Vagabunden

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Karl Henckell: Vagabunden (1896)

1
In rauchiger Kneipe – hollaho! –
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Kauern vier Vagabunden.
3
Ihr Maul ist frech, ihr Witz ist roh,
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Sie versaufen die dämmernden Stunden.

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Die Lampe schmaucht und brennt so trüb,
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Als glömme sie über Leichen.
7
Den Kerlen ist das Zwielicht lieb,
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Der Wirt muß Branntwein reichen.

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Sie leeren die Gläser, der Schnaps heizt gut,
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Das brennt wie flüssige Flammen –
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Hei, wie siedet im Leibe das Blut!
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Sie rücken dichter zusammen.

13
»was nützt der Ollen das viele Geld,
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Gehamstert im rostigen Kasten?
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Man lebt nur einmal auf der Welt,
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Zu sauer schmeckt dies Fasten.

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Nicht länger lungern wir so umher,
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Geknufft wie räudige Hunde,
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Den Magen leer, die Taschen leer,
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Elende Vagabunden.

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Wir wollen Braten, Weiber und Wein ...
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Was soll der lausige Bettel?
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Wir schlagen dir schön den Schädel ein,
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Du giftige, geizige Vettel!«

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Der eine flucht, der andere grinst,
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Zwei nicken schwer mit der Stirne,
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Blutlache vor ihren Blicken glinst
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Mit ausgespritztem Gehirne.

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Hu, wie sie schwanken und torkeln hinein
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Und schlürfen Blut ohn' Ende!
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Der Schnaps wird Blut, das Blut wird Wein –
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Sie schütteln die zitternden Hände.

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»auf morgen nacht! Verrat heißt Tod!
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Wirt, auf! Wen's trifft, steht Schmiere.«
35
Den Himmel rändert das Morgenrot,
36
Lichtscheu hintaumeln die Viere.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Karl Henckell
(18641929)

* 17.04.1864 in Hannover, † 30.07.1929 in Lindau

männlich, geb. Henckell

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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