Jürgen, der Jäger, ging über die Heide

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Hermann Löns: Jürgen, der Jäger, ging über die Heide Titel entspricht 1. Vers(1890)

1
Jürgen, der Jäger, ging über die Heide,
2
Zwischen Mond und Sonne ging er hin,
3
Seine Augen träumten in die Ferne,
4
Nach seinem Traume stand sein Sinn,
5
Dem Traum, wie ein Schatten über dem Wasser,
6
Dem Traum, wie ein Eiland im Nebel fern;
7
So ging er hin, den Mond zur Rechten
8
Und linker Hand den guten Stern.

9
Er ging vom Morgen bis zum Mittag
10
Durch grüne Marsch und gelbes Moor,
11
Und ging von Mittag bis zum Abend,
12
Und als die Sonne die Kraft verlor,
13
Trat er in eine hohe Heide
14
Und blieb tief atemholend steh'n;
15
Er war in seinem fernen Traume,
16
In dem er sich die Nacht geseh'n.

17
Da waren sieben schwarze Fuhren
18
Geordnet in einem engen Kreis,
19
Da waren sieben schwarze Machangeln,
20
Düster oben und unten greis,
21
Da waren sieben blanke Bäche,
22
Nach sieben Seiten sprangen sie schnell:
23
Und waren sieben große goldne
24
Blumen gestellt um den Siebenquell.

25
Jürgen, dem Jäger, flog der Atem
26
Und seine Brust ging tief und schwer,
27
Es ging ein Rauschen über die Heide
28
Und ein Lachen flog von ihr her,
29
Ein silbernes Kichern, ein goldenes Lachen,
30
Wie Rotkehlchenlied und Nachtigallsang;
31
Jürgen, der Jäger, duckte im Schatten,
32
Sein junges Herz in der Brust ihm sprang,

33
Da waren sieben große Schlangen,
34
Sieben Zauberschlangen, schön und schlank,
35
Schimmernd in sieben hellen Farben,
36
Sieben Farben, blitz und blank,
37
Sie tranken vom Siebenquell das Wasser
38
Mit ihren roten Züngelein,
39
Und waren nicht mehr sieben Schlangen,
40
Sieben schöne Fräulein mußten es sein.

41
Jürgen, der Jäger, schlich wie der Fuchs schleicht,
42
Schnell wie der Habicht griff er hin,
43
Von den sieben blanken Natternhemdchen
44
Das silberweiße war sein Gewinn;
45
Und er rief das Wort, das rosenrote,
46
Das er gerufen die letzte Nacht,
47
Als er aus seinem bunten Traume
48
Mit heißen Lippen war erwacht.

49
Sieben Jungfernschreie gellten schneidend
50
In die Abendstille hinein,
51
Sieben rosige Fräulein haschten jammernd
52
Nach ihren Natternhemdelein,
53
Zweimal drei Nattern von dannen rauschten,
54
Sechs Zaubernattern, schön und groß;
55
Die allerschönste, siebenmal schönste,
56
Die schlug die Hände vor Brust und Schoß.

57
In Jürgen des Jägers weißem Hause
58
Singt eine Stimme den ganzen Tag,
59
In Jürgen des Jägers buntem Garten,
60
Da klingt's wie Nachtigallenschlag,
61
Und singt drei Monde und zweimal dreie,
62
Und als der neunte Mond zersprang,
63
In Jürgen des Jägers weißem Hause
64
Eine helle kleine Stimme erklang.

65
Und jedes Jahr eine neue Stimme,
66
Ein Kind mit Haaren, gelb und hell,
67
Wie die sieben großen goldnen Blumen,
68
Die da blühen um den Siebenquell;
69
Sieben schöne Jahre, sieben schöne Kinder,
70
Es klingt wie vieler Vöglein Schlag
71
In Jürgen des Jägers weißem Hause
72
Den ganzen lieben langen Tag.

73
Es rief eine Eule am hellen Mittag,
74
Es kam in das Land ein falsches Wort,
75
Es fiel ein Reif auf die Maienblüten,
76
Sie sind verwelket und verdorrt;
77
Ein bleicher Mann in schwarzer Kutte,
78
Ein Hexenbrenner, zog um im Land,
79
Flugfeuer war seines Mundes Rede,
80
Das steckte die stille Heide in Brand.

81
Es ging ein Flüstern von Hof zu Hofe
82
Und ging ein Raunen von Tor zu Tor,
83
An Jürgen des Jägers weißem Hause
84
Rankten sich giftige Blumen empor:
85
»die Frau ist anders als unsere Frauen,
86
Die Kinder sind schöner als unsere sind,
87
Sie werden ohne Wehen geboren,
88
Giftsamen ist es, den hertrieb der Wind.

89
Wenn die Blitze über die Heide fahren,
90
Steht sie am Tore und lacht und singt,
91
Und Helle heißt sie; das ist ein Name,
92
Der nach geheimen Künsten klingt.«
93
Es flogen Blicke wie blanke Blitze,
94
Es fielen Worte voll Haß und Wut,
95
Es ballten Hände sich zu Fäusten,
96
Es roch die Luft nach Brand und Blut.

