24.

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Karl Henckell: 24. (1896)

1
Auf breitem Baumstumpf voller Brombeerranken
2
Sitz' ich mit meinem Gott und mir allein,
3
Die greisen Häupter riesiger Fichten schwanken
4
Hoch über mir – der Wind greift biegend drein.
5
Der Äther blaut bis an der Firnen Schranken,
6
Die schneeweiß stehn in leisem Rosaschein ...
7
Der Holzknecht ging mit Abendgruß nach Hause –
8
Kein Menschenlaut – nur Astbruch, Krongesause.

9
Du seltsam Herz – wie rinnt des Blutes Welle
10
Veränderlich durch deines Muskels Gang!
11
Du bist ein schwerergründlicher Geselle,
12
Geheimnisvoll bleibst du mein Leben lang.
13
Bald Siedeguß, bald wie die kühle Quelle,
14
Die sprudelnd aufspringt mit Waldschattenklang,
15
Bald wie der Teich dort, der in müden Träumen
16
Schlaf brütet, Bergstrom bald zum Überschäumen.

17
Erschreckt hast du mich oft, Kumpan da drinnen,
18
Mit manchem jähen: Hastdunichtgesehn!
19
Fuhrst kreuz und quer durchs wackerste Beginnen
20
Und ließest Weg und Ziel zum Teufel gehn.
21
Du raubtest ganz gemütlich mein Besinnen
22
Und wußtest, beinah wär's um mich geschehn –
23
Das war nicht schön, die Wahrheit dir zu sagen,
24
Doch denk' ich nicht daran, dir's nachzutragen.

25
Du hast gewiß erprobt, wieviel ich halte
26
An Qualitäten, die du gern studiert,
27
Wie heiß ich werde, wie ich ganz erkalte
28
Und wieviel Energie das konsumiert.
29
Bist du befriedigt? Bin ich noch der Alte?
30
Hat der Verlust mich so exploitiert
31
Vom Wärmevorrat, daß ich leer erkannt bin,
32
Zum toten Krater schmählich ausgebrannt bin?

33
Ich will nicht hoffen. Machte gern dir Freude,
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Kein trauriges Versuchsobjekt zu sein.
35
Wenn ich auch hier und da mein Gut vergeude,
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So heizt Natur doch stets von neuem ein.
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Maß gibt sich ... Saftlos ärmliches Gestände,
38
Mußt dicht am Boden kleben eng und klein –
39
Wär's nicht erlaubt, den Sturmwind zu erraffen,
40
Warum nicht zum Gestrüpp ward ich erschaffen?

41
So stark hast du gepocht seit Kindestagen,
42
Daß ich nicht glauben kann, dein Schlag sei matt –
43
O Herz, mein Herz, ich muß dich ehrlich fragen:
44
Magst du noch Tempo halten? Bist du's satt?
45
Ein heimlich Zittern will mir Antwort sagen:
46
Getrost, du bist noch kein vertrocknet Blatt,
47
Noch steigt's und schwillt und bildet grüne Schichten,
48
Du bist zu lebenszähe zum Verzichten.

49
Recht so! Nur keine Dekadenzallüren!
50
In Wind und Wäldern wird mir wahrhaft wohl.
51
Da brauch' ich nichts von Tagesstaub zu spüren,
52
Die ganze »Welt«geschichte scheint mir hohl.
53
Laß doch die Führer ihre Trommeln rühren,
54
Die »Blätter« wiederkäun den alten Kohl –
55
Gießt dir das Lebensgluten durch die Glieder?
56
Hier ist dein Thron! Steig nicht zum Mischmasch nieder!

57
Auf diesem Baumstumpf voller Brombeerranken
58
Fühlst du ein Glück, hoch über jener Welt,
59
Frei tummeln sich wie Kinder die Gedanken
60
Und bauen sich ein luftig Wanderzelt.
61
Hinweg mit allem muffig Müden, Kranken,
62
Das uns um unsre besten Güter prellt!
63
Ich will mein eignes Leben weltweit spannen,
64
Als Windesharfe stehn hoch wie die Tannen.

65
Und mit der eignen Seele will ich plaudern,
66
Daß sie ihr Sein und Werden mir vertraut,
67
Besiegen ihr zurückgezognes Zaudern,
68
Bis sie sich ganz mir gibt als nackte Braut.
69
Ihr scheu verborgenes Zusammenschaudern
70
Soll sie mir beichten, sei's mit Flüsterlaut,
71
Was wortebang, sei leis nur angedeutet
72
Wie Glockenklang, der aus der Ferne läutet ...

