Die Mitternacht ging längst vorbei –

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Karl Henckell: Die Mitternacht ging längst vorbei – Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Die Mitternacht ging längst vorbei –
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Wenn ich nur früh genug erwache
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Und meinen Aufsatz fertig mache:
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»wie Cicero zu preisen sei!«
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Welch öder Firlefanz,
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Schönredner-Mummenschanz!
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Fahl gähnt mich grauenhafte Leere
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Aus diesem Phrasenspiegel an.
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Zu eines hohlen Schwätzers Ehre
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Wie man doch fleißig flunkern kann!
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Das ist ein Plunder
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Ohnegleichen,
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Wer wird den Zunder
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Der Zerstörung reichen?
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Soll das Verderben fressend immer weiter schleichen?

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Mit all den toten Formeln, Regeln
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Soll ich durch Wind und Wellen segeln?
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Ich hör' die Welt da draußen branden,
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Ein Schauder fährt mir durchs Gebein,
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Als blinder Schiffer muß ich stranden –
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Und schreibe klassisches Latein.
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Kann Roms Monarchen 'runterhaspeln
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Von Cäsar bis Augustulus,
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Kann klafterweise Süßholz raspeln
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Zum Überdruß.
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Kann wie 'ne Puppe konjugieren,
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Am Schnürchen plappr' ich's nur
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Und muß mich vor mir selbst genieren,
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Frag' ich nach Lebens Ziel und Sinn.
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Ich mach' euch recht ein brav Examen,
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Ich rede noch zum Publikum,
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Den eingeladnen Herrn und Damen,
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Und bin ja doch – in Gottes Namen! –
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Mordsmicheldumm.
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Gepfropft mit Reisig der Verstand,
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Die Lust zur Tat, des Sehnens Brand
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Erstickt mit hagrer Knochenhand!

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Die meiner Jugend Feierkleid
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Mit dürrer Vettelfaust zerfetzt,
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Die meine gärende Heiterkeit
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Mit mürrischem Geißelhieb verletzt;
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Die den emporgereckten Sinn
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Zum Kleinlichen herniederzwang,
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Ich fluche dir, Zerstörerin,
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Und hasse dich mein Leben lang.

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Mit deinem Wust sollst du vergehn,
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Sturm soll durch Staub und Moder wehn,
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Und ein Geschlecht, des Mutterwort
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Nicht auf der Schulbank schon verdorrt,
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Drin unsres Volkes Bild und Art
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Sich wunderquellend offenbart,
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Geist, der sich Bahn zur Sonne bricht,
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Blüh auf, blüh auf im Morgenlicht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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