Am Galgenberge

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Hermann Löns: Am Galgenberge (1890)

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Ein sandiger Hügel ist es, nackt und kahl,
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Ein kranker Lindenbaum ist seine Krone,
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Sein schiefer Wuchs, sein Laub, vom Staube fahl,
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Gereicht der edlen Abkunft fast zum Hohne;
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Am Hügelgrunde wuchert Heidekraut,
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Dort schwenkt der Ginster seine schlanken Loden,
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Und hier und da aus ockergelbem Boden
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Ein kümmerliches Glockenblümchen schaut.

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Und gibt es hier viel mehr auch nicht zu sehn,
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Ich lieb' es, sinnend in dem Sand zu träumen,
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Wenn leise Winde durch die Heide wehn
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Und Abendstrahlen ihre Grenzen säumen;
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Den Geist beschäftigt dann so mancherlei,
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Auch die vergangne Zeit und ihre Schrecken,
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Die kein vermorschter Flitter kann bedecken,
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Ich freue mich, daß diese Zeit vorbei.

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Man lobt so gern die gute, alte Zeit,
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Und ruft zurück die längstvergangenen Tage,
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Wo unberührt von satter Nüchternheit
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Die Zeit verfloß, verklärt von Sang und Sage,
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Wo frommen Schauder jedes Herz empfand –
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Nach Idealen noch die Menschheit strebte,
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Nicht ganz allein dem Geldgewinne lebte,
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Und unentweiht der Gottheit Bildnis stand.

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Stets muß ich lächeln, hör' ich solch Geschwätz
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Von Leuten, die noch alte Tugend heucheln
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Und mit der Biederkeit entlehntem Netz
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Notdürftig ihrem Tugenddünkel schmeicheln –
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Ruft sie zurück, die gute, alte Zeit,
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Schaut her, ich will die goldne Zeit euch zeigen,
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Natürlich werde ich euch nichts verschweigen
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Von ihrer blutigroten Biederkeit!

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Wenn ich hier an dem siechen Lindenbaum
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Die Glieder in der Abendsonne recke,
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Dann scheint's mir oft, als ob wie düstrer Traum
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Vergrauter Tage Bild sich neu erwecke;
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Wie Menschenhaufen wälzt es sich heran,
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Ein Sünderglöckchen hör' ich weinend läuten,
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Den Karren keuchen, die Soldaten schreiten –
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Und auf dem Wagen kniet ein bleicher Mann.

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Nicht wahr, das war doch eine schöne Zeit,
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Als statt der Linde hier drei Balken standen,
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Als Seilers Töchterlein hier ward gefreit,
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Die ihre Liebsten schlang in feste Banden,
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Wie schön, wenn ein fideles Sünderpaar
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Im Abendwinde gravitätisch schaukelt
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Und in den Lüften heiser krächzend gaukelt
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Die unbezahlte Totengräberschar.

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O innigfromme, pflichtgetreue Zeit
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Voll Unnatur und aberwitz'gem Tande,
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Wo man mit tugendkalter Grausamkeit
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Das Unglück stempelte zu Schmach und Schande,
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Wo man den Wahnsinn ein Verbrechen hieß
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Und dem gefallnen Mädchen ohn Erbarmen
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Das Kleid vom Leibe riß mit frechen Armen
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Und sie im Hemd am Kirchtor stehen ließ.

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Ja, Rad und Galgen und ein Kreuz davor,
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Das setzt ins Wappen dieser Periode,
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Wo man als Schandmal richtete empor
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Des Sünders Leib nach grauenvollem Tode,
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Wo Bosheit ging der Dummheit treu zur Hand
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Und Angeklagtsein galt für schon gerichtet,
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Wo Leib und Seele wenigstens vernichtet,
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Wenn man den Folterbänken sich entwand.

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Sieh dort, wo unter dem Wacholderstrauch
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Kaninchen ihre engen Röhren haben,
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Da ist von ihnen mit dem Kiese auch
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Ein abgebleichtes Knöchlein ausgeraben,
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Die Elster schleppt ihn ins Versteck und plagt
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Sich ab damit, ihr wird wohl nimmer schwanen,
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Daß einstmals ihre Ururelterahnen
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Dies Knöchlein hier so sauber abgenagt.

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Es liegen solcher Knochen wohl noch viel
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Hier zwischen Heidekraut und dürrem Rasen,
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Die Elster treibt damit ihr müßig Spiel
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Und in dem hohlen Bein die Winde blasen.
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Wer
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Doch ich vermochte oft genug zu lauschen,
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Wie's leise raunte in der Linde Rauschen:
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»freu, Menschheit, dich, daß diese Zeit vorbei!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Hermann Löns
(18661914)

* 29.09.1866 in Chełmno, † 26.09.1914 in Loivre

männlich

deutscher Journalist und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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