Heut haben sie den Winter verbrannt

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Karl Henckell: Heut haben sie den Winter verbrannt Titel entspricht 1. Vers(1896)

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Heut haben sie den Winter verbrannt;
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In höllischen Flammen stand
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Der Tannzweighügel. Funken flogen
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Rosasprühend. Rauchwolken zogen,
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Schmutzgrau aufwirbelnd. Hoch auf der Stangen
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Die Puppen wollten nicht Feuer fangen.
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Aber jetzt ein Knall. Leuchtkugeln stiegen,
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Die Puppen huben an, sich zu wiegen,
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Von Glut gekrümmt und gefoltert,
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Nickten sie stumm sich zu –
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Lichterloh sind sie heruntergepoltert
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Und verkohlt im Nu.
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Um das Freudenfeuer im Kreise
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Zogen die »Zünfte« nach Ahnenweise,
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Zwar heut alles nur Spiel und Schein,
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Muß doch jährlich gezunftet sein.
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Meistens »bessere« Züricher Herrn,
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Die da mit Zange und Knieriem marschierten,
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Unter dem blauen Vergnügungsstern
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Sich gewerkschaftlich amüsierten.
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Käseblaß Schneiderlein neben mir,
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Eben mit Frau und Kind noch gekommen,
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Lächelte trüb ob der sauberen Zier
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Dieser fröhlichen Innungsfrommen.
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Und die »Schneider« schwangen die Scheren,
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Tanzten wie Ziegenböcke vorbei,
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Und den Amboß, den zentnerschweren,
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Schleppten der stattlichen »Schmiede« drei.
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»bäcker« in mehlweißen Schürzen,
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Schulternd mit Brezeln und Brot,
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»kaufherrn« mit Safran und Würzen
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Schlugen den Winter feierlich tot.
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»wenn ich an meinem Amboß steh
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Und hämmre lustig drein« –
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Rot wehte der Flammberg in die Höh,
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Becken und Pauken schmetterten ein.
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Und das neugierige Publikum
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Bummelt' in hellen Haufen herum.
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Mädchenaugen noch einmal so keck,
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Verliebten Mäusen der wahre Speck.
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Schau! am Bäumchen zu meiner Seiten
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Lehnten zwei Schwestern – Halleluja!
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Da soll einen der Teufel nicht reiten –
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Nektar und Ambrosia!
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Äste prasselten laut zusammen,
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Grünlich ringelten sich die Flammen.
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Zu der fröhlichen Frühlingsmette
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Schimmerte hell die Alpenkette ...
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Lenzfrohes Lachen ... Teterete!
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Bekränzte Nachen tanzten im See ...
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Und die Züricher kreuzfidel
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Spritzten ins Feuer der Freuden Öl.
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Während der Mond aus blauen Fernen
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Silberglanz auf die Türme goß,
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Zogen die Zünfte mit Buntlaternen
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Einzeln herum zu Fuß und zu Roß.
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Immer von einem Zunfthaus zum andern
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Mit Musik marschierend im Schritte,
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Kommen und Holen, Reden und Wandern,
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Grüßen, Zutrinken nach alter Sitte.
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Freudenhäuser von vorn bis zuletzt
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Krabbeldicht alle Türen besetzt.
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Vier Polizisten leibwachten einen
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Epileptischen Trunkenbold,
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Kläglich fing der Mensch an zu weinen,
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Daß er mit auf die Wache sollt'.
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Aus allen Schenken Klaviergeklimper:
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»ach, ich hab' sie ja nur auf die ...« Lärm und Geschrei.
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Harmonikaquieken, Gitarrengestümper ...
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So ging der Winterkehraus vorbei.
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Juchzer knatterten wie Raketen
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Durch die ganze geschlagene Nacht,
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Und von Trommeln und Trompeten
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Bin ich am Morgen noch aufgewacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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