97
Jürgen, der Jäger, geht über die Heide,
98
Mit Beute beladen, und hinter ihm geht
99
Sein Sohn, stolz trägt er auf der Schulter
100
Des Vaters Weidewerksgerät;
101
Jürgen des Jägers Augen sind dunkel
102
Und fest geschlossen ist sein Mund,
103
Um die siebente Stunde heulte zum Himmel
104
Lange und bange sein treuer Hund.

105
Jürgen des Jägers Augen fliegen
106
Seinen schnellen Schritten voraus,
107
Sie suchen hinter dem Abendnebel
108
Am braunen Berge das weiße Haus;
109
Ein breiter Rauch steht an dem Himmel,
110
Eine schmale Flamme darunter weht;
111
Jürgen dem Jäger stockt der Atem,
112
Das Herz in der Brust ihm stille steht.

113
Was schleicht durch die Gassen und horcht an den Türen,
114
Was huscht auf dem Hofe und lauscht an der Wand,
115
Was ruschelt am Zaune und raschelt im Garten
116
Und rückt an dem Riegel mit heimlicher Hand?
117
Jürgen der Jäger ist auf der Pirsche,
118
Bittreres Weidewerk übte er nie,
119
Eine liebe Stimme hörte er weinen,
120
Eine liebe Seele nach ihm schrie.

121
Es klingt die Stimme aus tiefem Zwinger:
122
»eia, popeia, schlaf' süß, mein Kind,
123
Eia popeia, es rief eine Eule,
124
Dein Vater weiß wohl, wo wir sind;
125
Suse la suse, ihr Kindelein schlafet,
126
Fest ist das Gitter, hart ist der Stein,
127
Suse la suse, wo sind geblieben
128
Die sieben Natternhemdelein?«

129
Es steht eine Weide am tiefen Borne,
130
Ihr silbernes Laub beweget der Wind,
131
In ihrem hohlen Leibe verborgen
132
Acht weiße Natternhemdchen sind;
133
Ein großes und sieben klimperkleine,
134
In jedem Jahr eins der Baum empfing,
135
Wenn in dem weißen Hause am Berge
136
Wieder einmal die Wiege ging.

137
»o Weide, Weide, vieledle Zierde,
138
O Weide, Weide, ich bitte dich sehr,
139
Ich bitte dich auf meinen Knieen,
140
In meinem Herzeleid komme ich her;
141
Du sollst auch essen, was wir haben,
142
Und trinken sollst du, so gut wie wir,
143
O Weide, Weide, vieledle Zierde,
144
Gib sieben Natternhemdchen mir!«

145
Acht Pfeile kommen angeflogen,
146
Die geben alle hellichten Schein,
147
Um jedes Spitze ist gewunden
148
Ein blankes Natternhemdelein.
149
»eia popeia, ihr Kindelein kommet,
150
Suse la suse, und machet euch fein,
151
Es schrie eine Eule vor dem Gitter
152
Und brachte uns unsere Hemdelein.«

153
Jürgen der Jäger weint blutige Tränen,
154
Acht blanke Nattern entschlüpfen dem Grund,
155
Er küßt eine jegliche sieben Male,
156
Doch siebenmal sieben der einen Mund;
157
Acht Nattern rauschen über die Straße,
158
Wer weiß, wohin? Wo der Nachtwind weht;
159
Wo Jürgen der Jäger ging über die Heide,
160
Das Blut im grauen Moose steht.

161
Jürgen der Jäger geht über die Heide,
162
Zwischen Mond und Sonne geht er hin,
163
Seine Augen träumen in die Ferne,
164
Nach seinem Traume steht sein Sinn;
165
Dem Traum, wie ein Schatten in der Sonne,
166
Dem Traum, wie ein Eiland im Nebel fern,
167
Ein rotes Licht im schwarzen Moore,
168
Am düsteren Himmel ein blutiger Stern.

169
Er geht über Sümpfe, schwarz wie die Sünde,
170
Und über Moore, fahl wie der Tod,
171
Und über weite, breite Heiden,
172
Still wie die Nacht, wie Blut so rot;
173
Er tritt in eine greise Ödnis
174
Und bleibt tief atemholend steh'n,
175
Er ist in seinem fernen Traume,
176
In dem er sich die Nacht geseh'n.

177
Da ist ein Himmel, schwarz und schrecklich,
178
Rote Raben fliegen darunter her,
179
Da ist ein Wasser, tief und schlammig,
180
Das fließt so träge und so schwer,
181
Da ist ein schwarzes Zaubereiland
182
Mit einem Schloß, wie Gift so grün,
183
Da ist ein dumpfer, dunkler Garten,
184
In dem viel bleiche Blumen blüh'n.

185
Durch sieben Höfe geht Jürgen der Jäger,
186
Durch den weißen und gelben und blauen hin,
187
Hört nicht die Raben, sieht nicht die Schlangen,
188
Nach seinem Traume steht sein Sinn;
189
Geht durch den roten Hof und den grünen
190
Und durch den Hof, wie Heidmoos grau,
191
Mit den großen grauen Totenblumen,
192
Gefüllt mit grauem Todestau.

