Sophiee von Mandelsloh

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Hermann Löns: Sophiee von Mandelsloh (1890)

1
Ihr Gang war leicht, ihr Zopf war schwer,
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Sie trug ihre Brüste stolz vor sich her
3
Und lachte so laut und so froh;
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Es zwang den ungerittenen Gaul
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Und riß dem Bluthund den Fraß aus dem Maul,
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Sophiee von Mandelsloh.

7
Auf Ricklingen ging der Becher rund,
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Von Hand zu Hand, von Mund zu Mund,
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Gefüllt mit rotem Wein;
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Auf Herzog Albrecht ein Spottlied klang,
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Die schöne Sophiee es lächelnd sang,
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Laut brummte ihr Vater hinein.

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Sie sang: »Herr Herzog, wir bitten Euch schön,
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So laßt euch doch endlich auf Ricklingen sehn,
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Beehrt doch die Mandelsloh;
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Von Lüneburg ist es ja gar nicht so weit,
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Zu Eurem Empfange ist alles bereit,
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Es blitzet und blinkert nur so.«

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Laut lachte ihr Vater und kippte den Rest
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Und knurrte: »Nun holla, ein jeder ins Nest,
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Heut' abend, da gibt es nichts mehr;
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Den Spund in das Loch und geruhsame Nacht,
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Und morgen beizeiten hübsch aufgewacht,
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Denn die Kammern und die Keller, die sind leer.«

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Er warf sich mit Stiefeln und Sporen aufs Bett
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Und schnarchte mit seinem Hund ein Duett,
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Die Eule zum letztenmal schrie;
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Und es krähte ein Hahn und es klang ein Horn,
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Herr Dietrich erwachte in hellichtem Zorn:
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»watt schall düsse Döllmerie?«

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Er fuhr mit dem Kopf in den Eimer hinein,
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Und sah in den lachenden Lenzsonnenschein,
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Und machte ein dummes Gesicht;
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Denn rings um sein graues, griesgrämiges Schloß,
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Da hielt des Herzogs buntscheckiger Troß,
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Dreihundert, das langte noch nicht.

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»sophiee, schnell einen Schoppen her,
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Auf nüchternen Magen, da ficht es sich schwer!«
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Im Unterrock kam sie herein;
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Sie kämmte dem Vater schleunigst das Haar,
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Das noch von der Nacht etwas strubbelig war,
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Und brachte ihm Brot und Wein.

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Ihr Bestes nahm sie dann aus dem Schrank,
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Von blitzblauer Seide und reichlich lang,
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Und bunt von Stickerein,
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Und machte sich schnell noch die hohe Frisur,
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Die trug sie sonst zum Kirchgange nur,
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Und zu ganz großen Gasterein.

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Der Herold schrie zur Mauer empor;
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Der Ritter legte die Hand ans Ohr,
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Dann brüllte er kopfschüttelnd: »Nein!
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Übergeben, sagt ihr, solle er sich?
53
Er denkt nicht daran, der Dieterich;
54
Es wär' auch zu schad' um den Wein.«

55
Da sprach der Herzog, er sprach es recht fein:
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»so denkt doch an Euer schön Töchterlein,
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Herr Dietrich, und bleibt bei Verstand.«
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Sophiee jedoch rief mit keckem Gesicht:
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»herr Herzog, so zimperlich sind wir nun nicht!«
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An den Wurfbock legt sie die Hand.

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Der erste Stein: »Das ging drüber her!«
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Der zweite: »Gefällt mir schon etwas mehr!
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Spannt schnell das Ding noch einmal!«
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Und heulend der Kiesel vom Turme fliegt,
65
Der Herzog blutend im Sande liegt,
66
Sein Gesicht ist aschenfahl.

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Der Ritter machte ein ernstes Gesicht:
68
»ich glaube, der Herr hat den Rest gekriegt,
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Doch uns geht es auch ans Genick;
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Aber alles, was recht ist, ein guter Schuß,
71
Komm', Mädchen, da hast du einen Kuß,
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Das war ein vorzügliches Stück.«

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Zwei Stunden flog weder Stein noch Pfeil,
74
Dann kam von draußen ein Wutgeheul,
75
Des Herzogs Kriegsfahne sank:
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Und es flog kein Pfeil und es kam kein Stein,
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Und die Nacht zog über das Land herein,
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So schwarz, so schwer, so lang.

79
Die Lagerfeuer funkelten rot,
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Die Hunde beheulten des Herzogs Tod,
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Im Schlosse saß alles stumm;
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Denn der Speicher war ledig, die Speckkammer leer,
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Im Keller kein einziges Fäßchen mehr,
84
Der Becher ging sparsam herum.

85
Die Nacht zerfloß vor dem Morgenrot;
86
Die Wurst wurde kurz und schmal das Brot,
87
Sie kriegten alle halb satt;
88
Der Ritter fluchte: »Daß dich der Daus!
89
Ich glaube, die Bande, die hungert uns aus,
90
Sie hungert uns müde und matt.«

91
Und noch eine Nacht und noch ein Tag;
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Herrn Dietrich wurden die Beine schwach,
93
Er sagte schon gar nichts mehr;
94
Zu Mittag gab's einen labbrigen Brei,
95
Der Ritter seufzte: »Gott steh mir bei,
96
Als ob man im Wochenbett wär'!«

97
Er schloß kein Auge die ganze Nacht,
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Obzwar er den Schmachtgurt ganz eng sich gemacht,
99
Sein Hund der piepte vor Schmerz;
100
Vor Hunger er laut seine Pfoten besog,
101
Und winselnd er lange Geschmacksfäden zog,
102
Das ging seinem Herrn an das Herz.

103
Zum Fenster hinein er die Fahne zog;
104
Die Leute des Herzogs die schrien: »Hoch!«
105
Sie waren es gleichfalls satt;
106
Denn die Nacht war kalt, von der Leine her
107
Da nebelte es und wehte sehr,
108
Und feucht war die Lagerstatt.

109
So zog denn der Dietrich von Ricklingen ab,
110
Die Pferde die wollten durchaus nicht in Trab,
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Sie grasten am Wegesrand;
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Die schöne Sophiee im Sattel saß,
113
So steif wie ein Stock, wie der Tod so blaß,
114
Eine Träne im Auge ihr stand.

115
Sie hatte die ganze lange Nacht
116
An den toten Herzog Albrecht gedacht
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Und fühlte bittere Pein;
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Ihr war inwendig so sonderbar,
119
Sie glaubte, daß es die Liebe war;
120
Es konnte auch Heißhunger sein.

121
Vom grauen Himmel die Heidlerche sang,
122
Der Trauermarsch in der Ferne verklang,
123
Die Sonne war ohne Schein;
124
Die Ricklinger sahen sich lange um,
125
Dann ritten sie ganz still und stumm
126
In die weitweite Welt hinein.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Löns
(18661914)

* 29.09.1866 in Chełmno, † 26.09.1914 in Loivre

männlich

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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