73
Sie spricht: Dem Salamander mag ich gleichen,
74
Der unversehrt durch Glut und Flammen eilt,
75
Er huscht hervor aus harten Steinesreichen
76
Und weiß sich Höhlen, wo er sicher weilt.
77
Sein Rücken trägt des Lebens bunte Zeichen,
78
Sein Auge Klugheit mit der Schlange teilt –
79
Das ist die Klugheit der verschlungnen Pfade
80
Aus Klüften weltentlang zum Feuerbade.

81
Verschwistert darf ich mich dem Adler glauben,
82
Der liebend sich dem Gott der Luft erschließt,
83
Er schwebt für sich – wer kann die Lust ihm rauben,
84
Wenn Wind und Äther staubrein ihn umfließt?
85
Er denkt im Tal des Glücks geselliger Tauben,
86
Indessen er ein einsam Glück genießt –
87
Wenn er genug gekreist ob dunklem Forste,
88
Sucht die Gefährtin er im Felsenhorste.

89
Und Baum bin ich mit weiten Wurzelgängen,
90
Der diesen festen Boden zäh durchfaßt,
91
Voll Fasern, die sich durcheinander drängen,
92
Zu saugen gierig, was dem Wachstum paßt.
93
Ein Blütentraum. Nun fühl' ich Früchte hängen,
94
Auch Schatten spend' ich für des Wandrers Rast,
95
Und meine Gaben neig' ich frei hernieder
96
Für den, der kosten will: Der Erde Lieder.

97
Gewirkt bin ich aus einem Grundgewebe,
98
Das unverwischbar deine Zeichen trägt,
99
Ob Feuermolch ich bin, als Adler schwebe,
100
Als Fruchtbaum wurzle – das bleibt aufgeprägt.
101
Das ist's, was gänzlich unbewußt ich lebe,
102
Was schärfster Sinn in Teilchen nie zersägt –
103
Notwendig Wirken dunkelster Gewalten,
104
Sich selbst verneinend, könnt' es je sich spalten.

105
Was wahrhaft treibt, was sich dir vorgespiegelt,
106
Vermissest du dich richterlicher Macht?
107
Tat ist ein Brief, von Gottes Hand versiegelt
108
Und von der Botin Ewigkeit gebracht.
109
Die Freiheit wohnt verschlossen und verriegelt
110
In einem Haus, davor die Riesin wacht,
111
Genannt Notwendigkeit in Gottes Namen,
112
Die Welten webt auf ungeheurem Rahmen.

113
Mein lieber Freund und sinnlicher Geselle,
114
In dem ich hause wie des Kernes Kern,
115
Durch den ich zittre wie der Zellen Zelle,
116
Mit dem ich rede wie der Herr des Herrn:
117
Da steckt was hinter der bewußten Schwelle,
118
Erfahren möchtet ihr es gar zu gern, ...
119
Fahrt eifrig fort zu experimentieren,
120
Nur brav Geduld und nicht den Mut verlieren!

121
Einstweilen, Bester, lerne dich bescheiden!
122
Sei froh, wenn nur dein Triebwerk leidlich klappt!
123
Wühl nicht zu sehr in deinen Eingeweiden,
124
Schon mancher hat sich plötzlich überschnappt!
125
Ich lieb' es nun einmal, mich zu verkleiden,
126
Instinkte gehn gemeiniglich verkappt
127
Und tauschen durcheinander die Gestalten –
128
Sie werden dein Lorgnon zum Narren halten.

129
Es bleibt dabei: Du kannst mich nicht erklären.
130
Drum überhebe dich nicht deiner Haut!
131
Und eine Bitte sollst du mir gewähren,
132
Die oft ich dir leismahnend schon vertraut:
133
Laß ab, noch Kampfesglut in dir zu nähren,
134
Aus der Unduldsamkeit mit Zerrblick schaut!
135
Ich weiß, du wirst sie restlos überwinden,
136
Denn so, nur so kann ich Genüge finden.

137
Dich ärgert Halbheit. Nun, dann ohne Gnade
138
Räum auf mit allem, was doch Stückwerk bleibt!
139
Zum Fanatismus bist du mir zu schade,
140
Der dich auf recht beschränkte Bahnen treibt.
141
Mensch, halt auf deines Wesens höchste Pfade
142
Und sei ein Blatt, darauf mit Liebe schreibt
143
Das mildverstehend mütterliche Leben
144
Die schlichten Zeichen, die dir Frieden geben!

