Oktober

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Hermann Löns: Oktober (1890)

1
Ein grauer Schleier hält die Stadt umwickelt,
2
Auf zwanzig Schritte macht das Auge Schicht,
3
Der nasse Staub mir in den Schnurrbart prickelt
4
Und rinnt mir kitzelnd über das Gesicht.

5
Schwer tropft das Wasser von den stummen Bäumen,
6
Als geisterblasser, fahler Strahlenkranz
7
Gewaltig lange Nebelstreifen säumen
8
Der Gaslaternen halbverwischten Glanz.

9
Es wandelt vor mir her ein Liebespärchen
10
Und hält sich fest und innigheiß umschmiegt –
11
Das ist das alte, oft erzählte Märchen
12
Von ihm und ihr und daß sie sich gekriegt.

13
Ein Mann geht neben mir mit festem Tritte
14
Und pfeift ein Gassenliedchen laut und klar,
15
Er weiß, daß ihn in warmer, eigner Hütte
16
Sein Weib erwartet und der Kinder Schar.

17
Der Hoffnungsnebel hält sie all' umfangen,
18
Durchschimmern sehn sie ihren Zukunftsbau,
19
Vor meinen Augen ist der Dunst zergangen
20
Und ich weiß längst, daß alles schwarz und grau.

21
Vor meinem Blick zerriß der Nebelfetzen
22
Und was ich sah, war schlimmer als der Tod,
23
Denn grausig, wie der Babylonier Götzen,
24
Hat mir die Unbefriedigung zugedroht.

25
Kein Lebensweg führt an ein festes Ende,
26
Ein Ende jedes Strebens – eine Kluft!
27
Nach festem Boden fassen deine Hände
28
Und fassen haltlos in die graue Luft.

29
So große Worte und so kleine Triebe!
30
Der Ruhm? – Die Sucht, ein größrer Narr zu sein,
31
Bemäntelter Geschlechtstrieb – das heißt Liebe,
32
Die Wissenschaft – nutzlose Spielerein.

33
Und wenn du auch ein großes Ziel erstritten,
34
Und dich stolzlächelnd in das Grab gelegt –
35
Ach, Millionen haben schon gelitten,
36
Gleichgültig ist die Zeit vorbeigefegt.

37
Ach, Weltverbesserung und Mitleidsschmerzen,
38
Sie stopfen nicht das unheilbare Loch,
39
Es bluteten Millionen Menschenherzen
40
Und Millionen werden bluten noch.

41
Und Hunger, Wahnsinn, Morden, Lügen, Rauben,
42
Die werden sein, solang' die Welt besteht –
43
D'rum hüll' dich ein in Hoffen oder Glauben
44
Und laß es ruhig gehen wie es geht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Hermann Löns
(18661914)

* 29.09.1866 in Chełmno, † 26.09.1914 in Loivre

männlich

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.