Ist einer, der Judith Josephi sah

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Hermann Löns: Ist einer, der Judith Josephi sah Titel entspricht 1. Vers(1890)

1
Ist einer, der Judith Josephi sah
2
Und sein Herz blieb stumm und lau?
3
Schöner war einst in Samaria
4
Keine Hammoriterfrau;
5
Ihr Angesicht ist rot und weiß
6
Wie Linnen, getränkt in Bordeaux,
7
Ihre Augen, blau wie Ehrenpreis,
8
Sind liebessiegesfroh.

9
Im Völkermuseum ein Bildnis starrt
10
Geformt aus grauem Stein,
11
Seine kalten Züge stehen hart
12
Im warmen Sonnenschein;
13
Düster droht das hehre
14
Uralte Königsbild,
15
Seine Augen sind mit Leere,
16
Seine Lippen mit Schweigen gefüllt.

17
Judith Josephi steht vor dem Stein
18
Des großen Pharao:
19
»das soll ägyptische Bildkunst sein?
20
Ich finde es plump und roh!«
21
Einen Nasenstüber
22
Versetzt sie dem grauen Gesicht:
23
»wissen Sie was, mein Lieber?
24
Sie imponieren mir nicht!«

25
Das graue Bildnis kraust die Stirn,
26
Ein Schauder sie erschreckt;
27
»es braust mir wohl noch im Gehirn
28
Von heute Nacht der Sekt.«
29
Aber dann rauscht sie weiter,
30
Ihre seidenen Röcke weh'n,
31
Wo hell und hold und heiter
32
Die Götter der Griechen steh'n.

33
»ach ja, die Nacht war toll und lang!«
34
Die Augen werden ihr schwer;
35
Sie gleitet auf die Ruhebank,
36
Still ist es um sie her.
37
Es sinken ihre Lider,
38
Lauter ihr Atem weht,
39
Langsam auf und nieder
40
Ihre Spitzenbluse geht.

41
Längst erlosch an der roten Wand
42
Der gelbe Sonnenschein,
43
Im grauen Spinnewebegewand
44
Tritt der Abend ein;
45
Die Töne der Glocke verklangen,
46
Schweigen bricht ringsum hervor,
47
Der Wärter ist gegangen,
48
Es schloß sich Tür und Tor.

49
Eine eherne Stimme das Schweigen stört:
50
»judith Josephi, tritt her!«
51
Aus ihrem Schlummer empor sie fährt,
52
Ringsum ist's stille und leer;
53
Rundum ihre Augen spähen,
54
Das Schweigen atmet tief,
55
Niemand ist zu sehen,
56
Der sie mit Namen rief.

57
Des Pharao Bildnis starrt sie an
58
Mit leerem Gespensterblick,
59
Zieht langsam sie in seinen Bann,
60
Ihr Herzblut tritt zurück;
61
Und wiederum schallt die Stimme
62
Und hallt so tief und schwer,
63
Die schreckliche, die schlimme:
64
»judith Josephi, tritt her!«

65
Auf ihrer Stirne liegt der Schweiß
66
Und brennt des Fiebers Glut,
67
Ihre Hände sind so kalt wie Eis,
68
In den Schläfen braust ihr das Blut;
69
Und abermals tönt die Stimme
70
Und dröhnt so hohl und leer,
71
Die grausige, die grimme:
72
»judith Josephi, tritt her!«

73
Zitternd bricht sie in die Knie
74
Mit schrillem Schreckensschrei,
75
Aus tiefster Seele wimmert sie:
76
»jahve, stehe mir bei!«
77
Unter Seufzen und Stöhnen
78
Schleppt sie sich voran,
79
Und hört die Worte tönen:
80
»steh' auf und sieh' mich an!«

81
Der ehernen Stimme hohler Laut
82
Ihren Willen in Stücke bricht,
83
Sie hebt die Augen auf und schaut
84
In das steinerne Gesicht;
85
Dumpf und dröhnend hallen
86
Die Worte auf sie herab,
87
Gleich Schollen, wenn sie fallen
88
In ein tiefes Grab:

89
»judith Josephi, du hast gelacht
90
Ins Gesicht dem Pharao,
91
Du, deren Volk einst ist zerkracht
92
In meiner Hand wie Stroh;
93
Wie eine Unwetterwolke
94
Stand ich über dem Land,
95
Die Hälfte von deinem Volke
96
Trat ich in den Sand.

97
Es schwirrte Israels Weheschrei
98
Meinen Rossen voran,
99
Ich schleppte in die Sklaverei
100
Siebenzigtausend Mann;
101
In grauen Bettlerröcken
102
Ging eurer Großen Schar,
103
Meinen Speichel mußten sie lecken
104
Dreiunddreißig Jahr.

105
In meinem Zelte die ganze Nacht
106
Eures Königs Tochter schrie,
107
Ihrer Tränen habe ich gelacht.
108
Meine Lust versüßten sie;
109
Es lag vor meinem Bette
110
Ihr Vater mit grauem Gesicht
111
An einer Hundekette,
112
Seine Flüche trafen mich nicht.

113
Judith Josephi, dein Leib ist schön
114
Und süß ist dein Gesicht,
115
Entgürte dich, ich will dich seh'n
116
Nackend im Sternenlicht.«
117
Die steinernen Hände greifen
118
An ihres Gürtels Schluß,
119
Die steinernen Lippen streifen
120
Sie mit kaltem Kuß.

121
Ist einer, der Judith Josephi sieht,
122
Und dem das Herz nicht friert?
123
Grauen aus ihren Augen glüht,
124
Als hätte der Tod sie berührt;
125
Ihre roten Lippen erbleichten,
126
Sie wurden nie mehr froh,
127
Seitdem auf ihnen keuchten
128
Die Küsse des Pharao.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Hermann Löns
(18661914)

* 29.09.1866 in Chełmno, † 26.09.1914 in Loivre

männlich

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.