193
Es schreien und kreischen die roten Raben,
194
Die giftigen Schlangen werden laut,
195
Ihn kümmert kein Kreischen und kein Zischen,
196
Seinen schwarzen schweren Traum er schaut;
197
Die hohe Halle, tot und schweigend
198
Wie eine schwarze Winternacht,
199
Und dennoch laut von leisen Stimmen,
200
Und dennoch hell von dunkeler Pracht.

201
Es sitzt auf ihrem gold'nen Throne
202
Die böse Otternkönigin,
203
Es winden sich um ihre Füße
204
Acht blanke weiße Nattern hin,
205
Acht schöne schlanke weiße Nattern,
206
Die eine groß, die andern klein,
207
Die Natternmutter und sieben kleine
208
Feine Natternkindelein.

209
Es schreien und kreischen die roten Raben
210
Unter dem schwarzen Himmel hin,
211
In bösem Brande glimmern und flimmern
212
Die Augen der Otternkönigin;
213
Sie zischt ihm hellen Hohn entgegen,
214
Heischt gierig Lohn und Lösegeld:
215
»dein rotes Herz mußt du mir lassen,
216
Du hast ja sonst nichts auf der Welt!

217
Das Herz, das Herz, das rote Herze,
218
Das heiße Herz aus deiner Brust,
219
Ein Otternherz kennt keine Wonne,
220
Ein Menschenherz ist voller Lust!«
221
Die Raben hören auf zu rufen,
222
Die giftigen Schlangen zischen nicht mehr,
223
Jürgen der Jäger geht über die Heide,
224
Die große Otter lacht hinter ihm her.

225
Auf Jürgen des Jägers weißem Hause,
226
Da schreit die Eule jedwede Nacht,
227
In Jürgen des Jägers buntem Garten
228
Keine frohe Stimme singt und lacht;
229
Die Kinder spielen scheu und heimlich
230
Das Spiel von dem verlor'nen Herz;
231
In Jürgen des Jägers weißem Hause,
232
Da weht die Luft nur Leid und Schmerz.

233
Jung Ebert faltet seine Brauen,
234
Langt von der Wand des Vaters Wehr;
235
Die Nacht ist ihm ein Traum erschienen,
236
Ein Traum, so schön und groß und schwer;
237
Jung Ebert schreitet über die Heide,
238
Zwischen Mond und Sonne geht er hin,
239
Seine Augen gehen grade Wege,
240
Ein schwarzer Traum liegt ihm im Sinn.

241
Er geht durch Moore, schwarz wie die Sünde,
242
Und geht durch die Brüche, fahl wie der Tod,
243
Und durch die weiten breiten Heiden,
244
Still wie die Nacht, wie Blut so rot;
245
Und findet zu dem toten Bache
246
Und nach dem Schloß, wie Gift so grün,
247
Und durch den dumpfen dunklen Garten,
248
In dem die blassen Blumen blüh'n.

249
Er geht durch die sieben bunten Höfe
250
Und tritt in die schwarze Halle ein,
251
Die Augen der Otternkönigin sprühen
252
Entgegen ihm mit rotem Schein;
253
Jung Eberts Augen fröhlich lachen,
254
Sie lachen, wie bei Spiel und Scherz,
255
Im Leibe der Otternkönigin leuchtet
256
Warm und rot das verlorene Herz.

257
»das Herz, das Herz, das rote Herze,
258
Das heiße Herz aus deiner Brust,
259
Ich will dir geben, was ich habe,
260
Aber das Herz du lassen mußt!«
261
»willst du das Herz, das rote Herze,
262
Was gibst du Lohn und Lösegeld?«
263
»dein junges Herz mußt du mir geben,
264
Du hast ja sonst nichts auf der Welt!«

265
Jung Ebert lacht ihr in die Augen:
266
»mein junges Herz bleibt immer mein,
267
Mein rotes Herz hört Vater und Mutter,
268
Und nie soll es dein eigen sein!«
269
Es kreischen und schreien die roten Raben,
270
Eine blanke Klinge blitzt und blinkt,
271
Auf der Otternkönigin Scheitel klirrend
272
Der rote Karfunkelstein zerspringt.

273
Jung Ebert schreitet über die Heide,
274
Zwischen Mond und Sonne geht er hin,
275
Seine Augen gehen gradenweges
276
Zu dem weißen Hause am Berge hin;
277
Er singt eine alte Jägerweise
278
Über das rote Heideland,
279
Das rote Schwert trägt seine Rechte,
280
Das rote Herz seine linke Hand.

281
Vor Jürgen des Jägers weißem Hause
282
Schreit keine Nacht die Eule mehr,
283
In Jürgen des Jägers weißem Hause
284
Ist keine Brust mehr tot und leer;
285
Es singen viele helle Stimmen
286
Von früh dort bis zum späten Tag,
287
In Jürgen des Jägers weißem Hause,
288
Da klingt's wie Nachtigallenschlag.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Hermann Löns
(18661914)

* 29.09.1866 in Chełmno, † 26.09.1914 in Loivre

männlich

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.