Wer laut von diesem längst verlaßnen Turm

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Christian Morgenstern: Wer laut von diesem längst verlaßnen Turm Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Wer laut von diesem längst verlaßnen Turm
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der Tannen Ringwald überrufen wollte,
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und trüge, was er riefe, stärkster Sturm,
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ihm ahnte, daß es nie ein Ziel errollte.
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So einsam steigt der alte Bau empor;
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er fühlte Fürsten einst auf seinen Stufen,
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bis, dunkler Taten schauerlich verrufen,
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sein stiller Reiz der Menschen Gunst verlor.

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Nur daß von Jägern sich zuweilen wer
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vorbei verirrt, von wanderfrohen Seelen,
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von Bettelpack, und wer die Kreuz und Quer
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den Forst durchschleicht, sich Holz und Wild zu stehlen;
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nur daß an seinem Fuß zuweilen sich,
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wie heut, Zigeunervolk sein Reisig schichtet
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und mit der Bogen wehmutwildem Strich
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sein Weltweh in den fremden Frieden dichtet.

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In allen Kronen hängt noch goldner Glanz ...
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Die Sonne säumt noch, ihren Tag zu enden ...
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Der Söllerblöcke halb zerfallnen Kranz
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umlodert noch ihr scheidendes Verschwenden ...
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Und aus dem Purpur schwillt es wie ein Born,
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ein Strom von Tönen –: Abends erst Erschauern
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erregt des Turms uraltes Äolshorn,
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der Sonne nachzujauchzen, nachzutrauern.

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Die Heimatlosen drunten horchen auf – –.
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Und einer nimmt die Geige von den Knien
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und strebt mit manchem jähen Sprung und Lauf
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des Winds Gesang phantastisch zu durchziehen ...
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Und wie so Wind und Seele sich verweben,
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erwachen mehr und mehr der treuen Geigen ...
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Ein aller Leidenschaften schluchzend Leben
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erstürmt des Himmels immer tiefres Schweigen.

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Gefangen folgt zuletzt die ganze Schar
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der Windposaune wunderlichen Launen ...
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Nun rast es tollkühn, unberechenbar ...
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Nun stockt es wie in fragendem Erstaunen ...
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Oh Sonne! Sonne! Mutter! Mutter! flehen,
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verzweifeln, weinen, drohen all die Stimmen
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und drohn und flehn in immer bangren Wehen,
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je mehr des Tages Brände rings verglimmen.

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Doch droben – seht ihr? die Zigeunerin!
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Entstahl sie sich dem Kreis der braunen Söhne?
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Wo kam sie her, das Weib? Wie kam sie hin?
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Wie wächst sie hoch in schattenhafter Schöne!
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Und hört ihr – hört! wie ihre Lippen singen –
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ein Lied, das endlich alles überwindet,
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in sich die andern Stimmen alle bindet,
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damit Natur und Menschheit sie umklingen.

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Es ist das tiefe Lied der Einsamkeit,
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das Königslied der großen Ungekrönten,
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das Klagelied der würdelosen Zeit,
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das Trutzlied aller nur mit sich Versöhnten,
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und ist der Weisheit gütiger Gesang,
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des Willens jugendewiges »Es werde!«,
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der Liebe Durst und Pein und Überschwang,
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es ist das Schicksals-Hohelied der Erde.

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Der Wald ward still. Kein Hauch im Wipfelschweigen.
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Der Sterne Chor bewegt sich klar herauf ...
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Und schlanke Leiber, edle Häupter zeigen
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sich hoch vom Turme seinem ernsten Lauf ...
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Die überall Verstoßenen, sie wohnen
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in der Unendlichkeit azurnem Zelt –:
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Um ihre Stirnen brennen bleiche Kronen,
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und ihre Seelen sind der Sinn der Welt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Morgenstern
(18711914)

* 06.05.1871 in München, † 31.03.1914 in Meran

männlich, geb. Morgenstern

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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