Wer möcht am trägen Stoffe kleben

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Christian Morgenstern: Wer möcht am trägen Stoffe kleben Titel entspricht 1. Vers(1892)

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Wer möcht am trägen Stoffe kleben,
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dem Fittich ward zu Weltenflug!
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Ich lobe mir den süßen Trug,
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das heitre Spiel mit Welt und Leben.
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In tausend Buntgewande steck ich,
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was geistig, leiblich mich umschwebt;
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in jedem Ding mich selbst entdeck ich:
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nur der lebt Sich, der also lebt.

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Mir ist, ich sei emporgestürmt
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über stürzende Wasserfälle.
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Mir engt's die Brust, um mich getürmt
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ahn ich schützende Nebelwälle.
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Aus dumpfen Regionen,
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aus Welten von Zwergen,
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trieb's mich fort,
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ob auf ragenden Bergen
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ein besserer Ort
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dem Freien, zu wohnen.

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Es weht mir um die Stirne
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ein Hauch wie von Frauengewand ...
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Folgte zum steilen Firne
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mir wer aus dem Unterland?
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Es beugt sich zu mir nieder
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ein liebes, schönes Gesicht ...
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Glaubst Du, ich kenne Dich nicht,
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Sängerin meiner Lieder?
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Du bist ja, wo ich bin,
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mein bester Kamerade!
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Bei Dir trifft mich kein Schade,
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meine Herzenskönigin!

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»du flohest aus Finsternissen,
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mühsamen Mutes,
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ich weiß es.
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Du hast zerrissen
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Dein Herz, Dein heißes,
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und bei dem Leuchten Deines Blutes
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bist Du den dunklen Pfad
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weiter getreten,
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bis Du mich fandest
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und mit tiefen Gebeten
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mich an Dich bandest,
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daß ich Dich liebgewann,
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dem ringenden Mann
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ein treuer Kamerad.

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Du brachst uralte Ketten
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und kamst heute Nacht
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in mein Reich.
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Ich will Dich betten
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an meiner Brust
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warm und weich,
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in Träumepracht
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Deine Seele verzücken:
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der ganzen Welt
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Außen und Innen
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sei Deinem Sinnen
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preisgestellt.
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Magst sie schmücken
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mit lachender Lust,
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magst sie tausendfach
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deuten und taufen,
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mit Berg und Wald,
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mit Wiese und Bach,
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mit Wolken und Winden,
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mit Sternenhaufen
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Dein Spiel treiben,
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Deinen Spaß finden;
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brauchst nicht zu bleiben
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an einem Ort;
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magst die Welt
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bis zu Ende laufen;
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denn Hier oder Dort,
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wo Du auch seist,
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wo sich das Himmelszelt
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über die Erde spannt:
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das sei Deinem Geist
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Phanta's Schloß genannt.«

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Schneller strömt des Blutes Fluß,
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Wonne mich durchschauert,
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auf meinen Lippen dauert
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sekundenlang Dein süßer Kuß.
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Nun nimm mich ganz, und trage
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mein Fragen mit Geduld!
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Für alles, was ich nun sage,
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trägst Du fortan die Schuld.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Morgenstern
(18711914)

* 06.05.1871 in München, † 31.03.1914 in Meran

männlich, geb. Morgenstern

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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