29.

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Karl Henckell: 29. (1896)

1
Denn manches Lasters könnt' ich mich versehen,
2
Und Fehler zähl' ich wie der Sand am Meer,
3
Doch bei der Sonne Licht darf ich gestehen:
4
Nie bohrte mir durchs Herz des Neides Speer.
5
Ich müßte völlig aus der Haut mir gehen,
6
Wollt' ich vergrößern noch der Neider Heer:
7
Dem Würdigsten möcht' ich zu beiden Seiten
8
Den Hermelin selbst um die Schulter breiten.

9
Zwar lächelnd müßte, der mir ganz gefiele,
10
Mundwinkelzuckend steigen auf den Thron,
11
Das goldne Zepter nehmen wie zum Spiele
12
Und sich gebärden als Olympiersohn,
13
Der flott agiert im Byzantiner Stile
14
Und selber komisch sich als Kaiser schon,
15
Der bald nach abgestreiftem Hermeline
16
Als schlichter Meister seines Volks erschiene.

17
Ich lache schmerzlich. Fern mir, daß ich haßte!
18
Ich möchte lieben, ging' es irgend an.
19
Mir weht die Flagge silberweiß vom Maste,
20
Ich traure nur, wo ich nicht lieben kann.
21
Der Sinn der allerhöchsten Kriegerkaste
22
Ist Wahnsinn für den echten Edelmann.
23
Das fordert Blut und ruft dem Geist der Rache
24
In Jesu Namen! – Schmerz, sei stark und lache!

25
Mein Herz ist leidenschaftlich, voller Schwächen,
26
Schon oft hat heißer Zorn mich übermannt,
27
Daß mir Besinnung schwand in Wirbelbächen
28
Und mich das liebste Wesen kaum erkannt.
29
Nur eines wußt' ich nie: Was ist: sich rächen?
30
Wer mich beleidigt haß- und wutentbrannt,
31
Soll ich dem armen Schlucker zu Gefallen
32
Gleich zeigen: »

33
»ich bin wie du. Brauchst dich nicht zu genieren.
34
Man stillt sich zur Revanche seinen Durst.
35
Süß ist die Rache. Laß doch mal probieren!
36
Famoses Wörtchen das: Wurst wider Wurst!
37
Wie feige, Kraftinstinkte zu kastrieren!
38
Fest um sich haun! – Arme Vernunft, du murrst?
39
Soll ich des Bruders Lehrer sein im Lieben?
40
Moral heißt: »Zahn um Zahn und Heil den Hieben!«

41
Nun gut!
42
Mit einer Geste, die mir ganz entspricht.
43
Ich will mich selbst nicht einen Narren schelten,
44
Der Sühne nimmt, wenn er gestochen sticht.
45
Ob noch so sehr die Zornesadern schwellten,
46
Ein höherer Trieb sucht höheres Gericht,
47
Und Kränkungen mit Großmut zu ertragen
48
Ist majestätischer als wiederschlagen.

49
Wird Tschandala denn ewig Rache brüllen,
50
Und mußt du einsam auf die Berge gehn?
51
Wird die Verheißung nie sich hier erfüllen,
52
Sich nie die Wahrheit hier verwirklicht sehn?
53
Soll ewig Herrliches sich nur enthüllen
54
In wenigen, die »was davon verstehn«,
55
Und ist es Unsichtbarem vorbehalten,
56
Ein höchstes Gut für alle zu verwalten?

57
Vom Protoplasma hab ich's nicht erfahren,
58
Und Weltgeheimnis bleibt, was mich bedrängt.
59
Das lernt sich auch nicht mit den Schwabenjahren
60
Und bleibt mit heiligen Schleiern zugehängt.
61
Es ist bei Juden, Christen und Barbaren
62
Dasselbe stets in andre Form gezwängt –
63
Die Priester zeigen es herum im Bilde,
64
Mir flimmert's mystisch her vom Sternenschilde.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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