Pater Christoph liegt im Sterben

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Hermann Löns: Pater Christoph liegt im Sterben Titel entspricht 1. Vers(1890)

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Pater Christoph liegt im Sterben,
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Und weil immer er getan,
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Was die heilige Kirche vorschreibt,
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Sieht den Tod er ruhig an;
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Beichtet, was nicht wert der Beichte,
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Nimmt das letzte Sakrament
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Und empfiehlt die reine Seele
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In des lieben Herrgotts Händ'.

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Als die Seele schwach und elend
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Nun im dunklen Jenseits stand,
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Sie zu ihrem größten Schrecken
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Gar nicht sich zurechte fand;
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Sehr vermißte sie den Engel,
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Der den wahren Weg ihr wies,
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Und es schien ihr nicht sehr freundlich,
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Daß man sie alleine ließ.

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Und sie schwirrte hin und wieder,
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Und sie schwirrte hin und her,
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Und sie murrte und sie knurrte
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Und sie fluchte schließlich sehr:
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»dazu hat man nun auf Erden
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Sich nicht Kuß noch Kind gegönnt,
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Daß man hier nun wie ein Schwanzstern
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Köpflings in die Runde rennt.

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Über fünfzig Hexen hat man
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Zu der Hölle hinspediert,
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Alles Weinen, alles Winseln
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Hat mir nicht den Sinn gerührt;
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Und besonders bei der einen
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Kam es gar nicht leicht mich an.
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Denn man war doch jung und kräftig
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Und war schließlich auch ein Mann.

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Himmelblau war'n ihre Augen
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Und wie Sonnenschein ihr Haar,
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Und ihr Leib war schön, wie schöner
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Nicht der von Frau Venus war;
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Selbst als er zerfetzt und blutig
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Wimmernd in den Ketten hing,
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Sündlich Fühlen mir wie Feuer
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Über Leib und Lenden ging.

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Doch ich rang die Sünde nieder
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Und ich trat den Teufel tot,
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Und ich lag in meiner Zelle
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Nackt bei Wasser und bei Brot;
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Und ich betete und büßte,
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Und ich rief den Himmel an,
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Und in Hunger, Frost und Elend
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Ich den sauren Sieg gewann.

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Doch, wenn ich es recht bedenke,
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Finde ich, ich war sehr dumm,
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Daß ich selber mir die Pforte
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Schloß zu dem Elysium;
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Beten, fasten und kasteien
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Tat ich all mein Leben lang,
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Und nun wird man so behandelt,
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Und das ist dafür der Dank!«

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Und er quält sich und er härmt sich
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Drei Millionen Jahre hin,
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Hat den Himmel längst vergessen,
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Hat das Hexlein nur im Sinn;
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Hexlein mit den blauen Augen,
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Hexlein mit dem blonden Haar,
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Mit dem blütenweißen Leibe,
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Der so jung gestorben war.

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Und die arme Seele flattert
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Wimmernd vor das Höllentor;
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»laura,« ruft sie, und ein Teufel
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Nied'ren Grades tritt hervor:
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»ihre Laura, werte Seele,
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Ist hier gänzlich unbekannt.«
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Ganz verdonnert Pater Christophs
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Seele auf der Treppe stand.

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Und sie flattert wieder weiter
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Und zum Fegefeuer hin,
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Doch die Auskunft, die ihr wurde,
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Ward ihr auch nicht zum Gewinn;
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»in der Hölle keine Laura?
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Und im Fegefeuer nicht?
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Sollte sie im Himmel weilen?«
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Seufzt der ganz verdutzte Wicht.

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Zaghaft naht er sich der Pforte,
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Und er pochet scheu und bang,
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Und das Tor des Himmels öffnet
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Weit sich ihm mit hellem Klang;
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Und am Tor steht seine Laura,
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Schön wie sie auf Erden war,
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Mit den himmelblauen Augen,
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Mit dem sonnenblonden Haar.

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Und er zögert, und er dienert,
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Und er fragt: »Ist es erlaubt?
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Habe dir dein junges Leben
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Einst in blödem Wahn geraubt;
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Ich, der Pater Hexenbrenner
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Stürzte dich in Not und Qual,
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Und nun willst du meine Seele
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Führen in den goldnen Saal?«

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Doch das Hexlein lacht und alle
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Engel lachen mit im Chor,
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Und aus seiner Demantlaube
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Tritt der liebe Gott hervor;
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Und er füget ihre Hände,
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Und die Seelen küssen sich;
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Gottes Sohn, der lächelt freundlich,
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Doch der Geist spricht feierlich:

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»glaubst du denn, wir hier im Himmel
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Haben irdisches Gemäß,
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Messen eure armen Sünden
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Mit dem amtlichen Gefäß?
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Nein, wir werten nur die Liebe,
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Gab sie sich auch plump und dumm:
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Wer geliebt hat, der hat Zutritt
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Einstmals zum Elysium.«

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Und er schämt sich ganz gehörig,
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Und dann spricht er seinen Dank,
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Und dann küßt er seine Laura
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Zehn Millionen Jahre lang;
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Und die Engel stehen alle
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Dicht geschart und ihr Gesang
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Lehret ihn des Himmels Satzung,
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Die verfehlt er allzulang:

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Von dem Mond bis zu der Sonne,
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Das ist wohl ein weiter Weg,
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Von der Erde bis zum Himmel
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Führt ein ewiglanger Steg;
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Alle Reue, alle Buße
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Kürzt dir nicht des Weges Pein,
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Nur die Liebe kann dir helfen,
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Daß du gehst zum Himmel ein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Löns
(18661914)

* 29.09.1866 in Chełmno, † 26.09.1914 in Loivre

männlich

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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