Lieber alter Freund, gedenkst du

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Paul Heyse: Lieber alter Freund, gedenkst du Titel entspricht 1. Vers(1872)

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Lieber alter Freund, gedenkst du
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Unsrer Sorrentiner Tage,
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Da wir in der Rosa magra,
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Jener billigen, bescheidnen
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Künstlerherberg' alten Stiles,
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Traulich hausten Tür an Tür?

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Du, von Capri erst gelandet,
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Da wir kaum in rotem Landwein
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Uns den Willkomm zugetrunken,
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Gabst des Säckinger Trompeters
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Erst Kapitel mir zum besten,
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Frischgedichtet in Paganos
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Palmenschatten; ich dagegen
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Ließ dich sehn die Arrabbiata,
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Kaum noch von der Tinte trocken.
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(lest Ihr eine Predigt? fragt' uns
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Die Luisa, die von anderm
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Mündlich feierlichem Vortrag,
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Von Gedichten und Novellen
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Nie ein Sterbenswort gehört.
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Und wir lachten.) Sacht inzwischen
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Hatte sich Laurellas Urbild,
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Jener braune, fünfzehnjähr'ge
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Wildfang, bei uns eingeschlichen.
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Einen Rosenstrauß in Händen
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Raste sie um Tisch und Stühle,
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Keines heft'gen Zurufs achtend,
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Bis ich bei den schwarzen Flechten
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Sie ergriff; da fletschte wild sie
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Ihre blanken Katzenzähne,
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Mich mit scharfem Biß bedrohend,
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Wenn ich etwa hinterm Gitter
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Des Balkons sie zähmen wollte;
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Aber plötzlich sich besinnend
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Warf sie ins Gesicht den Strauß mir
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Und entsprang mit hellem Schrei.

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Draußen war indes der Vollmond
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Rot am Horizont erglommen,
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Hatte bald um Strand und Gärten
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Ausgespannt sein weiches Goldnetz,
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Das die Seelen magisch einfängt,
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Und hinaus zum offnen Söller
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Lockt' uns seine Zauberpracht.

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Welche Nächte! Welche Wonnen!
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Über allen Zauber Jugend!
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Weit hinaus im Glanz verduftend
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Schwamm das Meer; die eigne Zukunft
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Schien uns wie ein Wundereiland
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Fern emporgetaucht zu grüßen,
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Und wir standen, starrten, staunten,
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Bis vom Wind gewiegt das letzte
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Ritornell am Strand verstummte
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Und der Schlaf, der Freund der Jugend,
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Uns auf hartem Bett umfing.

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Hart wohl in der Rosa magra
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War das Lager, hart zuweilen
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Das
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Doch die Herzen weichgeschaffen
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(
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Klang Luisas biedrer Wahlspruch),
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Und wir lebten so vergnüglich,
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Wie ich dies in den Idyllen
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Von Sorrent hernach des Breitern,
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Nur vielleicht zu offenherzig,
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Beichtet' einem günst'gen Leser,
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Einer strengen Leserin.

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Kürzlich nun, nach fünfundzwanzig
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Langen süß' und bittren Jahren,
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Da im Zauberland der Jugend
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Ich gesucht ein Leidasyl, –
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Gleich des herzlichen Genossen
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Jener Tage mußt' ich denken,
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Wie auch er aus andern Augen
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Heut in Meeresweite blicken,
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Wie auch er mit anderm Herzen
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Grüßen würde diesen Strand.

