Ein Schatten

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Paul Heyse: Ein Schatten (1896)

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Die letzten sind gegangen, das Geschwirr
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Der Stimmen drauß' im Vorplatz ist verhallt,
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Die Haustür fiel ins Schloß, und Wagenrollen
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Tönt von der Gass' herauf.
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Die Hausfrau geht
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Umher und öffnet alle Fenster weit
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Der balsamreichen Nachtluft. Dann zum Gatten,
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Der stumm im Sessel ruht, zurückgekehrt,
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Streicht sie ihm leise mit der weichen Hand
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Die Stirne: Dir ist heiß. Es war ein wenig
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Zu viel des Zigarettendampfs. Doch sonst
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War's, wie mir scheint, recht hübsch. Sie waren alle
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Sehr munter und gesprächig, unsre kleine
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Hausnachtigall besonders gut bei Stimme,
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Das Essen gut, und meine Bowle –
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Hm!
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Die schien mir nur zu süß.
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Meinst du? Ei nun,
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Doch fand sie Beifall und ward ausgetrunken
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Bis auf den kleinen Rest. Dir aber, Liebster,
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Hab ich's wohl angesehn, daß etwas Bittres
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Dir auf der Zunge lag, und grade bei
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Dem Lied des Orpheus, das du sonst so liebst,
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Fiel dir ein düstrer Schatten auf die Stirn.
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Wie wandelte so plötzlich diese Schwermut
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Dich an?
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Er blickt versonnen vor sich hin,
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Nur drei Sekunden. Dann erhebt er sich,
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Und seinen Arm um ihren Nacken legend,
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Komm! sagt er. Laß uns auf und nieder gehn.
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Jawohl, es war recht hübsch, und eben darum –
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Du hast ganz recht gesehn: mich überfiel's
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Unheimlich, just da Orpheus Furien
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Beschwor und Larven, in die Unterwelt
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Ihn einzulassen. Da zufällig blieb
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Mein Blick am Bilde meines Vaters hängen,
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Das von der Wand mich ansah. Und da war's
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Verwundersam: ich glaubt' ihn selbst zu sehn,
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Die sinnend edlen Augen fest auf mich
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Gerichtet – oh! du hast ihn nicht gekannt!
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Er war der Liebenswerteste der Menschen,
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Von jugendlicher Zartheit des Gefühls
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Und hohem Freiheitssinn, ein ganzer Mann,
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Ein tapfrer Dulder, seiner Pflichten Joch
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Klaglos durchs Leben schleppend. Und zu allem
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Das frühe Kranken, das ihn uns entriß,
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Eh' er sich ausgelebt, da er so viel
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Des Freudigsten noch zu erleben hatte.
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Wie oft, wenn mir ein Glück beschieden ward,
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Ein fröhlicher Erfolg – den er mir immer
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Geweissagt – trübte mir's die frische Freude,
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Daß ich mit ihm sie nicht mehr teilen sollte!
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Und Reue fühlt' ich, wie so oft, auch heut,
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Daß ich ihm alle Lieb' und allen Dank
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Nicht wärmer noch und inniger ausgesprochen,
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Ihm nicht gesagt, wie alles Beste, was
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Ich in mir trug, nur sein Vermächtnis sei,
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Aus seinem Blut entsproßt – und da begann
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Des Orpheus Lied, das den geliebten Schatten
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Heraufbeschwört, und in mir sprach's: So wird
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Kein Zaubersang, mein Vater, von den Schatten
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Dich auferwecken, daß du deines Sohns
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Gesegnet Leben teilst, von allen Seinen
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Geliebt, geehrt, daß du das Beste, was
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Ihm sein Geschick gegönnt hat, diese Frau
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Mit Augen sähest, die, wie ich dich kannte,
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Auch dir das ganze Herz gewonnen hätte.
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Denn dich unwiederbringlich hält die Nacht
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Der Unterwelt und keines Eros Gunst
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Kann dich zurück uns bringen.
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Findest du's
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Noch wundersam, Geliebte, daß ein Schatten
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Auf meine Stirne fiel und daß der Trank,
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Den du uns botest, mir zu süß erschien?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Paul Heyse
(18301914)

* 15.03.1830 in Berlin, † 02.04.1914 in München

männlich, geb. Heyse

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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