Die Möwe

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Hermann Löns: Die Möwe (1890)

1
Eine Möwe habe ich gefunden,
2
Rotes Blut entquoll der bitter Wunden,
3
Ihren Flügel habe ich verbunden;
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Armes Vögelein,
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Mußt nun bei mir sein,
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Niemals heilt dir mehr der Fittich ein.

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Sah so lange keine Möwe fliegen,
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Bis ich diese fand im Sande liegen,
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Ihren Kopf ins Heidkraut niederschmiegen;
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Dreißig Jahre lang
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Hör' ich Kettenklang,
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War ein Seefürst einst so frei und frank.

13
Dreimal Tausend sind wir ausgezogen,
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Uns're Drachen durch die Fluten flogen
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Und es duckten sich die grauen Wogen,
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Als wir kamen an,
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Dreimal tausend Mann,
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Wie man besser sie nicht finden kann.

19
Uns're Schiffe flogen wie die Schwalben,
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Unsern Feinden halfen keine Salben,
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Uns're Pfeile waren allenthalben;
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Vor uns ging der Tod,
23
Hinter uns die Not,
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Uns're Hände waren immer rot.

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Als die Kiele dann zu Strande rannten,
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Alle Dörfer in den Marschen brannten,
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Alle Bauern nach der Geest sich wandten;
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Und wir hinterdrein,
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Immer querlandein,
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Denn die ganze Welt sollt' unser sein.

31
So sind wir ins Binnenland gezogen,
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Ließen hinter uns die guten Wogen,
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Die dem Wiking nie die Treue bogen;
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Wer die Treue bricht,
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Den der Treubruch sticht,
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Über uns herein kam das Gericht.

37
Uns're Feinde heulten sich zusammen,
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Uns're Drachen gingen auf in Flammen,
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Durch die Deiche graue Wogen schwammen;
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Wir verließen sie,
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Und nun folgten die
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Uns ins Land, wie dummes treues Vieh.

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Dreimal Tausend sind wir ausgefahren,
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Dreimal Hundert von uns übrig waren.
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Dreimal Zehn vergingen mir an Jahren,
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Daß ein Knecht ich bin,
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Stumpf an Leib und Sinn,
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Hinter mir da klirrt die Kette hin.

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Einmal möcht' ich über See noch fliegen,
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Einmal an das Drachenhaupt mich schmiegen,
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Sehen, wie sich graue Wogen biegen;
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Jede Nacht im Traum
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Schmeck' ich Wellenschaum,
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Hör' das Knarren ich vom Ruderbaum.

55
Weißer Vogel, wolltest dich nicht schämen,
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Wolltest lieber dich zu Tode grämen,
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Denn ein Fischlein aus der Hand mir nehmen;
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Ja, du warest klug,
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Wen die Schwinge trug,
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Dem ist Landgang niemals gut genug.

61
Habe Dank, du liebes Seegeflügel,
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Allzulange trug ich Zaum und Zügel,
63
Brechen will ich meiner Kette Bügel;
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Fließe! rotes Blut,
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Brause! graue Flut,
66
Bin ein Seefürst wieder hochgemut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Löns
(18661914)

* 29.09.1866 in Chełmno, † 26.09.1914 in Loivre

männlich

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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