Er trat auf hohe Bergeskuppe

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Karl Henckell: Er trat auf hohe Bergeskuppe Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Er trat auf hohe Bergeskuppe,
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Frührot beschien sein Angesicht,
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Der Nebeldrache zog die Schuppe
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Zurück in tiefer Klüfte Schicht.
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Ein frisches Brausen war zu hören,
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Frei atmete die Brust der Welt,
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Die Gipfel grauer Wetterföhren
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Durchschauert's morgenwindgeschwellt:

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»der Gipfel Hauch hat mich geboren,
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Der Höhen Licht hat mich gezeugt,
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Rütteln will ich an Gottes Toren,
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Bis Gott sich meinem Geiste beugt.
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Der Erde Ball will ich betreten
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Mit unerhörtem Siegerschritt,
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Ich will den Teig der Menschheit kneten,
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Bis höchste Form den Kranz erstritt.
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Von blöden Augen will ich reißen
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Die trüben Schleier Not und Wahn,
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Und ein Erobrer will ich heißen,
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Doch Glück umleuchte meine Bahn!
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Ich weiß, was in den Tiefen schmachtet,
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Ich wittre, was zum Lichte drängt,
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Und schon als Kind hab ich verachtet,
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Was uns in Rost und Ketten zwängt.
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Du Glaube, der den Sinn zerrüttet,
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Du Satzung, die das Leben narrt,
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Weh euch, die ihr erstickt, verschüttet
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Das Glutgefühl der Gegenwart!
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Ein Feuer ist in mich geschlagen
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Von unsichtbarer Riesenhand,
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Das muß von Herd zu Herd ich tragen
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Durch das erschreckte Menschenland.
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Ich sehe Hände mir erhoben
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Und Augen mir entgegenglühn,
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Viel arme Toren hör' ich toben,
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Die lichtscheu sich im Finstern mühn.
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Die wollen nichts von meinen Gaben,
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Und schmähend kehren sie sich fort,
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Um ihre Toten zu begraben
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Mit Lippenwerk und Lügenwort.
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Denn was die Helden je empfunden,
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Die sie verhimmeln blickverklärt,
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Verleugnen sie zu allen Stunden,
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Die ihr gewöhnlich Dasein währt.
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Und was im Leben sie erdrücken,
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Was ihr erdrückter Sinn verdammt,
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Das preisen nun mit Mundentzücken
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Sie heilig, hehr und gottentstammt.
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Verstehen will ich und umfassen,
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O Einfalt, dich, die nicht versteht,
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Doch diese Heuchler muß ich hassen,
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Die Lügen strafen ihr Gebet.
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Vielleicht, daß einst ein Strahl des Lichtes
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Der Einfalt Dämmer noch erhellt,
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Vom Zug des niederträchtigen Wichtes
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Bleibt häßlich die Natur entstellt. –
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... Gleichviel! Ich höre Adler schreien,
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Um meine Stirne rauscht ihr Flug,
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Ich bin gekommen zu befreien
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Und folge meines Wesens Zug.
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Der Maulwurf mag im Dunkel wühlen,
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Der Uhu flattern durch die Nacht,
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Ich will des Äthers Wonnen fühlen
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Und suchen, was allselig macht.«

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Er stand auf hoher Felsenwarte,
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In Föhrenharfen griff der Wind,
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Sein Urlied durch die Kronen knarrte:
68
»die Welt blitzt auf im Menschenkind.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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