tod der Liebe in Josephas Mund.
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Es flammt der Saal, durch offne Fenster fächeln
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Vorhänge Maienhauch den Gästen zu,
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Und Kühlung saugen durstige Atlasschuh.
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O kleine goldene Schlange! Schillre, schillre
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Nur immer her zu mir in meine Nische,
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Wo von dem Schwindel ich Erholung schlürfe!
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Willst du vielleicht ein Märchen mir erzählen,
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Ein Märchen von – Angstschauer schüttelt mich –
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Ein Märchen von – ich beuge mich hinaus,
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Mein Stöhnen an das Herz der Nacht zu pressen –
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Ein Märchen von den Stätten deiner Wiege,
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Den fernen goldnen Minen Jeniseisks?
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Ich starre in das Dunkel. Plötzlich schwimmt
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Der helle Ballsaal vor den Augen mir
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Mit tausend Lampen. In die Finsternis
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Verlischt er jäh. Vergitterte Kasernen
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Auftauchen düstermassig. Posten stehn
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An den verriegelten Portalen schnapsend.
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Da springt vor meinem tiefer starrenden Blick
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Die Türe auf ... In Kisten Mann an Mann
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Und über'nander aufgeschichtet liegen
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Die Minengräber. Dunst erwürgt den Odem,
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Und Wanzenhorden wallen, krabbeln, fallen
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Wie Timurlenks Armeen und saufen Blut.
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In Lumpendecken eingewickelt nächt'gen
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Die Unglückseligen. Ihr heisrer Atem
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Röhrt katarrhalisch, wie die Schwindsucht pfeift.
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Hektische Hitze sprüht Minutenrosen
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Auf ihrer Wangen totenbleich Gefild.
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Ein Trog mit schwachen Resten Hirsegrütze
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Steht da vom letzten Mitternachtsdiner,
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Und in den Ecken quillt aus schmutzigen Eimern
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Der Ambraduft, der brennende Gestank.
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Die Kerle dürfen nicht heraus zum Loch,
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Sie könnten Gold verstecken, die Hallunken!
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Drum in die Eimer ...
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Schillre, Schlange, schillre! ...

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Champagnerkühler schleppt der Kellner her.
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»fräulein Josepha, ist der Kotillon
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Noch frei?« Ihr tiefverlockend Leibchen haucht
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Empor die wonnefeuchte Tanzeswärme.
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»jawohl.« – »Wie reizend sich Ihr Armband macht!
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Die kleine Schlange – ach, ich wollt', ich wäre ...!«
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– »Gefällt es Ihnen? Onkel hat es mir
63
Zum Christkind mit aus Petersburg gebracht,
64
Als Brosche noch die goldne Weizenähre.«
65
(er macht in Korn und russischem Papier.)

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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