Mein Herz, du hast doch wunderlich gependelt

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Karl Henckell: Mein Herz, du hast doch wunderlich gependelt Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Mein Herz, du hast doch wunderlich gependelt,
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Nach beiden Seiten wichst du maßlos aus,
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Unausgeglichen hast du bald getändelt,
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Bald riß dich Leidenschaft in jähem Saus
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Hinab – du hattest gestern angebändelt,
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Und heute lag vergiftet schon die Maus
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Mit ihrer zuckersüßen Lieb' im Leibe,
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Der Schicksalskatze bloß zum Zeitvertreibe.

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Ich möchte, Poesie wär' ganz Gewissen
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Und jeder Reim aufrichtiger Herzensschlag,
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Und keine Saite fehlte, die zerrissen,
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Wenn ich elendiglich zu Boden lag.
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Was mich gewurmt, gemartert und gebissen,
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Aus finsterm Schachte käm's gerollt zu Tag
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Auf meinen Versgeleisen ganz getreulich,
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Wirkt Offenheit auch manchmal nicht erfreulich.

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Wir Dichter schmuggeln gar zu gerne Farben
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Versteckter Selbstverherrlichung hinein,
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Wir zeigen stolz auf unsrer Torheit Narben
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Und spielen Eisenfresser selbst der Pein.
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Des Schicksals Hälmchen häufen wir zu Garben,
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Das Tröpfchen Glück wird gleich zum Oxhoft Wein –
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Wir sind, berauscht vom Klang der innern Chöre,
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Trotz aller Wahrheit leicht ein Stück Poseure.

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Wie jeder Mensch, der sich befühlt, im Grunde.
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Du mußt dich oft erinnern: Gib nur acht!
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Der Selbstgenuß steht mit der Kunst im Bunde,
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Wenn man den Herold seines Herzens macht.
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Wir lassen doppelt bluten jede Wunde,
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Der Schmerz gefällt sich in der Dichtertracht,
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Wir kosten gründlich Weinen oder Lachen,
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Der Kopf steckt gern in der Empfindung Rachen.

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Die Wollust selbstverhätschelnder Gefühle
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Ist sündvererbt beim lyrischen Geschlecht.
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Des süßen Spiels drum überdrüssig spüle
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Vom Leibe dir die Lust, du Sündenknecht!
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Schütt nicht von neuem Korn auf diese Mühle,
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Sei baß im Karpfenteich der kritische Hecht,
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Der mit den scharfen Zähnen fährt dazwischen
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Und den Prozeß macht allzu fetten Fischen!

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Zum mindesten des Selbstlobs bin ich müde,
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Naiv war ich ein flotter Renommist,
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Als junger Racker war ich gar nicht prüde,
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Trug meinen Kehlkopf wie ein Tenorist.
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Das hat sich ausgegackert. Attitüde
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Hat keinen Wert, die sich nicht selbst vergißt ...
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's kam vor, da sah ich mich im Spiegel schlimmer
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Als außer sich ein nacktes Frauenzimmer.

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Befriedigt sind die kleinen Eitelkeiten,
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Und was noch drin steckt, lebt sich eben aus.
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Nur nichts erzwingen! Das muß von mir gleiten
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Wie so ein abgetragner Sammetflaus.
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Es hat doch schließlich alles seine Zeiten,
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Was frommt denn mir das Sittlichkeitsgezaus?
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Wär' ich zum Schulfuchs der Moral geboren,
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Schlüg' ich das Heft mir um die Heuchlerohren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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