Die kranke Proletarierin

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Karl Henckell: Die kranke Proletarierin (1896)

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O wende mir dein bleiches Haupt
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Mit mildem Schwesterblicke zu!
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Ich bin so lust- und glückberaubt
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Wie du, gequältes Weib, wie du.
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Das Gift, das durch die Brust dir gärt,
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Die Siechtumsschlange, die dich biß,
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Sie hat mit Leid auch mich genährt,
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Getränkt auch mich mit Bitternis.

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O sieh mich nicht so jammervoll,
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So ohne Maßen traurig an!
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Ich will besänftigen deinen Groll,
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Will trösten, was ich trösten kann.
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Auf deinem Leben lag die Not
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Mit schwarzem Fittich ausgespannt,
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Nun winkt dir der Erlöser Tod
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Mit seiner bleichen Schattenhand.

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Du warbst, dem holden Licht entrückt,
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Den Eltern Brot, ein schwächlich Kind,
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In dunkle Winkel hingedrückt,
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Wobst du die blauen Augen blind.
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Mit deinem Manne Tag für Tag
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Hast du gekämpft, ein treues Weib,
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Der Fäden Schlag und Gegenschlag
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War euer Flitterzeitvertreib.

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O weine nicht! o weine nicht!
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Nun hat der Groll mich selbst gepackt.
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Wenn so das Glück in Scherben bricht,
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Schäumt auf der Zornflut Katarakt.
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Der Vater deiner Kinder sank
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Verstümmelt in ein schaurig Grab,
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Da schafftest du, bis matt und krank
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Dir Gott, der Herr, den Abschied gab.

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O gib zum Abschied mir die Hand!
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Der Adern blau Gewebe zuckt,
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Die Abenddämmrung leckt die Wand,
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Gleich hat sie dich und mich verschluckt.
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Geh du zum tiefen Schlummer ein
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Und stärke deine schwache Brust
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Mit diesem Ungarfeuerwein
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Und höre, was du träumen mußt:

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Der Knabe, den dein Leib gebar,
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Den du mit Kummer aufgesäugt,
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Zieht hoch voran der Heldenschar,
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Die alle Not von hinnen scheucht.
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Sein blaues Auge glänzt voll Kraft
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Ins Lichtmeer einer schönern Zeit,
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Die Eisenhand umspannt den Schaft
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Der purpurnen Gerechtigkeit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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