Die Augenlider schlag ich auf

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Christian Morgenstern: Die Augenlider schlag ich auf Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Die Augenlider schlag ich auf.
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Ich hab so groß und schön geträumt,
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daß noch mein Blick in seinem Lauf
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als wie ein müder Wandrer säumt.
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Schon werden fern im gelben Ost
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die Sonnenrosse aufgezäumt.
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Von ihren Mähnen fließen Feuer,
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und Feuer stiebt von ihrem Huf.
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Hinab zur Ebne kriecht der Frost.
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Und von der Berge Hochgemäuer
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ertönt der Aare Morgenruf.

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Nun wach ich ganz. Vor meiner Schau
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erwölbt azurn sich ein Palast.
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Es bleicht der Felsenfliesen Grau
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und lädt den Purpur sich zu Gast.
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Des Quellgeäders dumpfes Blau
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verblitzt in heitren Silberglast.
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Und langsam taucht aus fahler Nacht
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der Ebnen bunte Teppichpracht.

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All dies mein Lehn aus Phanta's Hand!
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Ein König ich ob Meer und Land,
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ob Wolkenraum, ob Firmament!
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Ein Gott, des Reich nicht Grenze kennt.
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Dies alles mein! Wohin ich schreite,
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begrüßt mich dienend die Natur:
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ein Nymphenheer gebiert die Flur
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aus ihrem Schoß mir zum Geleite;
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und Götter steigen aus der Weite
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des Alls herab auf meine Spur.

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Das mächtigste, das feinste Klingen
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entlauscht dem Erdenrund mein Ohr.
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Es hört die Meere donnernd springen
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den felsgekränzten Strand empor,
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es hört der Menschenstimmen Chor
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und hört der Vögel helles Singen,
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der Quellen schüchternen Tenor,
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der Wälder Baß, der Glocken Schwingen.

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Das ist das große Tafellied
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in Phanta's Schloß, die Mittagsweise.
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Vom Fugenwerk der Sphären-Kreise
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zwar freilich nur ein kleinstes Glied.

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Erst wenn mit breiten Nebelstreifen
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des Abends Hand die Welt verhängt
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und meiner Sinne maßlos Schweifen
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in engere Bezirke zwängt –
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wenn sich die Dämmerungen schürzen
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zum wallenden Gewand der Nacht
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und aus der Himmel Kraterschacht
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Legionen Strahlenströme stürzen –
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wenn die Gefilde heilig stumm,
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und alles Sein ein tiefer Friede –
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dann erst erbebt vom Weltenliede,
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vom Sphärenklang mein Heiligtum.

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Auf Silberwellen kommt gegangen
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unsagbar süße Harmonie,
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in eine Weise eingefangen,
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unendlichfache Melodie.
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Dem scheidet irdisches Verlangen,
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der solcher Schönheit bog das Knie.
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Ein Tänzer, wiegt sich, ohne Bangen,
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sein Geist in seliger Eurythmie.

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Oh seltsam Schloß! bald kuppelprächtig
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gewölbt aus klarem Ätherblau;
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bald ein aus Quadern, nebelnächtig,
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um Bergeshaupt getürmter Bau;
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bald ein von Silberampeldämmer
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des Monds durchwobnes Schlafgemach;
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und bald ein Dom, von dessen Dach
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durch bleiche Weihrauch-Wolkenlämmer
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Sternmuster funkeln, tausendfach!

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Das stille Haupt in Phanta's Schoße,
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erwart ich träumend Mitternacht: –
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da hat der Sturm mit rauhem Stoße
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die Kuppelfenster zugekracht.
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Kristallner Hagel glitzert nieder,
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die Wolken falten sich zum Zelt.
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Und Geisterhand entrückt mich wieder
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hinüber in des Schlummers Welt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Morgenstern
(18711914)

* 06.05.1871 in München, † 31.03.1914 in Meran

männlich, geb. Morgenstern

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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