16.

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Karl Henckell: 16. (1896)

1
Im Föhrenwald. Fast lautlos. Zeitvergessen.
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Was leis in Wipfeln saust, singt Ewigkeit.
3
Sanftkühles Moos. Des Lebens Lasten pressen
4
Mir nicht die Brust, ich bin von Qual befreit.
5
Ach, Höhn und Tiefen hab auch ich durchmessen,
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Weiß, wie der Mensch in wildem Schmerze schreit,
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Wie rasch er jauchzt im Taumel der Sekunde,
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Wie stolz er hinstelzt, wie er geht zugrunde.

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Geheuchelt hab ich auch in Wort und Mienen –
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Wie oft, daß mir der Mut zersplittert war
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Und bin doch lächelnden Gesichts erschienen
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Und stach dem andern Heuchler noch den Star.
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Ich wollte mir den Preis der Welt verdienen
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Mit Kraftgeflunker wie ein Janitschar:
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Des Herzens Schwachheit hab ich überpinselt,
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Stramm dreingeschaut und innerlich gewinselt ...

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Ihr zierlichen, ihr goldbetupften Käfer,
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Wie lauft ihr grünlichschillernd durchs Gewirr
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Der weichen Mooseshärchen! Minneschäfer
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Seid ihr und lockt mit lispelndem Gekirr,
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Das gar nicht hört so'n Mammutmenschenschläfer,
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Ins Lustgarn euch: ihr lauscht nicht dem Geschwirr,
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Dem seltsam wipfelwandernden, der Kronen,
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In denen ewige Rätselweisen wohnen.

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Ihr seid in eurem süßen Trieb befangen
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Und klammert euch gar ernsthaft an das Glück,
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Das im Moment euch wonnig aufgegangen,
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Ihr seid berauscht und könnt nicht mehr zurück.
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Ein Käferlein bleibt an dem andern hangen,
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Natur spielt aus den alten Schöpfertrick –
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Den Knalleffekt, kurz wie Gewitterschauer,
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Die Spinne Willewelt liegt auf der Lauer.

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Ist's anders denn mit uns vermummten Tieren,
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Die nur durch höchst vollkommne Brillen schaun?
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Wir können raffinierter räsonieren,
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Traktieren kritisch Denken und Verdaun,
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Wir sind zum Platzen reif im Selbstsezieren,
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Begierig, über jede Schnur zu haun
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Und uns vertrackte Triebobjektsgesellen
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Vor Selbstbeguckung auf den Kopf zu stellen.

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Das Menschenhirn schlägt Riesenpurzelbäume
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(zwar das aus Feuer nur, nicht das aus Stroh),
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Schwingt sich durch seine eignen Weltenräume
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Und ist des Nebelflecks im Auge froh.
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Nach innen regt zum Tanz der Zukunftsträume
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Sich schon der Übermenschenembryo –
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Nur wenn die irdischen Fühler uns erkranken,
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Verzichten wir auf Weltherrschaftsgedanken.

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Die Atmosphäre will robuste Beine,
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Sie ist ein unverschämter Geisttyrann,
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Erst läßt sie jubeln: »Freiheit, die ich meine!«
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Ein Fingerdruck – die Freiheit liegt im Bann.
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Zum Hirne spricht sie: »Du bist nicht alleine
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Der Herr im Haus, es sitzt ein Rumpf daran,
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Verständige dich – Gedanken können fliehen! –
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Gefälligst mit den gröberen Partien!«

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Grausamer Witz! Auf ewig Kot und Äther?
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Du trägst den Kopf hoch? Naseweiser Wicht!
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Du Großhirnriese! Geistesheldentäter!
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Der Lump von Leib geht mit dir ins Gericht.
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Der hinterlistige Gauch wird zum Verräter
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Und speit dir Schleim ins Götterangesicht ...
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Sei Übermensch! Gebare dich allmächtig!
64
Da juckt der Wurm – der Witz wird niederträchtig.

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Ah, ich war auch ein rechter Stelzengänger!
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Mit Illusionen päppeln wir uns groß.
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Wir ragen zu den Wolken etwas länger
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Und sagen keck uns von der Erde los.
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Was sind wir für gefangne Bauernfänger!
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Ein schlauer Zwerg versetzt uns einen Stoß,
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Ein Zweifelmännchen mit Mephistofaxen,
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Wie 'n Pilz dort aus gemeinem Grund gewachsen.

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Und sieben Meilen lang liegt auf der Nase
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Der radikale Siebenmeilendrang ...
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Zu stehn probiert behutsam die Ekstase,
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Den Allerwertsten reibt der Überschwang.
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Der Hutzelwicht gibt von sich böse Gase
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Und macht mit giftigem Gesicht uns bang,
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Bis wir entschieden ihn ins Auge fassen,
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Uns auch vom Erdgeist nicht verblüffen lassen.

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Doch wer da aufstand, darf von Glück noch sagen,
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Wenn Bein und Rückgrat nicht gebrochen sind.
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Sein Dasein kröche hin in müden Klagen,
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Von weher Schwermut säng' ihm Wald und Wind.
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Die Tragikomik könnt' er nicht ertragen
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Und müßte weinen wie ein altes Kind,
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Sein Antlitz vor den klugen Leuten bergen
88
Und trauern mit Schneewittchens Unschuldszwergen ...

89
Du lieg im Moos und trinke Tannenlüfte!
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Aus Mutter Erde sauge neue Kraft!
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Gespenster, hütet weiter eure Grüfte!
92
Ich fühl's, ich fühl's, noch atm' ich unerschlafft.
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Die Welt hat Firnen und die Welt hat Klüfte,
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In Höhn und Tiefen rinnt der Lebenssaft,
95
Durch Schlünde dunkel, um die Gipfel helle,
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Schlürf beide Sorten, durstiger Geselle!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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