Auf einem Eichenstrunk, die Ziegenbeine

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Christian Morgenstern: Auf einem Eichenstrunk, die Ziegenbeine Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Auf einem Eichenstrunk, die Ziegenbeine
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behaglich überschlagen, sitzt ein Faun
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und liest in einem alten Zeitungsblatt,
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das er im Walde irgendwo gefunden.
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Ein Feuilleton »Die Presse, ihre Macht
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und heilige Mission« beschäftigt ihn.

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»die Presse« liest er »ist das Fundament
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der heutigen Kultur, der stärkste Hebel
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geistigen Fortschritts, höherer Gesittung.
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Sie ist die Lehrerin, Erzieherin
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und Richterin der Völker! Nichts entzieht sich
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der Allmacht ihrer Kritiker: Sie prüft,
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beleuchtet alles, was du denkst und tust,
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sie ist die vornehmste, stets wachsame
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und drum so wichtige Vertreterin
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der öffentlichen Meinung. Papst und Kaiser
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umbuhlen sie. Und bis herab zum Bettler
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sieht alle Stände, alle Klassen man
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ihr unterworfen und gezwungen, sie
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zu respektieren. Und noch mehr, noch mehr!
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Sie ist das unentbehrlich-wichtigste
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Verkehrs- und Bildungsmittel unsrer Zeit:
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Bezieht ein großer Teil der Menschheit doch
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heut sein gesamtes Wissen aus der Zeitung!
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Denn mehr und mehr verdrängt die Tagespresse
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der langen Bücher zweifelhaften Wert:
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Der Menschen Kraft, Bedürfnis nehmen heut
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die Zeitungen und Zeitschriften in Anspruch,
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sodaß der Sammlung fordernden Lektüre
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kein Raum mehr bleibt. Die für den Tag geschriebnen
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und mit dem Tag vergehnden Zeitungen,
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sie wirken eben rascher als die dicken,
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gedankenschweren Bücher, ja noch mehr!
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In ihren Händen liegt das Schicksal aller
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schriftstellerisch- und dichterischen Werke!«

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Mit breitem Grinsen liest es der Panisk,
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und seine Flöte an die Lippen langend,
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erhebt er sich und trabt vergnügt waldein.
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Ein Wiesel raschelt unterm Stamm hervor;
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die hohen Eichen flüstern hell im Wind;
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und das Papierchen tanzt in eine Pfütze.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Morgenstern
(18711914)

* 06.05.1871 in München, † 31.03.1914 in Meran

männlich, geb. Morgenstern

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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