Was will der Geist? Wie wechselt das Betrachten!

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Karl Henckell: Was will der Geist? Wie wechselt das Betrachten! Titel entspricht 1. Vers(1896)

1
Was will der Geist? Wie wechselt das Betrachten!
2
Zehn Jährchen mehr – wir scheinen wie vertauscht.
3
Was heißes Draufgehn in der Jugend Schlachten,
4
Ist wie vergangne Form des Seins verrauscht.
5
Doch nur der Lump wird, was er war, verachten,
6
Zu Parvenüs sind wir nicht aufgebauscht,
7
Und wenn wir andern Schnitt des Geistes tragen,
8
Verschmähn wir's doch, uns auf die Brust zu schlagen.

9
Wir haben einst den Mund recht voll genommen,
10
Das Herz von Riesenhoffnungen geschwellt,
11
Jetzt sind wir langsam auf den Punkt gekommen,
12
Wo sich die Seele zu der Stunde stellt.
13
Was kann denn auch die schönste Zukunft frommen,
14
Wenn des Momentes Zauberkelch zerschellt?
15
Wir klammern uns nicht mehr an künftige Zeiten,
16
Der nächste Augenblick birgt Ewigkeiten.

17
Bescheidner sind wir und sind anspruchsvoller,
18
Man kann es nehmen, wie man eben will,
19
Wenn wir verzichten auf den Zukunftskoller,
20
Zum Heute schweigen wir darum nicht still.
21
Kein souveränes Volk, kein Hohenzoller,
22
Kein Geldtyrann schickt uns in den April,
23
Daß wir statt großer Menschen, echter Weisen
24
Sie als der Menschheit höchste Helden preisen.

25
Man wird den Herren nicht zu nahe treten,
26
Die sich direkt von Gott ihr Wams beziehn,
27
Gefällt's uns nicht, demütig anzubeten
28
Und vor den Würdewundern hinzuknien,
29
Die sich
30
Die »Welt«geschichte – seit die Sonne schien,
31
Ist alles auf die Großmark zugeschnitten,
32
Selbst Goethes Glaubensgeist wird vorgeritten.

33
Wer nörgelt denn, wenn sie ihr Mütchen kühlen?
34
Der Pöbel will's – ihn blendet der Popanz.
35
Der Hermelin muß sakrosankt sich fühlen,
36
Verketzert man das Wort des freien Manns.
37
Herrscht »unbedingtes« Recht auf Richterstühlen?
38
Die Monarchie zeigt ihren Hexenschwanz.
39
Träuft ihr noch Gift in deutscher Treue Becher,
40
Wird selbst ein Engel Majestätsverbrecher.

41
Man will kein Schattenkaiser sein – versteht sich!
42
Von hundert Vetos kreuz und quer bedingt.
43
Will Sonne sein – die Nebelmasse dreht sich
44
Trabantenhaft, wenn man sich tüchtig schwingt.
45
Man ist sein Komponist und selbst Poet sich,
46
Nach dessen Wort und Weise
47
Schön war Byzanz! Wilhelm der Absolute!
48
Mir wird ganz mittelalterlich zumute.

49
Wo glorreich weithin gleißt ihr falsches Licht,
50
Sie kann in jedem Zuckerbäcker wohnen,
51
Der seine süße Würde heilig spricht.
52
Fakire, Dichter wird sie kaum verschonen,
53
Der Größenwahn fragt nach dem Stammbaum nicht,
54
Als Schwester soll mit allen ihren Reizen
55
Die Arroganz sich auf dem Geldsack spreizen.

56
Wir waren grün, als wir die Spieße rannten
57
Auf alles, was des Blutes Puls empört,
58
Wenn uns des Unrechts Qualen übermannten,
59
Wir glaubten fest, daß uns der Sieg gehört.
60
Nie werden lieben wir die alten Tanten,
61
Die nichts in ihrem Mittagsschläfchen stört –
62
Doch daß wir reifer werden, das gewahren
63
Wir an der Weisheit, die wir schwer erfahren.

64
Und ist Erkenntnis über uns gekommen,
65
Daß Satan allem Weltlauf immanent,
66
Daß weiße Raben sind die wahren Frommen,
67
Die man am reinen Herzen nur erkennt,
68
Und daß der Schwindel eher zugenommen,
69
Als daß er weicht dem lautern Element,
70
Dann wird man, ging man vorher nicht ins Wasser,
71
Gelassener, wenn auch kein Gehenlasser.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.