Des Hanebuth Lied

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Hermann Löns: Des Hanebuth Lied (1890)

1
Der Tau liegt auf der Heide,
2
Das wird ein schöner Tag,
3
Ein Vögelein mit Freude
4
Erhebet seinen Schlag;
5
Die Taschen sind mir leer,
6
Der Magen noch viel mehr;
7
Ich armer Heideläufer,
8
Mich dauert meiner sehr.

9
Die Würfel und die Frauen
10
Sind voller Trug und Tück,
11
Wer ihnen mochte trauen,
12
Dem ward ein gläsern Glück;
13
Dazu der Branntewein,
14
Erst läuft er lieblich ein;
15
Ist man des Rausches ledig,
16
So trägt man schwere Pein.

17
Ich hab' die drei genossen
18
Zu Bothfeld in dem Krug,
19
Mein Geld, das ist zerflossen,
20
Hab' dessen nie genug;
21
Die Pfennige sind hin,
22
Das Weib war falsch von Sinn;
23
Der Branntwein macht mir Kopfweh,
24
Das ist nun mein Gewinn.

25
Daß ich ein Kaufherr wäre,
26
Mit vielem Gut und Geld,
27
Ich stände hoch in Ehre,
28
Hätt' wohl mein' Seel' bestellt;
29
Nun streif' ich armer Fant
30
Im magren Heideland;
31
Da fließt die braune Wietze,
32
Da fliegt der gelbe Sand.

33
Was seh' ich drüben reiten?
34
Ein Krämer hochgemut,
35
Ich wittre fette Zeiten,
36
Meine Kugel trifft ihn gut;
37
Schnell Pulver auf die Pfann',
38
Du lieber Reitersmann,
39
Jetzt küssest du die Erden,
40
Dieweil ich fahren kann.

41
Der Taler hat er dreißig
42
In seinem Sacke drin,
43
Der frohe Jasper heiß ich,
44
Nach Bothfeld steht mein Sinn;
45
Zu Fuße zog ich aus,
46
Jetzt fahr' ich vor das Haus;
47
Herr Wirt und auch Frau Wirtin,
48
So richtet her den Schmaus.

49
Und zapft vom Brannteweine
50
Und von dem braunen Bier,
51
Du Hübsche und du Feine,
52
Ein Liedchen singen wir;
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Geh' her und tu' Bescheid;
54
Soll werden dir nicht leid;
55
Ein Tüchlein sollst du haben,
56
Desgleichen ein Geschmeid'.

57
Was fliegen da die Raben
58
Und heben an zu schrei'n?
59
Es soll mich frommen Knaben
60
Des Werkes nicht gereu'n;
61
Es nährt sich jeder Mann
62
So wacker wie er kann;
63
Herr Wirt, schließt zu die Laden,
64
Der Abend naht heran.

65
Laßt uns das Liedlein singen,
66
Vom Brummelbeerbusch das Lied,
67
Das gibt ein trefflich Klingen
68
Wohl für mein treu' Gemüt;
69
Der schwarzen Raben Schrei'n
70
Geht mir nicht glimpflich ein;
71
Es soll mich heut' nicht stören,
72
Gar lustig will ich sein.

73
Das Liedlein ist gesungen,
74
Das Krüglein, das ist leer,
75
Das Gläslein ist zersprungen,
76
Mich freut kein Trünklein mehr;
77
Der Wein sieht aus wie Blut,
78
Der Tabak schmeckt nicht gut,
79
Mein Lachen wird zum Weinen,
80
Das Herz mir wehe tut.

81
Hannover an der Leine
82
Ist eine schöne Stadt,
83
Am Steintor auf dem Raine,
84
Da steht das gute Rad;
85
Dabei so steif und stolz
86
Das edle Galgenholz;
87
Der Himmel mocht's nicht leiden,
88
Der Teufel aber wollt's.

89
Ich glaub' nicht, was der Pfaffe
90
In seiner Kirche spricht,
91
Das Lamm hat keine Waffe,
92
Sonst grasete es nicht;
93
Die bitterböse Not,
94
Die kennet kein Gebot;
95
Der Wolf hat seine Zähne
96
Und ich hab' Kraut und Lot.

97
Das Rößlein hat gefressen,
98
Es scharret in dem Sand,
99
Nun heißt es aufgesessen,
100
Wir reiten über Land;
101
Reicht mir das Faustrohr her,
102
Und auch die große Wehr;
103
Der Wind pfeift auf der Heide,
104
Das Herze wird mir schwer.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Löns
(18661914)

* 29.09.1866 in Chełmno, † 26.09.1914 in Loivre

männlich

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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