Das Schloß liegt unbewohnt seit Jahr und Tag

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Christian Morgenstern: Das Schloß liegt unbewohnt seit Jahr und Tag Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Das Schloß liegt unbewohnt seit Jahr und Tag,
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der Park verwildert, pfadlos, unzugänglich,
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dicht eingestrüppt von wirrem Weißdornhag.

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Wo Grotten, Treppen, Hügel uranfänglich:
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Verfall nun: Stämme, Schutt, gesunkner Grund ...
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des Friedens Stätte einst, nun wüst und bänglich.

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In dieses Parkes Tiefe birgt ein Rund
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von Birken zweier Götter Steingebilde,
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den Alten hochberühmt durch ihren Bund –:

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Den Gott des Krieges, mit zerbrochnem Schilde,
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und sie, der Liebe hohe Königin,
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in wohl gewahrter Lieblichkeit und Milde.

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Sie blicken zärtlich gen einander hin,
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und bunte Falter tragen ihre Grüße, –
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doch kennt ihr auch des Spiels geheimen Sinn? ...

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In einer Sommermondnacht Wundersüße,
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in einer Nacht, da eine Nachtigall
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tot niederstürzte vor der Göttin Füße,

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so wild war ihrer Sehnsucht Überschwall,
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in einer solchen Nacht des Drangs der Säfte
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geschah der dunkle, unerhörte Fall,

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daß aus dem Übermaß der Lebenskräfte
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ein Strom in jenes Paar hinüberrann
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und es mit trügerischem Leben äffte –:

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Herab zur Erde springen Weib wie Mann ...
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Und stürmisch, wie sich Glut und Flut umfassen,
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vergessen sie den langen, kalten Bann ...

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Doch schon beginnt die Lippe zu erblassen,
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versagt das Blut den weitern tollen Lauf –:
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Sie müssen schaudernd von einander lassen ...

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Nach ihren Säulen streben sie hinauf –
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allein umsonst –: Sie sinken, wo sie stehen:
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Und wieder nimmt sie Steines Starrheit auf.

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Zwölf Monde gingen hin, seit dies geschehen,
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als gleicher Frist das Gleiche sich begab:
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Man wachte auf, doch Venus – lag in Wehen!

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Und alsobald erscheint ein muntrer Knab',
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zum Leben sichtlich denn zum Tod bereiter,
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und bricht sich schon ein Birkenreislein ab ...

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Und während Mars und Venus innig heiter
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ihm zusehn, zielt er schon nach links und rechts
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auf Mäuse, Hummeln, Vögel und so weiter.

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Und merkt es nicht im Eifer des Gefechts,
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daß seine Eltern still und stiller werden, –
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bis plötzlich er der Letzte des Geschlechts.

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Er springt hinzu mit kindlichen Gebärden,
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er ruft und tastet, –: Stein und nichts als Stein!
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Und eben erst entrückt dem Schoß der Erden,

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von niemandem belehrt als sich allein,
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verwirft er endlich all die eitlen Fragen
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und richtet sich in seinem Reiche ein.

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Ein freundlich Heer von ungetrübten Tagen,
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so schien es, war dem losen Schelm beschert ...
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Wie manches Tierherz mußte ihn verklagen:

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Denn ach wie manches ward von ihm versehrt!
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Wenn früher schon die Liebe hoch hier blühte,
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so war ihr jetzt kein Herz mehr abgekehrt.

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Bis eines Tags ein Paar bekränzter Hüte,
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seit Jahr und Tag das erste Menschenpaar,
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sich kreuz und quer den alten Park durchmühte.

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Weh, Amor! nun ereilt dich die Gefahr! –:
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Denn, kaum daß jene durchs Gebüsch gedrungen, –
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der kleine Gott schon Stein geworden war.

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»o sieh doch! sieh!« so jubeln sich die jungen
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Entdecker zu – »Ein Fund! ein Schatz! ein Hort!«
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Das Mädchen ist zu Amorn hingesprungen –:

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Der spielt noch, steinern, seine Rolle fort
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und steht mit trotzig aufgespanntem Bogen –
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und treibt den Jüngling so zum rechten Wort ...

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Von jäher Röte Flammen überflogen,
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bekennt sein Lieb sein Werben ihm zurück –
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und fühlt sich schon an seine Brust gezogen ...

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Wer glaubte nicht der beiden reinem Glück?
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So laßt uns nur die Frage noch beschwichten,
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wie sich beschließt das wunderliche Stück.

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Man wollte auf den Kleinen nicht verzichten
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und nahm ihn mit, er war ja »herrnlos Gut«!
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Die Eltern glückt' es wieder aufzurichten.

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Sie ließ man wieder in der Wildnis Hut.
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Sie blicken immer noch voll Zärtlichkeiten,
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doch ewig nun erloschen schweigt ihr Blut.

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Indessen steht vor Amor man (dem Zweiten),
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als allbekanntem »Raub«, bewundernd da ...
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Man glaubt, er stamme aus Canovas Zeiten ...

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Ich aber lächelte, als ich ihn sah.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Morgenstern
(18711914)

* 06.05.1871 in München, † 31.03.1914 in Meran

männlich, geb. Morgenstern

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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