Die blaue Flamme

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Hermann Löns: Die blaue Flamme (1890)

1
Im Bornbusch wohnt eine Nachtigall,
2
Die singt im Jahr ein einziges Mal,
3
Singt nur in einer Sommernacht,
4
Und was sie singt, ist Leid und Qual.

5
Die Bäume, die im Bornbusch stehn,
6
Ihr Flüstern ist wie Todeswehn,
7
Ihre Zweige kreischen gellend,
8
Wenn nachts die Winde wehn.

9
Die Blume, die im Bornbusch blüht,
10
Das ist ein bitterböses Kraut;
11
Ihre Blätter sind mit Blut besprengt,
12
Ihre Blüten mit Gift und Galle getränkt
13
Und mit kaltem Schweiß betaut.

14
Der Bach, der aus dem Bornbusch quillt,
15
Ist klar wie Glas und kalt wie Eis;
16
Kein Fisch in seinen Fluten lebt,
17
Kein Vogel an seinem Ufer schwebt,
18
Sein Grund ist leichenlakenweiß.

19
Der Weiher, in dem der Bach ertrinkt,
20
Ist uferlos und ohne Grund;
21
Blutrote Blumen ihn umblühn,
22
Blutfäden seine Flut durchziehn,
23
Es stöhnt bei Nacht sein Mund.

24
An dem Bach steht ein Machangelbaum,
25
Oben schwarz und unten grau;
26
Da liegt die Otter und sammelt Gift,
27
Da fällt nicht Regen noch Tau.

28
Seine Zweige strecken wie Finger sich,
29
Sein Stamm ist verrenkt und verdreht;
30
Kein Vogel baut sein Nest hinein,
31
Der Mensch, der dort vorübergeht,
32
Dem fällt nur Trauriges ein.

33
Im Bornbusch singt die Nachtigall
34
Blutrotes heißes Herzeleid,
35
Singt blasse kalte Todesangst
36
Und graue Hoffnungslosigkeit.

37
Der Himmel ist so tief und tot,
38
Zwei Sterne stehen darin;
39
Der eine ist rot wie Liebesglühn,
40
Der andere ist wie Gift so grün,
41
Er hat einen bösen Sinn.

42
Glühwürmer schweben langsam hin,
43
Wie Perlen aufgereiht;
44
Sie schweben still und feierlich,
45
Heben sich und senken sich,
46
Vergehn in Dunkelheit.

47
Ein Schimmel trabt von der Heide her,
48
Der ist so weiß wie der Schnee;
49
Sein Zaumzeug ist mit Gold benäht,
50
Vom Halsbug purpurn Bandwerk weht,
51
Der Sattel ist rot wie der Klee.

52
Der Nachtigall Lied zerspringt wie Glas,
53
Der Bäume Geflüster verhallt;
54
Aus der Heide kommt ein hohler Ruf,
55
Ist fern und nah, ist hier und da,
56
Ist schwach und voller Gewalt.

57
Er ist voll Angst und ist voll Stolz,
58
Ist Leben und ist Tod,
59
Es ist ein Ruf voll Mut und Lust
60
Und ist ein Schrei der Not.

61
Die Nebelfrauen schauern auf
62
Und fallen tot in das Moos;
63
Der Bornbusch schluchzt und trägt das Wort,
64
Das die Heide rief, zu dem Weiher fort,
65
Der öffnet den schwarzen Schoß.

66
Eine Flamme schlägt daraus hervor,
67
So kalt und blaß und blau;
68
Sie dreht und wiegt und windet sich,
69
Und flackert wild und feierlich;
70
Unter ihr gefriert der Tau.

71
Es glimmt kein Halm, es glüht kein Holz,
72
Wo die blaue Flamme geht,
73
Es kohlt kein Moos, es schwelt kein Gras,
74
Wo die taube Flamme steht.

75
Die blaue Flamme tanzt und springt,
76
Die Flamme lacht und singt;
77
Aus der Heide kommt ein ferner Ruf,
78
Der wie ein Stöhnen klingt.

79
Er ist wie eines Helden Schrei,
80
Den arge List verdarb,
81
Er ist wie eines Mannes Fluch,
82
Der an falscher Liebe starb.

83
An tauber, kalter Liebe starb,
84
An der sein Herz zerfror,
85
Der Weg und Steg und Ziel vergaß
86
Und sich im Sumpf verlor.

87
Ein Hornruf hallt vom Bornbusch her,
88
Ein Hund voll Freuden bellt,
89
Der Schimmel in die Kniee sinkt,
90
Den Hals er gebogen hält.

91
Es klirrt wie Brückenkettenklang,
92
Eine eiserne Pforte kracht,
93
Es schallt ein goldner Jubelruf,
94
Eine silberne Stimme lacht.

95
Es weht wie weißes Schleiertuch,
96
Es wallt und weht und winkt;
97
Der Schimmel auf die Brücke tritt,
98
Die Brücke klirrt und klingt.

99
Die blaue Flamme tanzt und springt,
100
Sie tanzt wohl her und hin;
101
Sie lacht mit ihrem roten Mund,
102
Ihre Arme sind so weiß und rund,
103
Ihre Haare sind wie blankes Gold,
104
Ihre Augen leuchten wunderhold;
105
Grüne Punkte sind darin.

106
Der rote Stern vom Himmel fällt,
107
Grün lacht es hinter ihm her;
108
Der Stern, so rot wie Liebesglühn,
109
Zerspringt und ist nicht mehr.

110
Die blaue Flamme tanzt heran;
111
Es lacht ihr roter Mund,
112
Es glüht ihr langes, goldnes Haar,
113
Es blitzt und blinkt ihr Augenpaar,
114
Ihre Arme sind weiß und rund.

115
Ein schwarzes Schweigen schwebt herab,
116
Es klirrt ein heller Schrei;
117
Ein Stöhnen webt, ein Schluchzen bebt,
118
Es bricht ein Herz entzwei.

119
Vom Bornbusch kommt ein weher Ruf,
120
Ein Ruf aus Angst und Not,
121
Am Himmel lacht der grüne Stern,
122
Der rote Stern ist tot.

123
Vom Morgen weht ein harter Wind,
124
Die blaue Flamme verlischt,
125
Der schwarze Weiher seufzt und stöhnt,
126
Ein kaltes Herz zerzischt.

127
Im fernen Dorfe kräht der Hahn,
128
Ein heller Schein erglüht;
129
Am Himmel lacht der grüne Stern,
130
Bis daß sein Licht zersprüht.

131
Die Sonne auf dem Walde steht,
132
Die Luft wird lind und lau:
133
Es blitzt in dem Machangelbusch
134
Wie Spinnegewebe im Tau.

135
Die Spinne webt dort nie ihr Netz,
136
Der Tau fällt nie dahin;
137
Es ist ein Stück vom Schleiertuch
138
Der armen Herzogin.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Löns
(18661914)

* 29.09.1866 in Chełmno, † 26.09.1914 in Loivre

männlich

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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