Morgenwanderung

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Karl Henckell: Morgenwanderung (1896)

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Um fünf Uhr früh schritt ich dem Berg entgegen,
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Die Gaslaternen brannten Sonnenlicht,
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Der Osten streute seinen blanken Segen
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Den Mädchen an den Brunnen ins Gesicht.
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Im Trabe kamen nach der Stadt gefahren
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Milchleute, die schon nachts zu Wege waren.
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Da draußen, wo sich's ländlich bald verlor,
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Stand Bursch und Bäurin schon am Gartentor.

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Nicht lange bin ich einsam fortgewandelt,
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Wiewohl der Pfad gleich oben waldwärts bog.
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's war Feiertag. Just Arm in Arm gebandelt
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Ein Mädchenpaar an mir vorüberzog.
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Sie trugen Riesensträuße in den Händen,
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Gepflückt an Wiesenbach und Talschluchtwänden,
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Und sangen Lieder in die helle Flur
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Von Lieb' und Lust, von Heimat und Natur.

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»grüß Gott!« Sie schieden links, ich rechts zum Kamme,
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Doch ihrem Duo lauscht' ich noch von fern.
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Das ist ein lieber Zug am Schweizerstamme,
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Die Lust zum Lied. Sie haben's »grüsli« gern.
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Jetzt war's verweht. Nun sang es aus den Büschen,
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Er rann noch links vom Wege ziemlich flach,
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Geräuschvoll schoß er rechts, ein heftiger Bach.

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Die Kerzentannen spielten mit den Strahlen
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Der weißen Sonne, die im Tau zersprang
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Und Farben, wie sie keine Künstler malen,
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In Perlenketten um die Erlen schlang.
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Mutwillige Flügler schwirrten walddurchschweifend,
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Bald mir den Kopf, bald tief die Gräser streifend,
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Auf einmal aus dem Fichtendunkel schrie
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Der Kuckuck seine Traummonotonie.

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Am letzten Abend hatt' es fest geregnet,
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Auf Dickichtwegen wurd' ich tüchtig naß.
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Doch hab' ich die Beträuflung gern gesegnet,
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Dies Frischgefühl – o welche Wonne das!
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So in dem fetten Humus einzusinken,
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Die Fruchtbarkeit mit Sohlen aufzutrinken,
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Zu schlürfen diesen feuchten Sonnenseim –
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Ein Hochgenuß wie kein Poetenreim.

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Vorm Adlisberger Forsthaus hielt ich Atzung
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Mit frischer Milch und saftigem Bauernbrot.
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Gering war noch der Gäste Frühbesatzung;
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Ein städtisch Meisterlein mir »Wohlsein« bot.
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Ein runzlig Häufchen Arbeit, krumm von Sorgen,
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Nur froh für jetzt: »Gell Sie? Ein prächtiger Morgen!
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Wenn man das ganze Jahr sich plagt und müht ...
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's ist eine Freude, wie das wächst und blüht!«

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Bald kamen neue durstige Gemüter;
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Ein Herr mit frühlingslichtem Töchterlein.
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Sortierten die botanisierten Güter
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Und aßen Käs' und tranken weißen Wein.
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Juchhei, das schönste Kind am schönsten Tage!
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Die Wirkung spürt' ich schon am Herzensschlage,
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Ein Augenspiel hub an verführerisch,
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Zitronenfalter tanzten um den Tisch ...

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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