Ein großes Mißtraun hat mich überfallen

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Karl Henckell: Ein großes Mißtraun hat mich überfallen Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Ein großes Mißtraun hat mich überfallen,
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Auf Herz und Nieren prüf' ich jedes Wort.
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Man sieht es blitzen, hört den Donner schallen,
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Auf einmal schiebt sich die Kulisse fort,
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Da liegt das Donnerblech in ganzen Ballen,
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Der Bühne Feuerzungen sind verdorrt –
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Der Pyrotechniker von Geistes Gnaden
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Schleicht fort mit Zündschnur und verbranntem Faden.

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Die Ehrlichkeit der Seele will ich wittern,
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Mit oder ohne Reim, bloß das Getu,
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Dies modisch unsolide Phrasenflittern
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Berührt mich kläglich wie gestohlne Schuh
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Von Königen an schäbigen Heckenrittern,
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Vor Prunkfuß halt' ich mir die
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Die Pose täuscht, mein Gott, welch fauler Zauber!
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Man glaubt an Prinzen – und das Hemd nicht sauber!

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Ist Dichtkunst denn ein Komödiantenkasten,
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In dem der Mensch sich fürchterlich drapiert?
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Bald Übermensch mit plumpen Nietzschequasten,
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Der kraß mit Renaissance kokettiert,
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Bald Säuseler auf Symbolistentasten,
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Romantik mit Verrücktheit imprägniert,
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Bald Junkersporen, Dörpertanzgebärde,
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Selbst Eichendorff auf dem Theaterpferde!

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Ihr Brüderchen, warum mehr scheinen wollen,
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Als man nun grade mal von Haus besitzt?
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Soll man dem Pomp von Pumpus Gnaden zollen
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Die Ehre, die ihr schwindelnd euch stibitzt?
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Hochstapler seid ihr, tut wie aus dem Vollen,
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Indes ihr »Nichts!« aus allen Poren schwitzt ...
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Man kennt euch doch und eure nobeln Schliche,
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Grandiose falsche Grafen – Tinteriche!

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Ach, hättet ihr zu Wert und Maß der Dinge
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Die schlichte Liebe nur – es stände gut.
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So aber seid ihr nichts als Dichterlinge,
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Ob ihr auch hochmodern spottwichtig tut.
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Ich kreuze nicht mit Hinz und Kunz die Klinge,
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Denn epidemisch wuchert diese Brut.
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Auf manchen setzt' ich anfangs viel Vertrauen
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Und muß ihn jetzt beim Volk der Gaukler schauen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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