Ich träumt einmal, ich läg, ein blasser Knabe

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Christian Morgenstern: Ich träumt einmal, ich läg, ein blasser Knabe Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Ich träumt einmal, ich läg, ein blasser Knabe,
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in einem Kahne schlafend ausgestreckt,
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und meiner Lider fein Geweb durchflammte
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der hohen Nacht geheimnisvoller Glanz.
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Und all mein Innres wurde Licht und Schimmer,
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und ein Entzücken, das ich nie gekannt,
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durchglühte mich und hob mein ganzes Wesen
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in eine höhere Ordnung der Natur.
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Ein leises Tönen hielt mich hold umfangen,
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als zitterte in jedem Sternenstrahl
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der Ton der Heimat, die ihn hergesendet.
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und ließ die andern mehr und mehr verstummen
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und tat sich auseinander wie der Kelch
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der Königin der Nacht und offenbarte
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auf seinem Grunde mir sein süßes Lied ...

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»wir grüßen dich in deine stillen Nächte,
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als deiner Zukunft tröstliche Gewähr,
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es schalten ungeheure Willensmächte
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in unsrer Tage blindem Ungefähr.
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Sie ziehn dich von Gestaltung zu Gestaltung,
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heut schleppst du dich noch schweren Schrittes hin,
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doch bald begabt dich freiere Entfaltung
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mit reicherer Natur und höherm Sinn.
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So wandeln wir auf leichten Tänzerfüßen,
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die wir dereinst auch dein Geschick geteilt,
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und dürfen dich mit einem Liede grüßen,
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das dich auf Strahlen unsres Sterns ereilt.
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Oh flüchte bald nach unsern Lustgefilden,
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und laß der kalten Erde grauen Dunst,
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Oh sähst du, zu welch göttlichen Gebilden
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uns schuf des Schicksals heiß ersehnte Gunst!
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Auf Blumen wandeln wir wie leichte Falter,
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aus Früchten saugen wir der Kräfte Saft,
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uns ficht kein Elend an, zerbricht kein Alter,
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der frühern Leiden lächelt unsre Kraft.
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Denn allzu schön, als daß wir uns entzweiten,
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erschuf uns das Gestirn, das uns gebar, –
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wir können uns nicht Schmerz und Not bereiten,
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die Schönheit macht uns aller Feindschaft bar!
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Wir lieben uns aus tiefsten Herzensgründen,
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wir trinken unsres Anblicks Glück und Huld,
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wir wissen nichts wie ihr von fahlen Sünden,
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und keinen ängstigt das Gespenst der Schuld.
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Oh komm! daß sich die dornenlose Rose
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auch deiner Schläfe duftend schmiegen kann!
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Die schönste Schwester diene deinem Lose
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und schenke dich dem schönsten Mann – oh komm –!«
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Da unterbrach ein dumpfer Glockenton
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die reinen, feinen Stimmen jener Welt.
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Ich richtete mich halb im Bette auf –
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und sah viel Sterne durch mein Fenster glühn ...
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und sank zurück. Und weiter floß die Nacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Morgenstern
(18711914)

* 06.05.1871 in München, † 31.03.1914 in Meran

männlich, geb. Morgenstern

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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