Dortmund

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Hermann Löns: Dortmund (1890)

1
Schwarzgrün war der dürren Gebüsche Laub
2
Und schwarz war der Himmel bezogen,
3
Ein schwarzer, wildwirbelnder Kohlenstaub
4
Kam über die Felder geflogen.

5
Die Sonne ging aus und es nahte die Nacht,
6
Es glühten mit flackerndem Brande
7
Die Hochöfenfeuer in magischer Pracht
8
Irrlichternd am Himmelsrande.

9
Ich ging an den schwarzen Fabriken einher,
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Dampfschnauben erklang durch die Fenster,
11
Aus den Schornsteinen wälzten sich wuchtig und schwer
12
Des Rauches verworr'ne Gespenster.

13
Es flog auf das Herz mir der häßliche Staub,
14
Und es schrumpften die Hoffnungsgrünblätter,
15
Die Ideale – der Altklugheit Raub,
16
Zertrümmerte Griechenlandsgötter.

17
Ich genoß den berauschenden, brennenden Trank,
18
Den fressenden Weltschmerzfusel,
19
Ich trank mich elend und schwelgte mich krank
20
Im lebenvergiftenden Dusel.

21
Am Bahnhof, im kribbelnden Menschengewühl,
22
Im Donnern und Schnauben und Pfeifen,
23
Da fühlt' ich ein schluchzendes Stöhnen mir kühl
24
An die trauernde Seele greifen.

25
An die Mauer gelehnt ein Mädchen dort stand
26
Im schwarzen, schlechtsitzenden Kleide,
27
Das blasse Gesicht in der kräftigen Hand:
28
»was tat man dir, Mädchen, zuleide?«

29
Und schüchtern, wie Ostwind das Röhricht durchzieht,
30
So erzählte sie schluchzend und leise
31
Ein uraltschön Proletarierlied
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In modern komponierter Weise:

33
»unsern Vater, den brachten sie neulich nach Haus,
34
Vom Rade in Stücke gerissen,
35
Da ging unsrer Mutter die Lebenskraft aus,
36
Es hat sie aufs Bett hingeschmissen.

37
Und der Fritz, mein Bruder, wie'n wildes Tier« –
38
Ihre Lippen zuckend sich schlossen,
39
»den haben die Hunde vorgestern hier
40
Beim Streikkrawalle erschossen.

41
Sechs kleine Geschwister, die hungern zu Haus,
42
Und ich hab' kein Geld für die Reise«
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Ihr Kopf sank herab – das Epos war aus –
44
Sie weinte bitter und leise.

45
Ich gab ihr das Geld in die schwielige Hand,
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Nie werd' ich ihr Lächeln vergessen,
47
Sie hielt meine Finger festklammernd umspannt
48
Mit ungläubigdankbarem Pressen.

49
Fort dampfte der keuchende, jappende Zug
50
Mit Donnern und Blitzen und Rasen,
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Der Weltschmerzgedanken verschrobener Flug
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Zerstob wie vom Sturme zerblasen.

53
Ich sah den verglimmenden Glutaugen nach,
54
Belächelnd mein trauriges Herzlein –
55
Was war gegen Jammer von diesem Schlag
56
Mein rührend Poeten-Schmerzlein?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Löns
(18661914)

* 29.09.1866 in Chełmno, † 26.09.1914 in Loivre

männlich

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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