Zwölf stumme Männer trugen mich

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Christian Morgenstern: Zwölf stumme Männer trugen mich Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Zwölf stumme Männer trugen mich
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in einem Sarge von Kristall
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hinunter an des Meeres Strand,
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bis an der Brandung Rand hinaus.
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So hatte ich's im Testament
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bestimmt: Man bette meinen Leib
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in einem Sarge von Kristall
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und trage ihn der Ebbe nach,
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bis sie den tiefsten Stand erreicht.
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Der Sonne ungeheurer Gott
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stand bis zum Gürtel schon im Meer:
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An seinem Glanze tränkte sich
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wollüstig noch einmal die Welt.
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Ich selber lag in rotem Schein
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wie ein Gebilde aus Porphyr.
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Da streckte katzengleich die Flut
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die erste Welle nach mir aus.
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Und ging zurück und schob sich vor
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und tastete am Sarg hinauf
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und wandte flüsternd sich zur Flucht.
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Und kam zurück und griff und stieß
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und raunte lauter, warf sich kühn
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darüber, einmal, viele mal.
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Und blieb, und ihrer Macht gewiß,
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umlief frohlockend sie mein Haus
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und pochte dran und schäumte auf,
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als ihrer Faust es widerstand.
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Und hoch und höher wuchs und wuchs
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das Wasser um mein gläsern Schloß.
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Nun wankte es, als hätt' ein Arm
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und noch ein Arm es rauh gepackt,
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und scholl in allen Fugen, als
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ein Wellenberg auf ihm sich brach
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und es wie ein Lawinensturz
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umdröhnte und verschüttete.
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Und langsam wich der nasse Sand.
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Und seitlings neigte sich der Sarg.
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Und, unterwühlt und übertobt,
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begann er um sich selber sich
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schwerfällig in die See zu drehn.
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Zu mächtig, daß die Brandung ihn
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zum Strand zu schleppen hätt' vermocht,
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vergrub er rollend sich und mich
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in totenstillen Meeresgrund.
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So lag ich denn, wie ich gewollt.
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Und dunkle Fische zogen still
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zu meinen Häupten hin und her.
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Und schwarzer Seetang überschwamm
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mein Grab. Und mein Bewußtsein schwand.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Morgenstern
(18711914)

* 06.05.1871 in München, † 31.03.1914 in Meran

männlich, geb. Morgenstern

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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