145
Was ist dir Streit um Zepter und um Kronen,
146
Die äußre Formen innrer Mängel sind?
147
Nie wird ein Kampf um Wahrheit dich belohnen,
148
Der für der Wahrheit tiefstes Wesen blind.
149
Ein enger Zorn drückt dich in niedre Zonen,
150
Du ziehst auf Mühlen und du kämpfst mit Wind –
151
Die kleinste Lerche hoch im ewigen Blauen
152
Kann souverän auf dich herniederschauen.

153
Sei du – das ist das Donnerwort der Dinge,
154
Und geh im All auf! Zwiefach scheint das Heil
155
Und ist doch eins. Halt an dich mit der Klinge,
156
Sie macht nicht frei, schlägt keine Wunden heil.
157
Spann deinen Geist, daß er als Sehne schwinge,
158
Hol dir den Vogel Weisheit mit dem Pfeil!
159
's ist besser, so auf diesem Baumstumpf sitzen,
160
Als mit dem Schwert zu züngeln und zu blitzen.

161
Versenke dich – und Segen soll dir fluten –
162
Verweilend in das Wunderwerk der Welt!
163
Der Märtyrer mag für sein Bild verbluten,
164
Du stell es dar, beschauend, unentstellt!
165
Auch er fühlt Ewigkeiten in Minuten,
166
Wenn ihm sein Gott im Tod die Seele schwellt –
167
Du fasse ruhig bildend dich zusammen
168
Und schaff dein Weltbild, rings umloht von Flammen!

169
O laß hinweg dich nicht vom Strudel reißen,
170
Der dich in trichterschmale Wirbel lockt!
171
Steh gleich dem Hochgebirg, dem ewig weißen,
172
Beharrlich fest, daß selbst der Sturmwind stockt!
173
Staubbäche laß wie Schleier niedergleißen
174
Die Brust hinab, daß Schaum auf Wellen flockt,
175
Lawinen wild an dir heruntersausen
176
Und das Idyll in deinem Schoße hausen!

177
Siehst du der Alpengipfel zart Erglühen?
178
Verklärt vom Hauch der Schönheit ruht die Macht
179
Der Felsenmassen, die Titanenmühen
180
Einst aufgereckt zu ragend stolzer Pracht.
181
Die Rosen schimmernder Verklärung blühen
182
Entgegen schweigend schattengrauer Nacht –
183
Laß noch dein Auge letztes Leuchten trinken
184
Und Brudergruß der stillen Firne winken!

185
Und leise wie der Sonnentraum die Spitzen
186
Umspiele dich ein unverletzlich Licht –
187
Die Geister, die du birgst, sollst du besitzen,
188
Berggeister bohren, doch erschüttern nicht.
189
Kobolde wühlen wandernd durch die Ritzen
190
Mit faltigem, verwittertem Gesicht,
191
Mit Kiepen Kummers und Verlusts beladen, –
192
Die schwarzen Alben sollen dir nicht schaden.

193
Das sind bloß eingeschrumpfte Dottermännchen,
194
Die sehr mit Herzenshacken wichtig tun,
195
Sie schleppen jeder noch ein Reuekännchen
196
Und gehn in jammerfarbnen Trauerschuhn.
197
Ein Dutzend zieht ein klägliches Gespännchen
198
Voll Angstbagasch und schwarzen Sorgentruhn,
199
Voran die tiefgesenkte Tränenfahne –
200
'ne Lebenslumpereienkarawane.

201
Lach dieser Herrchen, die dich zwicken wollen!
202
Sie zahlen feige winselnd Fersengeld.
203
Laß du von Hochgewittern dich umrollen
204
Und gürte dich mit einem Gletscherfeld!
205
Und ob von Schmerz auch deine Ströme schwollen,
206
Sei Berg, bleib stehn, ein feuerfester Held,
207
Der nicht umsonst aus Gluten ward getrieben
208
In flüssiger Elemente Haß und Lieben!

209
Weißt du, wie oft ich wohl zu dir gesprochen:
210
Zu weich, mein Lieber! Landgraf, werde hart!
211
Dies Mühlsteindasein fordert feste Knochen,
212
Du wardst von viel zu viel Gefühl genarrt.
213
Das Herz verlernt darum noch nicht sein Pochen,
214
Ein Kern ist da, der, weiß ich, nicht erstarrt –
215
Just ihn zu sichern vor dem rohen Leben,
216
Mußt du mit hartem Panzer dich umgeben.

217
Auf dich mit Omeletten und Kompott.
218
Der Seelenspeech hat lang genug gedauert
219
Auf deinem Baumstumpf und mit deinem Gott.
220
Wir resümieren: Wenn man nicht versauert
221
Und wird ein ordinärer Hottentott,
222
Der selbstgerecht nur raucht die Würdepfeife,
223
Blieb man intakt vom Kopfe bis zum Schweife.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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