Eine lange Gasse war mein Nachtweg

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Christian Morgenstern: Eine lange Gasse war mein Nachtweg Titel entspricht 1. Vers(1892)

1
Eine lange Gasse war mein Nachtweg.
2
Vor mir schalt ein Kerl mit seiner Dirne,
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hohl zerbrach der Hall am Wall der Wände.
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Nun ein kurzer Kampf – und gellend schreiend
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floh das Weib den Weg an mir vorüber.
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Aus dem Dämmer tauchten, wie dem Boden
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jäh entwachsen, drohende Gestalten,
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Pfiffe schrillten, schwere Tritte trabten,
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Flüche zischten: Fort! die Polizisten!
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Und im Nu von Nacht verschlungen alles.
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Wimmern noch ... Geworfne Türen ... Stille ...
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Ausgestorben schien der ganze Stadtteil.
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Rot und trübe kämpften die Laternen.

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Und ich sah, erstarrt, durch eine Hauswand ...
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Eines Kaufherrn Schlafgemach beschlichen
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zwei geschwärzte Bursche. Auf den Schläfer
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warf der eine sich, der andre feilte
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an dem Schrank. Dem Ächzen seiner Säge
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mischten grausig sich erstickte Laute.
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Gold, Papiere, Ringe rissen gierig
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ihre Finger aus den Fächern ... Leise
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rief es durch die Tür: Die Wache warnte.
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Hastig raffte jeder noch das Nächste,
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wusch sich flüchtig die befleckten Hände –
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Dringend rief es noch einmal. Die Kerze
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gloste. Schwarz und lautlos lag das Zimmer.

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Und ich ging die lange Gasse weiter.
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Hinter fensterlosen Mauern sah ich
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neue Frücht' und Opfer der Gesellschaft.
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Der zerschlug sich den geschornen Schädel ...
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Der verstierte sich hinauf zur Luke ...
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Der durchtappte rastlos seine Zelle ...
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Augen brannten; Lippen fluchten flüsternd;
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Fäuste krampften sich; Gehänge klirrten;
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mancher wälzte sich in lauten Träumen;
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doch die meisten schliefen tief wie Tote.
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Frech vertiert, verduldet, unterwürfig,
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gramzerfressen, haßverzerrt, verachtend,
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also prägten schrecklich sich die Mienen.

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Und mich zog die lange Gasse weiter.
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Endelosen Fensterreihn entscholl es,
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mir nur hörbar, dumpf und unablässig,
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wie von Stöhnen, Weinen, Weherufen.
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Sieche, Krüppel, Giftige, Zersetzte
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nährten dort des Lebens arme Flämmchen,
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hofften, rafften sich von Tag zu Tage,
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bis des Todes Weisheit endlich siegte.
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Wie sie so in weißen Kissen wachten ...
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Opfer ihrer Herkunft, ihres Standes,
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ihrer Gierden, ihrer Dienst und Taten,
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ihrer Mitwelt, die sie stieß und hemmte!
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Wie die bleichen Händ' anklagend winkten!

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Und ich floh die trübe Gasse weiter.
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Gebt euch nicht so stolz, ihr roten Mauern,
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oder prahlt mit freudigeren Gästen!
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Niemand weiß es, wer sie sind, sie selber
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lächeln seltsam, fragst du, wie sie heißen.
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Sind an Tafeln zwar geladen worden,
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drauf zu lesen, wo man sie getroffen –:
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Den in einem Wehr beim Fest der Fische;
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die in einem Hag voll Heckenrosen;
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den auf blanken Gleises kaltem Kissen;
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den in einer Herberg fremdem Zimmer.
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Aber alle ruhn sie bleich und schweigend,
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lächeln starr-verächtlich deiner Fragen.

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Und ich wanderte mechanisch weiter.
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Hinter einer hohen Gartenmauer
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hob aus Bäumen sich ein altes Kloster,
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dessen eisenstabverkreuzte Scheiben
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wirren Lärms zuweilen dumpf erklirrten.
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Plötzlich ward ein Fenster aufgerissen,
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und ein Mensch im Hemde überschrie sich
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in den leeren Park hinunter: »Rechts schwenkt!
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Laufschritt! Marsch marsch! Das Gewehr zum Sturm rechts!
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Ha–alt! Nieder! Fertig! Feuer! Feuer!
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Feu–« Jäh brach es ab, zu schlug das Fenster.
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Fernes Toben. – Über dem Portal stand:
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»selig sind, die große Trübsal dulden!«

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Und ich setzte meine Schritte weiter –
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fast so ungewiß wie der Betrunkne,
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der im Morgengrauen mir entgegen
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kam –: Nun tappte er zur Seit', nun rückwärts,
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schoß vornüberfallend vorwärts, rannte
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wider die Laterne, griff ins Leere,
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schwankte, rollte in den Kot der Gosse ...
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Selber wirbelte mir Wust im Haupte ...
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Särge, drängten sich die Häuser; Grüfte
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hallten, wo ich schritt; von Moder, Fäulnis
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schnob die Luft; Gewölke Bluts und Tränen
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dampften, dunsteten, mich dumpf erstickend ...
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Weiß nicht mehr, wie ich den Weg vollendet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Morgenstern
(18711914)

* 06.05.1871 in München, † 31.03.1914 in Meran

männlich, geb. Morgenstern

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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