Der Kaiser rief: »Reserve her!

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Karl Henckell: Der Kaiser rief: »Reserve her! Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Der Kaiser rief: »Reserve her!
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Ins Glied, getreue Herden!
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Allein Gott in der Höh sei Ehr'!
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Schlagt an das Repetiergewehr,
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Und Friede sei auf Erden!«
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Choräle schallen in schimmernden Hallen,
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Der Pfaff schrie: »Jesus machte uns gleich.
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Den Menschenkindern ein Wohlgefallen,
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In einer Krippe das Himmelreich!«

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Der Engel zu Kommerzrats kam
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Mit Atlaskleid und Schleppe,
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Mit Flittertand und Flatterkram,
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Dekolletiert und ohne Scham
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Wie eine feine Schneppe.
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Bei Schnepfendrecke und Austerngeschlecke
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Der Börsenkönig sein Bäuchlein strich,
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Champagnerpfropfen knallten zur Decke –
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Jesus von Nazareth, freue dich!

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Durch eisige Gassen schritt der Wind
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In weißem Totenkleide
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Und mähte auf dem Weg geschwind
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Ein ausgezehrtes Bettelkind
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Mit seines Messers Schneide.
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Pfiff um ein fadenscheiniges Dach,
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Fuhr durch den Schornstein ins Zimmer,
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Da tönte schwach durchs Bodengemach
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Eines Säuglings flehend Gewimmer.

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Die Mutter trug ihn auf dem Arm:
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Wie stillt sie sein Verlangen?
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Ihr Auge hohl von langem Harm,
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Und Kinder rings, daß Gott erbarm!
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Mit kreidebleichen Wangen.
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Die Hungergeister tanzten den Reigen,
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Das Unheil hockt' auf dem Ofenrost,
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Der Jammer hub an Krescendo zu geigen,
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Die Not fraß Spinnen als Vesperkost.

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Da starrt der ausgesperrte Mann,
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Sah Weib und Kinder weinen
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Und sann und starrte, starrt' und sann
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Und schrie die nackten Wände an:
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»brot, Brot! Brot für die Meinen!«
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Weil mit eigener Hand für seinen Stand
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Er gewählt nach Pflicht und Gewissen,
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Hat mit eigener Hand ihm der Fabrikant
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Seinen Lohn vor die Füße geschmissen ...

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Die Türe seufzte jämmerlich:
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Gebt Raum dem Polizisten!
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Der alte Scherge schämte sich:
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»ausweisungsordre – dauert mich –
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Doch Ihr seid Sozialisten.«
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Tür kracht. Wie Eisenrädergeschmetter
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Brach der gemarterte Lohnsklav los:
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»fluch, Fluch! Ein höllisches Donnerwetter
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Schleudre die Schurken in Jesu Schoß!«

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Wie wenn des Dampfes Schwall, gezwängt
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In die metallne Fessel,
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Urplötzlich wild nach außen drängt
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Und unaufhaltsam treibt und sprengt
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Und zischend leert den Kessel:
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So schoß dem Eisendreher empor
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Aus dem erzgepanzerten Herzen
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Mit Zischen und Brausen ein brodelnder Chor,
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Der dampfende Gischt seiner Schmerzen.

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»die Ketten klirren Hohn und Spott,
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Die Ketten klirr'n im Nacken,
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Uns hilft kein Heiland, hilft kein Gott,
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Die Ketten klirren Hohn und Spott,
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Die Ketten klirr'n im Nacken.
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Zu feiernder Stund', wo im Weltenrund
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Halleluja! die Engel trompeten,
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In des Elends Schlund wie ein räudiger Hund,
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Wie ein räudiger Hund getreten!«

73
Er schwang den Hammer in der Faust
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Und wuchs empor, ein Grauen;
75
Die Kinder vor dem Vater graust,
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Er schwang den Hammer in der Faust,
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Entsetzlich anzuschauen.
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Und wie von prophetischem Geist entbrannt,
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Im Hirne verheerende Gluten,
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Umspannt er des ältesten Knaben Hand,
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Seine Worte fluten und bluten:

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»ich hör's und seh's: das Rottuch weht,
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Im Sturmschritt die Kolonnen;
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Eilt, Brüder, eilt! – was kommt ihr spät?
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Hoch auf der Barrikade steht
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Das Häuflein blutberonnen.
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Die Lücke schließt! Kartätschen prasseln,
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Des Kaisers Garden – Genossen, Sturm!
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Kommandorufe! Kanonen rasseln,
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Die Glocken heulen von Turm zu Turm.

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Nun schwöre deinem Vater, Sohn,
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In heiliger Freiheit Namen,
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Zum Todeskampf mit Schmach und Fron
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Den Eid der Revolution –
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Und sei kein Schurke! Amen.«
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Hohl heulte vermummte Verschwörergesänge
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Der Wind im Ofen mit dräuendem Ton
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Und trieb mit des Aschenvolks totem Gemenge
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Eine frische, fröhliche Rebellion.
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– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

101
Der Scherge stieß sie vor sich her
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Wie eine Hammelherde.
103
Allein Gott in der Höh sei Ehr'! –
104
Ein roher Knuff zur Wegeszehr –
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Und Frieden auf der Erde!
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Choräle schallen, Sektpfropfen knallen,
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Lump, stirb, verdirb, du roter Hallunk!
108
Den Menschenkindern ein Wohlgefallen,
109
Dem Kanzler Fackeln und Minnetrunk!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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