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Zwar den groß' und kleinen Hafen,
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Die gewundne Treppensteile,
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Grau und schlüpfrig, fändst du wieder,
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Fändst die wohlbekannten schmalen,
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Mauerschluchtig dunklen Gassen
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Noch wie damals von Gerüchen –
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Stockfisch, Öl, Johannisbrotfrucht –
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Hexenküchenhaft durchduftet;
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Noch wie damals auf den Schwellen,
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Loggien, Mäuerchen, Balkonen
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Braune Weiber, wockenschwingend,
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Ihre nackten, funkeläugigen
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Kinder säugend oder kämmend,
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Mit dem Ruf:

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Nur die großen Fremdenfallen,
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Die Hotels, an allen Ecken
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Sind sie mächtig aufgeschossen,
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Daß die schmächt'ge Rosa magra
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Vollends schamhaft sich verkriecht.
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Dann die Piazza – traun, du kenntest
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Einzig an der Schlucht sie wieder,
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Die von Brücken überwölbet
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Schauerkühl zum Meer hinabsinkt.
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Ringsumher stehn neue Häuser;
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Auf dem Ehrenplatz inmitten,
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Unter Kutschern, Eseltreibern,
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Müßig lungerndem Gesindel,
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Tassos weißes Marmorstandbild,
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Halb ein Landsknecht, halb ein Geck.

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Armer Dichter! Noch im Tode
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Spürt' er seines Unsterns Walten,
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Und von allen Marmorstümpern
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Fiel dem Gröbsten er anheim!

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Doch genug von toten Steinen!
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Unser Herz gehört Beseeltem,
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Menschen unser Angedenken.
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Zwar, die Menschen, wenn nicht zeitig
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Von der Bühne sie verschwinden,
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Tauschen seltsam oft die Rollen.
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Aus dem Helden wird zuweilen
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Ein Philister, feig und schäbig,
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Aus Naiven tragische Mütter,
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Aus dem
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Ein moroser alter Narr.

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Besser fand ich's hier im ganzen.
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Freilich, aus der Rosa magra
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War die Mutter weggestorben,
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Weggezogen alle Kinder,
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Nur Gennaro, der als Jüngster
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Damals noch im Hemd herumlief,
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Hält mit seinem jungen Weibe
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Aufrecht ihres Hauses Ruhm.
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Doch Luisa heimzusuchen,
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Mußten wir nach Meta wandern,
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Wo sie, eines Stubenmalers
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Ehweib, mit der einz'gen Tochter
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(ganz ihr Abbild!
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Haust in mäßigem Behagen
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Und ein Farbenlädchen hält.

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Gab sie den Besuch uns wieder,
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Kam mit Mann und Kind und Schwester,
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(die in feurig süßem Wein sich
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Einen Spitz trank,
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Und viel tausend Grüße soll ich
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Dir bestellen, Don Pepino,
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Und sie wußten noch den kleinsten
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Umstand jener alten Zeit.

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Auch die Arrabbiata fand ich,
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Da sie just im Hof am Ziehbrunn
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Wasser schöpfte. Näher tretend
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Bat ich: Reicht mir auch zu trinken!
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Und so übern Krug hinüber:
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Kennt Ihr mich nicht mehr, Laurella?
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(selbst erkannt' ich kaum die alten
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Übermüt'gen Züg' im breiten,
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Ruhigen Matronenantlitz.)
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Doch sie wiegt' ihr Haupt verneinend,
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Noch im Schmuck der schwarzen Flechten,
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Dran ich damals sie gezügelt,
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Und erzählte mir, wie vieles
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Unterdes sich zugetragen,
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Wie sie ihren Mann gefunden
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Und verloren, sieben Kinder
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Ihm geboren, vier begraben,
161
Nur zwei Mädchen noch im Hause
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Und der Sohn ein rüst'ger Schiffer.
163
Wahrlich, sieben Kinder löschen
164
Wohl der eignen Kinderpossen
165
Angedenken in dem Herzen
166
Eines schlichten Weibes aus.

167
Und wir reichten uns die Hände;
168
Auch die beiden Mädchen kamen,
169
Schön und schlank herangesprossen,
170
Zahmer als die Mutter damals,
171
Und mit stillem Segenswunsche
172
Schritt ich aus dem stillen Haus.

173
Doch auf deinen Lippen lang schon
174
Seh' ich eine Frage schweben
175
Nach der Lieblichen, der Liebsten,
176
Jener stillen, schöngeäugten
177
Jungen Nachbarin, die damals
178
Schwesterlich das Herz mir rührte,
179
Ihres auch mir freundlich neigte,
180
Sehr unschuldig. Waren beide
181
Herzen doch in festen Händen,
182
Beide, wie in Ferienlaune,
183
Wärmten sich an fremdem Feuer,
184
Bis die Scheidestunde schlug.

185
Wohl! auch Mariuccia fand ich,
186
Noch im alten finstren Häuschen,
187
Täglich am Balkone sitzend,
188
Träumrisch, ihr Gestrick in Händen
189
Und beträchtlich stark geworden,
190
Um sie her ein schwirrend, gurrend,
191
Glucksend Volk von Hühnern, Tauben,
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Auch ein Kätzchen im gebräunten
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Lehnstuhl kauernd; rings die Wände
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Rauch- und staubgeschwärzt; die alten
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Möbel dürftig, blind das Spieglein
196
An der Wand, vergilbt die bunten
197
Heil'genbilder überm Bette,
198
Daß beklommen, da ich eintrat,
199
Sich das Herz zusammenzog.

200
Und ich saß ihr gegenüber,
201
Und wir suchten eins im andern
202
Die entschwundne Jugend wieder.
203
Sag mir, Mariuccia, fragt' ich,
204
Warum bist du einsam blieben?
205
Angiolinas Onkel, weißt du,
206
Jener schlanke Apotheker,
207
Warst du nicht mit ihm versprochen?
208
Und er liebte dich, und du auch
209
Liebtest ihn

210
Im nächsten Jahre,
211
Sprach sie still, ist er gestorben,
212
Und seitdem Ihr weggegangen,
213
Ist kein andrer mehr gekommen,
214
Mariuccia schön zu finden.
215
Seht, ich bin's auch nicht geblieben;
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Wer betrübt ist, altert frühe.
217
Und nun führ' ich meinem Bruder
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Hier das Haus seit manchem Jahre.
219
An Gesellschaft ist kein Mangel,
220
Wie ihr seht; ich bin genügsam.
221
Immer seh' ich vom Balkone
222
Einen Tag dem andern folgen,
223
Bis zuletzt der letzte kommt.

224
Fünfundzwanzig lange Jahre,
225
Nicht voll süß' und bittrer Stunden,
226
Liebeleer, in ödem Gleichmaß,
227
Statt von holden Kinderlauten,
228
Nur umschwirrt von Vogelstimmen,
229
Ach, und das ein Menschenleben?
230
O Mariuccia, armes Herz!

231
Und wir reichten uns die Hände,
232
Und ich sah auf mir die schönen
233
Junggebliebnen Augen ruhen
234
Ohne Wunsch und ohne Klage,
235
Und mit tiefbewegter Seele
236
Schritt ich aus dem stillen Haus.

237
Abends, da mit meiner Liebsten
238
Ich im Dante las – dem kleinen
239
Exemplar, das du mir scheidend
240
In Sorrent zurückgelassen,
241
Noch am Rand die Spuren deines
242
Hermeneutischen Bemühens –
243
Und der Mond durch der Oliven
244
Zartes Silberlaub hereinsah,
245
Und wir an die Stelle kamen,
246
Wo Francesca seufzt: Es ist kein
247
Größrer Schmerz, als sich im Leid auf
248
Altes Glück zurückbesinnen! –
249
Plötzlich aus den Händen gleiten
250
Ließ ich stumm das Buch; im Sessel
251
Lehnte sich mein Weib zurücke,
252
Und ich sah, wie große Tropfen
253
Schwer ihr aus den Wimpern quollen.
254
Woran dachten wir? O Teurer,
255
Still davon! Es soll der Wehmut
256
Dunkler Kelch nicht überfließen.
257
Birgt doch auch geheime Süße
258
Alten Glückes treu Erinnern.
259
Des zum Zeichen, von der Küste
260
Napolis, der lebensfrohen,
261
Trag' im Winter dieses Blatt dir
262
Einen Hauch des Südens zu!
263
Neapel, November 1877

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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